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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Aktuelle Rezensionen


Rainald Becker/Dieter J. Weiß (Hgg.)

Bayerische Römer – römische Bayern. Lebensgeschichten aus Vor- und Frühmoderne

(Bayerische Landesgeschichte und europäische Regionalgeschichte 2), St. Ottilien 2016, Eos, 374 Seiten, zahlreiche Abbildungen
Rezensiert von Peter-Claus Hartmann
In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte
Erschienen am 16.02.2018

Bei dem vorliegenden Buch handelt es sich um die Beiträge einer Tagung, die das Institut für Bayerische Geschichte der Ludwig-Maximilians-Universität München gemeinsam mit dem Römischen Institut der Görresgesellschaft und anderen in der Aula des Collegio Teutonico am Campo Santo Teutonico in Rom Ende November 2014 durchgeführt hat. Die Beziehungen Bayerns zu Rom, dem Zentrum der lateinischen Christenheit, gehören zu den ältesten und fruchtbarsten der bayerischen Geschichte und reichen bis zum Romzug des Agilolfingerherzogs Theodo von Bayern vor gut 1300 Jahren zurück.

Das Besondere dieses Kolloquiums ist, dass nicht die Massenpopulation und Strukturen, etwa der Rompilger, behandelt werden, sondern, wie die Herausgeber Rainald Becker und Dieter Weiß betonen, „die Varianz und Bandbreite deutsch-römischer Kontaktgeschichte im Spiegelbild repräsentativer Persönlichkeiten“. Die gleichsam „individualisierende“ Betrachtungsweise, so schreiben sie, erlaube ein „höheres Maß an Plastizität“.

Dabei analysieren die Beiträge die Rompräsenz im Sinne der süddeutsch-bayerischen Außenbeziehung von Personen aus Bayern, Schwaben und Franken, d.h. die Lebensgeschichten von „römischen Bayern“. Im Vordergrund stehen dabei Fragestellungen wie die nach der Rolle Roms als Schauplatz bayerischer Lebenswege und die Überlegung, ob und wie dabei „Regionalspezifisches“ zur Wirkung kam. Zeitlich behandeln die Beiträge mit Ausnahme des Artikels von Kardinal Brandmüller das Mittelalter und die Frühe Neuzeit. Dabei werden „Kontinuität und Diskontinuität bayerischer Rompräsenz“ zwischen dem 8. und 18. Jahrhundert herausgearbeitet.

Die Vorträge gruppieren sich in vier großen Sektionen, die zugleich Teile des Sammelbandes darstellen. Die erste Sektion „Mission – Kirche – Herrschaft“ wird durch einen grundlegenden Beitrag des Mainzer Mittelalterhistorikers Ludger Körntgen eröffnet, mit dem Thema „Angelsächsische Franken und römische Bayern? Politische Loyalitäten und der Blick nach Rom im frühmittelalterlichen Bayern“. Dann folgt ein fundierter und interessanter Artikel von Dieter J. Weiß über die „Bayerischen und Baierischen Päpste Clemens II., Damasus II. und Victor II.“ Alois Schmid befasst sich akribisch, ausgehend vom Forschungsstand und den Fakten, mit bisher unbehandelten Aspekten des Romzugs Kaiser Ludwigs des Bayern (1327-1330), bevor sich Jochen Johrendt in der zweiten Sektion mit dem Oberthema „Glaube – Kurie – Wirtschaft“ eingehend mit den Romfahrten süddeutscher Bischöfe und Äbte in der Zeit von 1046 bis 1246 auseinandersetzt und dabei die Frequenz, die Motive und die Wahrnehmung behandelt und deutet. Christof Paulus porträtiert hierauf mit großer Sachkenntnis die herzoglichen Gesandten des Spätmittelalters „vor den Türen Seiner Heiligkeit“ und Helmut Flachenecker in seinem interessanten Beitrag die Franken und Bayern des heiligen Kilian im barocken Rom, ausgehend von einem bisher nicht bekannten Bruderschaftsbuch des Heiligen Kilian im Bestand des Campo Santo Teutonico.

Die dritte Sektion mit der Überschrift „Habitus – Frömmigkeit – Kunst“ wird durch den instruktiven Beitrag von Jörg Bölling eröffnet über das römische Zeremoniell in Bayern, rezipiert von Herzog Albrecht V., von Otto Kardinal Truchseß von Waldburg, dem Fürstbischof von Augsburg, und den Fuggern. Hierauf widmet sich Thomas Brockmann den Romreisen von Jakob Rabus, einem Konvertiten und „Wahlbayern“, bevor sich Helene Trottmann dem für die bayerische Kunstgeschichte so wichtigen Studienaufenthalt von Cosmas Damian Asam in Rom in den Jahren 1711 bis 1713 zuwendet. Sie zeigt auf, dass der Künstler als Stipendiat von der berühmten Accademia di San Luca in Anwesenheit des Papstes und zahlreicher Kardinäle mit einem ersten Preis ausgezeichnet wurde und bei seinem Aufenthalt in der Ewigen Stadt vom römischen Barock für sein weiteres Wirken inspiriert wurde.

In der vierten Sektion, überschrieben mit „Politik – Diplomatie –Wissen“ präsentiert Alexander Koller in seinem grundlegenden Beitrag den bedeutenden Diplomaten in päpstlichen und bayerischen Diensten Minuccio Minucci (1551-1604), während sich Bettina Scherbaum, gestützt auf die Forschungen ihrer wichtigen Dissertation, die Familien Crivelli und Scarlatti, die über viele Generationen bayerische Gesandte beim Papst stellten, in den Fokus rückt. Britta Kägler zeichnet sodann in einem umfassenden Artikel die Romreise der für Fürstbischofspositionen vorgesehenen Söhne Kurfürst Max Emanuels, d.h. der Prinzen Philipp Moritz und Clemens August von Bayern (1716-1719), nach. Dabei stützt sie sich vor allem auf die Tagebücher von Urban Heckenstaller und Maximilian von Schurff.

Von großem Interesse, da den Blick von Bayern nach Afrika ausweitend, ist der Beitrag von Rainald Becker über die Äthiopienreise des aus Aichach stammenden Franziskaners Theodor Krump (1672-1724) mit dem Obertitel „Rom – Brücke nach Afrika“. Entgegen dem weitverbreiteten Usus, dass Bayern nur als Angehörige des Jesuitenordens in die Weltmission entsandt wurden, wurde Pater Krump zusammen mit anderen Franziskanern vom Papst in Konkurrenz zu französischen Jesuiten in der Afrikamission in Äthiopien von 1700 bis 1703 eingesetzt. Über die Mission der Weltkirche mit Rom im Zentrum ergab sich für die Einwohner des kleinen Bayern eine Verbindung in die überseeische Welt.

Als letzter Beitrag folgt eine wichtige Studie von Kardinal Walter Brandmüller über vier bayerische Kurienkardinäle der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit dem Titel „Purpura Bavarica. Vier Kardinäle und ein Konzil (1869/70)“. War Kardinal Reisach beim 1. Vatikanischen Konzil einer der fünf Konzilspräsidenten, der aber schon bald nach Beginn der Kirchenversammlung starb, ein wichtiger Kirchenpolitiker, so erschien Gustav Adolf Prinz zu Hohenlohe Schillingsfürst, von Bismarck vergeblich als preußischer Botschafter in Rom vorgeschlagen, „als Reinkarnation eines Prälaten des Ancien Regime“. Der Würzburger Kirchengeschichtsprofessor Joseph Hergenröther, 1879 zum Kardinal und zum Präfekten des Archivio Secreto Vaticano ernannt, verkörperte den „Typ des deutschen, wenn nötig streitbaren Gelehrten“, während der Rottaler Bauernsohn Andreas Steinhuber, seit 1894 Kardinal, das „Ideal des pflichtbewußten, einflußreichen, dennoch aber im Hintergrund wirkenden Kurienmitarbeiters“ darstellte.

Der vorliegende Sammelband beleuchtet zahlreiche Aspekte der Beziehungen Bayerns zum Papst. Damit schließt er weitere Forschungslücken und liefert viele neue Erkenntnisse.