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Silja Kai Foshag

„Es seye eine Forcht, was sie gestohlen...“. Leben und Persönlichkeit der 1788 zu Oberdischingen hingerichteten „Erzdiebin“ und „Landvagantin“ Elisabetha Gassnerin, genannt Schwarze Lies

(Historische Zeitbilder 9), Kehl am Rhein 2017, Morstadt, 596 Seiten mit Abb.
Rezensiert von Hubert Kolling
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 03.04.2018

Oberdischingen liegt 15 Kilometer südwestlich von Ulm im Alb-Donau-Kreis in Baden-Württemberg. Wer sich über die kleine, rund 2000 Einwohner zählende Gemeinde näher informieren möchte, findet entsprechende Angaben schnell und einfach in Wikipedia. Das Online-Lexikon enthält dabei auch eine Liste der „Söhne und Töchter der Gemeinde“, die drei Personen nennt: den „Bandenjäger“ Franz Ludwig Schenk von Castell (1736–1821), den Mediziner und Königlichen Badearzt Wilhelm Theodor von Renz (1834–1896) und den Etymologen Josef Karlmann Brechenmacher (1877–1960). Elisabetha Gassner (1747-1788) ist nicht dabei, obwohl sie, im Volksmund besser als die Schwarze Lies bekannt, einst „so manche Rolle auf dem großen Welttheater gespielt“ hat. Am 16. Juli 1788 endete ihr Leben im reichshochgräflichen Herrschaftssitz Oberdischingen durch die Hand des Scharfrichters. An ihrem Todesurteil änderte auch die Tatsache, dass sie siebenfache Mutter und ihr jüngstes Kind gerade mal eineinhalb Jahre alt war, nichts.

Die Justiz, die nach ihr mit großem Beamten- und Kostenaufwand hatte fahnden lassen, verbuchte die „Unschädlichmachung“ der Elisabetha Gassnerin als großen Erfolg, ging doch seinerzeit eine schaurige Faszination von ihr aus, dieser „Meisterin im Stehlen vor allen anderen“, die ihr diebisches Handwerk mit einer solchen Fertigkeit beherrschte, „dass man meine, sie könne das Hexenwerk“. Mit einem Strafregister, das die vergleichsweise hohe Anzahl von rund 300 Taten, zumeist Taschendiebstähle, aber auch acht Einbrüche, umfasst, ist Elisabetha Gassnerin nicht nur die aktivste der heute bekannten historischen Gaunerinnen, sondern auch eine der aktivsten historischen Gaunergestalten überhaupt. Da ihr Name schon in der älteren Literatur in einem Atemzug mit dem eines „Schinderhannes“ (Johannes Bückler), eines „Schwarzen Veri“ (Franz Xaver Hohenleiter) oder eines „Hannikel“ (Jakob Reinhardt) genannt wird, ist es nicht verwunderlich, dass auch bei ihr die düstere Legendenbildung um ein Leben „in wilder Diebsfreiheit“ nicht lange ausblieb.

Doch was für ein Mensch und Schicksal verbergen sich hinter dem Fall Elisabetha Gassnerin? Nachdem sich bereits 2000 Eva Wiebel in ihrem Beitrag „Die Schleiferbärbel und die Schwarze Lies. Leben und Lebensbeschreibungen zweier berüchtigter Gaunerinnen des 18. Jahrhunderts“ (in: Andreas Blauert u. Gerd Schwerhoff [Hgg.]: Kriminalitätsgeschichte. Beiträge zur Sozial- und Kulturgeschichte der Vormoderne. Konstanz 2000, S. 759-800) mit Elisabetha Gassnerin auseinandersetzte, hat sich jüngst Silja Kai Foshag im Rahmen ihrer der Philosophischen Fakultät der Universität Potsdam 2016 vorgelegten Dissertation eingehend mit „Leben und Persönlichkeit der 1788 zu Oberdischingen hingerichteten ‚Erzdiebin‘ und ‚Landvagantin‘ Elisabetha Gassnerin, genannt Schwarze Lies“ beschäftigt. Gestützt auf zumeist handschriftliche Quellen, unter anderem aus dem Hauptstaatsarchiv Stuttgart, dem Staatsarchiv Augsburg, dem Archiv des Bistums Augsburg, dem Bischöflichen Zentralarchiv Regensburg, dem Stadtarchiv Ulm sowie einer Reihe von Pfarrarchiven, ist die Autorin hierbei mit dem Ziel, die biographischen Spuren dieser Frau zusammenzutragen und ihren Lebensweg, ihre Lebensweise und ihre Persönlichkeit möglichst authentisch zu rekonstruieren, jedem noch so kleinen Hinweis in den Archiven nachgegangen. So ist es ihr gelungen, die Biographie von Elisabetha Gassner nahezu lückenlos nachzuzeichnen.

Ausgangspunkt der umfangreichen Recherchen von Foshag, die bereits 1998 im Rahmen ihrer Magisterarbeit an der Universität Freiburg „Die Lebens- und Erfahrungswelt von Marktdiebinnen und Sackgreiferinnen im 18. Jahrhundert“ anhand von Verhörprotokollen dreier Prozesse aus Schwaben und dem Bodenseeraum untersuchte, war das 1138 Fragen und ebenso viele Antworten umfassende Verhörprotokoll aus dem Oberdischinger Prozess. Dazu kamen weitere, zum Teil neu entdeckte, zum Teil erstmals in eine solche Untersuchung einbezogene gerichtliche, grundherrschaftliche, pfarreiliche, kartografische und bildliche Quellen bis hin zu den im Ulmer Museum aufbewahrten Porträts der Eheleute Gassner, die sie mittels der historischen Bildkunde zum Sprechen brachte.

Auf diese Weise konnte die Autorin eine äußerst umfassende, außergewöhnlich detailreiche, tiefe Einblicke gewährende und zugleich spannend zu lesende Darstellung vorlegen, die die familiären Hintergründe, das soziale Umfeld, das Familien- und Beziehungsleben, die Selbstsicht und die persönlichen Motive, die äußeren Lebenszwänge, die einzelnen Lebensstationen, die wirtschaftlichen Verhältnisse sowie schließlich den kriminellen Werdegang und das kriminelle Profil sowie die zeitgenössische Wahrnehmung im Umfeld und in der Öffentlichkeit sowohl der Elisabetha Gassnerin als auch ihres Ehemannes Johannes und ihres späteren Lebensgefährten Matheis Ruttmann, genannt Rieser Matheis, beleuchtet. Ergänzt wird ihre Arbeit durch einen umfangreichen Anhang, der eine Deliktchronologie (285-341), ein Verzeichnis der Biberberger Anwesen und ihrer Bewohner (342-382), eine Auflistung der Verhörprotokolle (383), eine vollständige und mit zahlreichen Anmerkungen versehene Transkription der Verhörprotokolle (384-550), eine genealogische Übersicht der Familien Langenwalder, Gassner und Ebner (551), einige Abbildungen (552-560), Abkürzungen, Glossar, Münzen, Längenmaße und Daten der Ostersonntage 1769-1788 (561-564), ein Quellenverzeichnis (565-572), ein Literaturverzeichnis (573-584) sowie ein kombiniertes Orts-, Personen- und Sachverzeichnis (585-596) enthält.

Wie Silja Kai Foshag zeigt, begann Elisabethas Lebensweg als Kind eines abgedankten Soldaten, der mit seiner Partnerin ein Leben als Teil der nichtsesshaften Bevölkerung führte, „am untersten Rand bzw. außerhalb der frühneuzeitlichen, ständisch strukturierten Gesellschaft und ohne ernstzunehmende Aussicht bzw. berechtigte Hoffnung auf soziale Eingliederung oder wirtschaftlichen Aufstieg“ (275). Nach dem frühen Tod ihres Vaters und dem Weggang ihres älteren Bruders übernahm Elisabetha früh schon die Verantwortung für sich und ihre Mutter. Durch Fleiß und eigene Arbeitskraft, das heißt durch die Fertigung baumwollener Strickstrümpfe und als Erntehelferin in der Landwirtschaft, sorgte sie für die tägliche Nahrung. Zugleich verfolgte sie Zukunftspläne, die eine Verbesserung ihrer Situation, sprich ein festes Haus, vorsah, weshalb sie ihre Partnersuche nicht in ihrem vagierenden Umfeld betrieb, sondern auf eine andere ihr vertraute Personengruppe richtete, nämlich den Soldatenstand, der mit einem Heimkehr- und Niederlassungsrecht ausgestattet war.

Nachdem ihr Mann, der Musketier Johannes Gassner, aus dem Militärdienst ausgeschieden war, blieben finanzielle Probleme nicht aus, woraufhin das Ehepaar das noch Fehlende zur Deckung ihres Bedarfs an Hausrat, Kleidung und Nahrung durch Diebstahl zu beschaffen begann. Dank ihrer großen Geschicklichkeit und stetig steigender Routine gelang es vor allem Elisabetha so nicht nur, die Familie mit allem Nötigen zu versorgen, sondern schließlich auch ein eigenes Haus zu kaufen, eine Sölde, die anfangs nur über einen kleinen Garten und einen Krautacker verfügte, dann aber durch Zukauf um zwei Felder zum Getreideanbau erweitert wurde. Das erhoffte gesellschaftliche Ansehen innerhalb des Dorfes blieb der Familie allerdings trotz nunmehriger Zugehörigkeit zur Söldnerschaft verwehrt. Zu sehr war ihr Ruf zwischenzeitlich durch Gerüchte, Gerede, einen bekannt gewordenen Viehdiebstahl und eine Anfang 1778 zuhause erfolgte Verhaftung Elisabethas belastet. Nach ihrer erneuten Festnahme 1781 brach Elisabetha aus dem Arrest aus und setzte sich, ihre nunmehr fünf Kinder im Alter von eineinhalb bis zirka dreizehn Jahren in der Obhut ihrer Mutter zurücklassend, an den Bodensee ab. Ihre weitere kriminelle Karriere endete letztlich in ihrer – erst durch den Verrat ihres bittere Rache nehmenden Ehemannes ermöglichte – Verhaftung und Verurteilung zum Tode.

Die mikrohistorische Studie von Silja Kai Foshag, die ein Einzelschicksal aus der Frühen Neuzeit darstellt und ergründet, und zwar nicht unter strafrechtlichen Aspekten, sondern aus dem Blickwinkel der Alltags- und Sozialgeschichte heraus, kann sich in jeder Beziehung sehen lassen, zumal sie manch gängige Auffassung nicht nur zur Person Elisabetha Gassnerin, sondern auch zur professionellen Eigentumskriminalität des 18. Jahrhunderts neu bewertet und revidiert. So hatte Elisabetha scheinbar „ein tiefes Bedürfnis nach Aufnahme und Anerkennung durch die Normenkonformität fordernde sesshafte Gesellschaft“, zu der sie sich „prinzipiell zugehörig fühlte“ (283). Wie die Autorin zeigt, ließ Elisabetha in der Verfolgung ihres ursprünglichen Lebensplans klare Zielstrebigkeit erkennen. Demnach besaß sie auch die Fähigkeit zur raschen und erfolgreichen Anpassung an Veränderungen in ihrer Lebenssituation. Dazu sei ein starkes Selbstbewusstsein und ein großes Durchsetzungsvermögen gekommen, was sie befähigt habe, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, gegenüber ihrem Umfeld Initiative zu ergreifen, dieses mehr oder weniger zu dominieren und sich in ihrer an Gefahren reichen Lebenswelt zu behaupten. Bei ihren Begegnungen mit Obrigkeit und Justiz habe Elisabetha „einen unbeugsamen Kampfeswillen, ein hohes Maß an körperlicher und seelischer Leidensfähigkeit“ gezeigt, „großen Mut sowie eine mehr als nur durchschnittliche Intelligenz“ bewiesen. Ihr Hinrichtungstod sei „letztlich kein Ergebnis effektiver Behördenarbeit, sondern das tragische Ende einer an irrealen Erwartungen, einseitiger Lastenverteilung und deren beider Folgen gescheiterten Ehe“ (284).

Mit ihrer Studie hat Silja Kai Foshag einen wichtigen Beitrag zur Historischen Kriminalitätsforschung geleistet. Ihre mit einem soliden Anmerkungsapparat ausgestattete Untersuchung, die auch zahlreiche Fragen der Alltags-, Sozial-, Geschlechter-, Rechts-, Mentalitäts-, Erfahrungs-, Wirtschafts-, Landes- und Militärgeschichte berührt, ist dabei umso bedeutender, als mit Elisabetha Gassnerin erstmals eine Gaunerin im Licht des Forschungsinteresses stand, die offenbar kein Leben außerhalb bzw. in nur sporadischem Kontakt mit der sesshaften, ständisch strukturierten, sozialkontrollierten Bevölkerung führte, sondern selbst ein Teil davon war.