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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Regine Schiermeyer

Greif zur Kamera, Kumpel! Die Geschichte der Betriebsfotogruppen in der DDR

Berlin 2015, Christoph Links, 419 Seiten mit 40 Abbildungen
Rezensiert von Jürgen Schmid
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 26.02.2018

Ein Spielplatz, von Pfützen übersät, ein Mann, der mit seinem Fahrrad durch eine Schlammwüste pflügt – Szenen aus der Rostocker Plattenbausiedlung Lichtenhagen. Die Fotografien mit dem Titel „Neubauimpressionen“ (Abb. 30-31) boten im Jahr 1985 dem Ministerium für Staatssicherheit der DDR genügend Verdachtsmomente, den Bildautor Siegfried Wittenburg einer sogenannten „Operativen Personenkontrolle“ zu unterziehen. Der Vorwurf: „Feindlich-negative Einstellung zu den gesellschaftlichen Verhältnissen in der DDR“ und „Mißbrauch seiner künstlerischen Tätigkeit zur Diffamierung unseres Staates“ (334). Letztlich kam der Zirkelleiter der Fotogruppe „Konkret“ des VEB Warnowerft Warnemünde ungeschoren davon, doch die Episode zeigt, wie gefährlich das Fotografieren in der DDR sein konnte – und wie Druck ausgeübt wurde: „Eine offene Zensur mit drastischen Zugriffen braucht sie [die SED] selten“, resümierte der Gemaßregelte 26 Jahre nach dem Ende der DDR: „Die dem ‚gelernten DDR-Bürger‘ eingeflößte Angst reicht zur Selbstzensur vollkommen aus.“ (http://www.spiegel.de/einestages/medien-in-der-ddr-selbstzensur-statt-zensur-a-1113429.html).

Die Historikerin Regine Schiermeyer hat sich für ihre Heidelberger Dissertation ein umfangreiches Feld ausgewählt: das Schaffen der Betriebsfotogruppen in der DDR. Zentrale Forschungsfrage ist, wie „der von den Funktionären proklamierte Idealtypus“ im realen Alltag von den Fotografen aufgenommen, ignoriert oder unterlaufen wurde: „Wo stieß die staatlich-parteiliche Steuerung und Durchdringung an Grenzen, und inwieweit ließ das staatliche (Bild-)Programm Freiräume für den einzelnen Amateurfotografen?“ (17) Als Quellen werden publizierte Stellungnahmen von Polit-Funktionären, fotoästhetische Propagandaschriften, Ausstellungskataloge, Gespräche mit Zeitzeugen und natürlich die Fotografien selbst herangezogen.

Bemerkenswerterweise scheint eine historische Dissertation wie „Die Geschichte der Betriebsfotogruppen in der DDR“ weiterhin resistent gegen die Versuchung zu sein, jegliche Empirie unter zentnerschwerem Theorie-Ballast zu begraben, wie es in den Gesellschaftswissenschaften Usus ist. Dafür hält die Geschichtswissenschaft eine andere Stolperfalle parat, in die leider auch Regine Schiermeyer geraten ist: Gerade Studien zur Zeitgeschichte konfrontieren die Forscherin mit einer gigantischen Fülle an Quellenmaterial, das nicht nur in seiner oft erschöpfenden Breite gesichtet, sondern vor allem qualitativ gewichtet und in eine thesengeleitete Interpretation eingebettet werden will. Die schiere Masse an Zitaten und Paraphrasen wirkt in der textlichen Darstellung schnell redundant – wenn sie nicht stringent gebündelt wird (und der Text vor der Drucklegung kein kritisches Lektorat durchläuft).

Schiermeyers Verdienst, mit erstaunlichem Fleiß alles zusammengetragen zu haben, was zu ihrem Thema gehört, soll nicht geschmälert werden. Doch bleibt ihre Studie in weiten Teilen auf der Stufe einer kommentierten Materialsammlung stehen. Statt allzu penibel ästhetische Propaganda-Standpunkte zu rekonstruieren und sämtliche Fotoausstellungen bei den Arbeiterfestspielen anhand von Katalogen nachzuschöpfen, wären (wie eingangs angedeutet) detaillierte Fallstudien zur Praxis und Rezeption der Fotografie wünschenswert gewesen.