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Gabriele Maria Sigg

Ehre revisited. Die Charakterhaltung als gesellschaftliche Grundlage

(Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag. Reihe Sozialwissenschaften 77), Baden-Baden 2017, Tectum, 303 Seiten mit 25 Abbildungen, meist farbig, 7 Tabellen
Rezensiert von Sebastian Gietl
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 14.08.2018

Ein wichtiges Buch zur richtigen Zeit! Die freie Wissenschaftlerin und Publizistin, Philosophin und Soziologin Gabriele Maria Sigg hat es vorgelegt. Mit Arbeitsschwerpunkten in der soziologischen Theorie, der Sozial- und Kulturphilosophie, der kulturellen Einbettung von Wirtschaft und Recht, aber auch der Emotionsforschung im Kontext kultureller Werte- und Normenbildung steht die Türkei respektive Istanbul im Zentrum vieler ihrer wissenschaftlichen Projekte. So freut es umso mehr, dass auch im Rahmen ihrer Dissertation die Stadt und hier ganz speziell der weltberühmte Große Basar im Zentrum ihrer Forschung stand. Dabei wählte sie sich eine nicht alltägliche Zugangsweise, wenn sie sich über den türkischen Ehrbegriff dem Handelsgebaren auf dem Basar nähert. Der Ehrbegriff trat medial in Deutschland bisher vor allem über die sogenannten „Ehrenmorde“ und damit verbunden im Bereich der traditionellen Rollenvorstellung von Frau und Mann in Erscheinung. Das Anliegen der Autorin ist es, ihn aus diesem patriarchalen, familiären Rahmen zu befreien. Das schafft sie ganz hervorragend und setzt damit einen weiteren Mosaikstein des besseren Verstehens im so schwierigen, von Ressentiments und Missverständnissen geprägten Verhältnis zwischen der Türkei und Deutschland.

Am Beispiel der Handelsehre auf dem Großen Basar arbeitet sie die Veränderung der Charakterstruktur von einer vermoderten zu einer modernen Gesellschaft heraus und verdeutlicht gleichzeitig die Bedeutung eines „ehrbaren Kaufmannes“ für das Funktionieren einer Gesellschaft. Dabei tun der Arbeit die historische Perspektivierung sowie der kulturvergleichende Ansatz sehr gut.

Die Einleitung erweist sich für den Leser als äußerst hilfreich arrangiert. In ihrer elaborierten Dichte gibt sie den Weg und das Selbstverständnis der Arbeit vor, indem sie ein breites Spannungsfeld aufbaut bzw. die interdisziplinäre Dimensionierung des Ehrbegriffes auffächert. Über diesen Ansatz gelingt es der Autorin, den Leser mit auf die Reise zu nehmen und gleichzeitig auf knappem Raum fernab aller Orientalismen und Stereotypen alle Informationen an die Hand zu geben, die er zum besseren Verständnis sowohl der historischen Genese des Basars als auch des fremden kulturellen Umfeldes und der handelnden Personen und Situationen benötigt.

Der folgende Hauptteil, der mit „Die Divergenz vormoderner und moderner Ökonomie als Schauplatz der Veränderung der Charakterhaltung“ überschrieben ist, ist wiederum in fünf Forschungsteile untergliedert, die sich auf sehr unterschiedliche Weise dem Thema nähern und damit jeder für sich andere kulturelle Prozesse visualisieren, die das Gesamtphänomen „Ehre“ im zwischenmenschlichen Handel im Basar ausmachen.

Nach einer historischen Annäherung an das Phänomen „Großer Basar“ beschäftigt sich die Autorin hier zunächst mit der „Genese und Beschaffenheit des traditionellen Handelshabitus: Der ehrbare Kaufmann“. Anhand unterschiedlicher Fallbeispiele schlüsselt sie den Ehrbegriff in der „älteren Basarriege“, also bei Händlern, die bereits langjährig bzw. über Generationen hinweg Geschäfte im Basar betreiben, auf und erklärt die historische Entwicklung des Ehrbegriffs durch das traditionelle Ausbildungssystem „Ahilik“ und die darin tradierten Werte, die bis in die Anfangszeiten des Basars im 15. Jahrhundert zurückreichen.

Im zweiten Teil steht die Charakterhaltung im Wandel von der Vormoderne zur Moderne im Mittelpunkt. Hier fächert die Autorin die Forschung in vier Teilaspakte auf: Sie stellt zunächst die Frage, ob die Orientierung an Prestige und Geld ein Generationen- und Globalisierungsproblem ist, was sie am Beispiel verschiedener Anbieter und ihres jeweiligen Sortiments (imitierte Ledertaschen, Silberschmuck und Keramik) untersucht. Aufbauend auf den Ergebnissen hinterfragt sie anschließend die „Geiz ist geil“-Mentalität der Touristen und deren Einfluss auf das Geschäftsgebaren und den damit einhergehenden Wandel des Ehrbegriffs. Ebenfalls darauf aufbauend folgt mit den Reiseführern (rehberler) und den Schleppern (hanutçular) die Dekonstruktion zweier zentraler Akteursgruppen, die maßgeblichen Einfluss auf die Geschäftspraxis im Wandel von der Vormoderne zur Moderne genommen haben. Den Abschluss des Kapitels bildet eine Untersuchung der Rolle der Frauen im Handel. Die zweite Hälfte der Forschungsarbeit ist - in ähnlicher Dichte - dem „Recht als Ersatz der Ehre? Gleichheitsprinzip vs. Beitragsprinzip“ gewidmet sowie der „Kultur als Ausrede!“, wobei hier die „Charakterhaltung und das Ehrgefühl als transkulturelle Prinzipien“ in einer multikulturellen Gesellschaft im Mittelpunkt stehen.

Die Beschäftigung mit der Ehre und der Charakterbildung entlarvt die Autorin als Kategorienfehler moderner westlicher Gesellschaften. Dies beruhe auf abstrakten Systemen und Verfahren, die allein als vorrangige Garanten für eine gerechte Gesellschaft bestimmt werden. Es gelingt ihr ganz hervorragend, die zentrale Bedeutung der Charakterhaltung als ursächlichen Mechanismus hinter den objektiven Strukturen herauszuarbeiten, indem sie die Ergebnisse in einen größeren Kontext stellt und dadurch unter anderem konstatieren kann, dass „Ehre und Mord [...] sich widersprechende Begriffe“ sind, die „ethnologische Forschung [...] bis dato fahrlässig die Reflexion dieser Dimension vernachlässigt“ habe und damit „zur Fehlverwendung des Ehrbegriffes beigetragen“ habe.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass diese Arbeit sowohl auf theoretischer, interdisziplinärer Basis als auch auf praktischer ethnografischer Ebene es schafft, in der Istanbulforschung Grenzen neu zu ziehen. Einerseits gelenkt durch einen Blick aus der Exo-Perspektive, gelingt es ihr andererseits durch ihren Sprachzugang und ihre weitreichende Verankerung in der türkischen Kultur, den Begriff Ehre aber auch die Praxis des Handelns und das Phänomen Basar für den deutschen Leser erfahrbar und verstehbar zu machen. Danke für diese Lektüre!