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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Aktuelle Rezensionen


Peter Pfister (Hg.)

Pfarrmatrikeln im Erzbistum München und Freising. Geschichte – Archivierung – Auswertung

(Schriften des Archivs des Erzbistums München und Freising 19), Regensburg 2015, Schnell und Steiner, 592 Seiten
Rezensiert von Herbert W. Wurster
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 05.02.2018

Die europäischen Archive verwahren viele wertvolle Quellen. Eine besondere Quellengattung sind die Amtsbücher der christlichen Konfessionen, in denen etwa seit dem 16. Jahrhundert die Sakramentenspendungen zu den Lebenswenden verzeichnet wurden, also die Taufen, oft auch die Firmungen, die Trauungen und die Sterbefälle. Diese Dokumentation der auf alle Menschen ausgerichteten Pastoral ist ein Kennzeichen des Christentums und daher im christlichen Kulturraum allgemein verbreitet und somit sind diese Kirchenbücher, auch Pfarrbücher oder Pfarrmatrikel(n) genannt, in sehr großer Zahl vorhanden und inhaltlich besonders aussagekräftig und wertvoll. Sie ziehen seit dem 19. Jahrhundert das Interesse der Familienforscher auf sich, seit dem 20. Jahrhundert auch das der anderen historisch-kulturwissenschaftlichen Forschungsrichtungen. Dementsprechend gibt es viele Auswertungen, vor allem aber auch viele quellenkundliche Studien, die Wert und Aussagekraft dieser Quellengattung generalisierend oder auch regionalspezifisch zu umreißen versuchen. Man könnte fast meinen, es gäbe zu diesem Thema nicht mehr viel Neues zu sagen. Tatsächlich haben aber die Zentralisierung der Pfarrbücher in die Bistumsarchive wie in die Archive der evangelischen Landeskirchen und die danach vorgenommene Erschließung viele neue, konfessionsspezifische und regionaltypische Einsichten und Erkenntnisse hervorgebracht, noch mehr dann in den Pionier-Archiven durch die Digitalisierung und die damit verbundene weitere Aufbereitung für die Online-Stellung. Daher ist die Literatur zu den Matrikeln in den letzten ein bis zwei Generationen deutlich mehr geworden. In diesen Trend ist der Katalog einer Ausstellung vom Archiv des Erzbistums München und Freising einzuordnen. Drei Beiträge im Aufsatzteil behandeln quellenkundliche und archivwissenschaftliche Themen, drei andere Beiträge liefern exemplarische Auswertungen. Bemerkenswert ist, dass die Matrikelführung im Bistum Freising nicht so detailliert durch kirchliche Vorschriften geordnet worden ist wie in den anderen bayerischen Diözesen Passau und Regensburg. Der Aufsatz von Peter Pfister über den „Kampf um die Pfarrmatrikeln in der Zeit des Nationalsozialismus“ beleuchtet den Kampf um die genealogischen Informationen, die die NS-Rassenpolitik unbedingt brauchte, um ihre Ziele zu erreichen. Es ging dabei auch um Ausgrenzung von Juden als Vorspann zum Holocaust. In den auswertenden Beiträgen wird deutlich, dass die Matrikeln gerade im katholischen Bayern immer eine Gesamtschau aller Menschen in ihren grundlegenden Lebensvollzügen bieten – das ist das Alleinstellungskennzeichen der Matrikel. Diese inhaltliche Qualität von Matrikeln versuchte die Ausstellung im Detail aufzuzeigen. In fünf Kapiteln des Katalogs werden die „Geschichte der Matrikeln“, die „Matrikel-Gattungen“, die „Forschungsmöglichkeiten“, die „Historischen Ereignisse im Spiegel der Matrikeln“ und schließlich die „Persönlichkeiten im Spiegel der Matrikeln“ ausgebreitet. Die Ausstellungsexponate wurden mit großem erfahrungsgetränkten Wissen ausgewählt und beschrieben; die Weltgeschichte wird so in den lokalen Matrikeln geerdet. Es werden auch andere, verwandte, aber nicht auf die Sakramentenspendung fußende Quellen angesprochen, etwa die Familien-/Häuserbücher sowie die jährlich aufgestellte Seelenstandbeschreibung. Ebenso wird die Pfarrmatrikel als ein Nebenträger von pfarrchronikalischen Notizen vorgestellt. Nur zweimal wird allerdings die Bedeutung von den Registern angesprochen; einmal mit den beliebtesten Vornamen (398-402) und zu den Taufen von Kindern italienischer Ziegelarbeiter (413-415). Da die Register zur Erschließung jeder Matrikel den Weg bahnen (soweit sie vorhanden sind), hätten die Register gerade zur Familienforschung ausdrücklich und ausführlich behandelt werden müssen. Der Katalog ist ein Meilenstein in der analogen Archivwelt und -wissenschaft – die Digital Humanities stellen neue Anforderungen.