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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Aktuelle Rezensionen

Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Sabine von Heusinger/Elias H. Füllenbach OP/Walter Senner OP/Klaus-Bernward Springer (Hgg.)

Die Deutschen Dominikaner und Dominikanerinnen im Mittelalter

(Quellen und Forschungen zur Geschichte des Dominikanerordens 21), Berlin/Boston 2016, De Gruyter, 605 Seiten mit fünf Registern und mehreren Abbildungen
Rezensiert von Helmut Flachenecker
Erschienen am 08.12.2017

Die 800jährige Wiederkehr der päpstlichen Bestätigung (1216) bildete den äußeren Anlass für eine Tagung zu grundsätzlichen Fragen dominikanischer Ordensgeschichte. Unter insgesamt vier Aspekten wird diese Geschichte an unterschiedlichen Einzelbeispielen aus den Provinzen Teutonia und Saxonia skizziert. „Innovation und Tradition“ behandelt dabei überwiegend die Gründungs- und Ausbreitungsgeschichte eines Ordens, der neue Wege beschreiten wollte, dabei aber von den alten Ordensvorstellungen mitgeprägt war. Unter „Wissen ist Macht“ werden Fragestellungen zum Ausbildungssystem gestellt, aber auch die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Predigtvermittlung werden hier ausführlich angesprochen. „Hören und Sehen“ hat dann die Formen der Vermittlung, besonders durch Kirchenbauten und deren Einrichtungen, im Focus. Unter dem Titel „Das Eigene und das Fremde“ verbinden sich Fragen nach Ordensstrukturen, die Suche nach einer vita mixta, es geht aber auch um die Kirchenpatrozinien und bevorzugten Heiligen im Orden, schließlich um die Bekämpfung von Hexen und Dämonen.

Es sollen und können nun alle 22 Beiträge nicht in extenso vorgestellt werden, einige Hinweise mögen daher genügen. Die Beziehungen zwischen Dominikanern und Stadt stehen dabei zunächst im Mittelpunkt. Die Dominikaner hatten mit ihren Forderungen nach Apostolat und Armut einen Nerv der frühen städtischen Bevölkerung getroffen (Sabine von Heusinger), aber auch der Päpste, Bischöfe und mancher Adelsfamilien, die allesamt gegen sog. häretische Strömungen vorgehen wollten. Allerdings sind zunehmend Korrekturen an diesem Bild vorzunehmen (Andreas Rüther): die Weltpriester waren wohl nicht so unfähig in der Seelsorge wie häufig in dominikanisch geprägten Quellen dargestellt, und die Bettelorden wirkten auch verstärkt auf dem Land (Termineibezirke) (Hinweis auch bei Julia Burkhardt). Das dominikanische Gemeinwohl war durch die Regel und Statuten, der Gemeinsinn wohl eher durch die zahlreichen Legenden zum Leben des hl. Dominikus geprägt, die als Vorbilder für die individuelle imitatio beim einzelnen Dominikaner zu sorgen hatten (Matthias Standke). Das Phänomen dominikanische Mission wird am Beispiel des Johannes von Wildeshausen, 1233/34 bis 1237 Bischof bei der in Häresieverdacht stehenden bosnischen Kirche, untersucht (Nedim Rabić). Wie auch bei ihren Konkurrenten zu beobachten, bildete der Predigerorden ordensspezifische Raumstrukturen heraus, hier exemplifiziert an der erst 1515 entstandenen Germania Inferior (Transkription eines neu aufgefundenen Konzepts aus den Vatikanischen Archiven) (Guus Bary). Die weiblichen Konvente stellen, wie bei anderen Orden auch, meist ein Desiderat der Forschung dar. Deshalb ist ein erster Überblick sehr notwendig, der die Hauptfragen nach der cura animarum der Nonnen, den mystischen Einflüssen sowie den veränderten Frömmigkeitsvorstellungen im 15. Jh. stellt (Sigrid Hirbodian).

Mehrere Artikel betonen die enge Verbindung zwischen Studium, Predigt und Seelsorge. Die Ausbildung implizierte einen starken Nützlichkeitscharakter für die praktische Auslegung der Hl. Schrift (Susana Bullido del Barrio). Das Studium hatte einen doppelten Zweck, einerseits für den einzelnen Dominikaner selbst (Albertus Magnus, Thomas von Aquin), andererseits für die Predigtvorbereitung. Damit lassen sich auch frühe Einflüsse des ursprünglichen Kanonikertums zeigen (Paul D. Hellmeier). Ein „Kompilationstraktat“ dominikanischer Prägung, Compilatio Mystica, wäre ein Beispiel für die Sammlung von einschlägigen Texten für Studium wie für Vermittlung (Maxime Mauriège). Gerade im Bereich der Mystik kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen um einzelne Lehrsätze Meister Eckharts und deren Verbreitung (Fiorella Retucci). Eine Sammlung von Kurzgeschichten findet sich im sog. Bienenbuch des Thomas von Cantimpré (Mitte 13. Jh.), das Einblicke in dominikanische Lebenswelten mit ihren Selbstverständnissen – Stichwort: Suche nach der idealen christlichen Gemeinschaft – gibt. Sie dienten u.a. erneut als Vorlage für Predigtexte (Julia Burkhardt).

Einblicke in das Leben eines Konventes und dessen spirituelles Selbstverständnis gibt ein Lektionar von 1279/76 aus dem Regensburger Dominikanerinnenkloster Hl. Kreuz (Christina Andrä). Der Klosterbau als Ausdruck innerer Identitätsstiftung und äußerer Repräsentation wird am Beispiel des Lübecker ‚Burgklosters‘ analysiert (Serafine Christine Kratzke). Bei der Innenausstattung von St. Johann in Dortmund zeigt sich in der konzentrierten Marienverehrung die enge Verbindung dominikanischer Spiritualität mit laikaler Frömmigkeit (Vera Henkelmann). Aber nicht nur Kirchen haben diesen appellativen Bildauftrag, sondern auch Holzschnitte in Büchern (Judith Venjakob). Die Betonung der eigenen Auserwähltheit und Exklusivität des Ordens demonstrieren die Predigerbrüder in zahlreichen Stammbäumen, die Genealogie und Charisma miteinander verbinden wollen (Livia Cárdenas).

Das große Thema ‚Konsens und Konflikt‘ haben zwei weitere Beiträge im Blick: Zum einen geht es um die Auseinandersetzungen um die richtige Observanz in den 1320/1330er Jahren, die sich damals mit dem Bemühen des Papsttums verbanden, die Dominikaner gegen König Ludwig IV. auf seiner Seite zu haben (mit Transkriptionen von Texten aus den Vatikanischen Archiven) (Walter Senner OP). In einem regionalen Beispiel wird diese Frage in der ambivalenten Situation zwischen Bürgerschaft und Orden am Fall Dortmunds demonstriert (Ursula Overhage).

Klosterkirchenpatrozinien sind ebenfalls ein wichtiger Indikator spirituellen Selbstverständnisses: die hl. Katherina von Alexandrien kommt in Klöstern vor, die vor der dominikanischen Zeit keine Reuerinnenklöster gewesen waren. Ähnlich ist es bei Maria Magdalena: Klöster mit diesem Patrozinium waren zuvor keine Beginengemeinschaften (Sabine Schmolinsky). Patrozinien waren Vorbilder für Kontemplation, Apostolat und Predigt: Maria, Maria Magdalena, Paulus, Johannes der Täufer u.a. waren deshalb weit verbreitet. Sie bezeugen die in dominikanischen Augen notwendige Verbindung zwischen vita activa und vita contemplativa (Klaus-Bernward Springer). Den selten beleuchteten Zusammenhang zwischen dem Wunsch nach mystischer Gottesschau und der spätmittelalterlichen ordensinternen Observantenbewegung wird an einer Chronik aus einem Dominikanerinnenkloster geschildert (Stefanie Monika Neidhardt). Der abschließende Beitrag dokumentiert die hohe Bedeutung dominikanischer Predigt gegen Häresie, besonders im Kampf gegen Dämonen, Ketzer und Hexen. Die größte Unterstützerin gegen diese bösen Mächte war dabei Maria, die Hauptheilige des Ordens, deren Verehrung der Orden etwa 1475 durch die Gründung einer Rosenkranzbruderschaft sehr beförderte (Peter Segl).

Die Beiträge sind natürlich unterschiedlich in ihrer Aussagekraft, zusammen ergeben sie aber ein sehr stimmiges Bild zur mittelalterlichen Ordensgeschichte. Der Band wird für die weiteren Dominikanerforschungen von großer Wichtigkeit sein, auch wenn selbstverständlich nicht alle Bereiche, etwa zu Regel- und Statutenfragen, umfassend behandelt werden konnten. Aber nicht das Fehlende, sondern das Dargestellte sollte betrachtet werden und dieses ist einer intensiven Lektüre mehr als wert!