Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Theodor Häußler

Zucker aus Regensburg. 150 Jahre Geschichte der süßen Kristalle in Bayern

Kallmünz 2011, Laßleben, 142 Seiten, zahlr. Abbildungen

Rezensiert von Ernst Schütz (Metten)      PDF-Datei


"Die Zucker-Stadtgeschichte, aber auch die einschlägige Industrie- und Agrargeschichte zu dokumentieren, ist Ziel dieser Regensburger Zuckerchronik" (S. 7). Es ist dies eine klare Ansage, die ebenso klar erfüllt wird und nicht nur dem in die Zuckerrübenproduktion Eingeweihten ein kleines Lesevergnügen beschert, sondern auch bilderbuchartig in eine Welt eintauchen lässt, die gerade eben noch zur Realität zu gehören schien.
Dass der Verfasser im beruflichen Sinne nicht der Historikerzunft angehört, ist deshalb kein Manko, sondern im Grunde sogar Voraussetzung für die leichte Verdaulichkeit der dem Leser servierten süßen Kost - verbunden freilich mit einer grundlegenden Einschränkung: Mehr sollte dann auch nicht erwartet werden. Häußler beginnt seine Darstellung mit einem kurzen Überblick über die Geschichte des Zuckerrübenanbaus und der Zuckerproduktion in Bayern seit der Entdeckung der Runkelrübe als Zuckerlieferant im 18. Jahrhundert. Im zweiten Kapitel beschreibt er das Schicksal der ersten Regensburger Zuckerfabrik, die von 1817 bis 1887 Bestand hatte und aufgrund mangelnder Konkurrenzfähigkeit geschlossen werden musste. Das Kernstück des Büchleins bildet das dritte Kapitel (S. 31-79), in dessen Zentrum die 1898 in einem zweiten Anlauf errichtete Bayerische Zuckerfabrik Regensburg steht. Als über ein halbes Jahrhundert hinweg einzige Zuckerfabrik im rechtsrheinischen Bayern steht sie ? nicht nur exemplarisch ? für die Geschichte der bayerischen Zuckergewinnung schlechthin. Beleuchtet werden sowohl ihre Anfänge unter der schützenden und finanzierenden Hand des Hauses Thurn und Taxis sowie ihr weiteres Schicksal unter den Fittichen der "Süddeutschen Zucker-Aktiengesellschaft" von 1926 bis 2007, als auch ihre Ausstattung und Verarbeitungsverfahren sowie die jeweils wechselnden an sie gestellten Anforderungen durch Politik, Markt und Technisierung. Im vierten Kapitel verlässt der Autor das Terrain der Firmenchronik, um der Beziehung der Zuckerfabrik zur Stadt Regensburg nachzugehen. Er beschreibt damit ein Stück Regensburger Sozialgeschichte, sowohl in seinem Bemühen die damals vorherrschende Arbeitsmoral und die fachliche Qualifikation der Arbeiter nachzuzeichnen, als auch durch die ansatzweise vorhandene Problematisierung einer wie auch immer gearteten Loyalität der Angestellten (vor allem aus dem Umkreis der Arbeiterkolonie Ostheim) "ihrer" Fabrik gegenüber. Kapitel fünf behandelt abschließend unter dem Titel "Die Bauern und ihre Zuckerrüben" die Produktionstechnik des Zuckerrübenanbaus seit ihren Anfängen sowie die Organisationsstrukturen der Rübenproduzenten, namentlich des "Verbandes bayerischer Zuckerrübenanbauer e.V. Regensburg" und der "Süddeutschen Zuckerrübenverwertungs-Genossenschaft eG (SZVG)". Dem Schlusskapitel, das wehmütig das Ende der Regensburger Zuckerfabrik schildert, folgt ein Anhang mit statistischen Angaben, beinhaltend unter anderem die jährliche Anzahl der Rübenanbauer und der Kampagnetage seit 1899.
Die für die Darstellung benutzten, zum Teil auch archivalischen Quellen werden leider nur überblickshaft im Literatur- und Quellenverzeichnis angeführt. Problematisch ist auch die vermeintliche Kontinuität, die von den Jahren 1837 bis 2007 gezeichnet wird, ohne dass diese durch die dargebotenen Daten in jeder Hinsicht gestützt wird. Ein teleologisches Konstrukt, positivistisch dargeboten, ist zwar eindeutig "süßer" als ein problemorientierter historiographischer "Schinken", füllt aber den Magen nicht im gleichen Maße. Das rundum zahlen- und datengesättigte Büchlein bleibt letztlich seinem chronistischen, deskriptiven Anspruch verhaftet und ist damit nicht mehr - aber auch nicht weniger ? als eine bodenständige, wirklich gut lesbare und emotionsgeladene Dokumentation "wie sie im Buche steht" (an der jedoch auch der Bayerische Rundfunk fraglos seine Freude hätte). Dem Agrarhistoriker bietet sie zwar keine eigentliche Fachlektüre, dafür aber eine ganze Reihe nützlicher Vorarbeiten, die sicherlich in Zukunft noch dankbar aufgegriffen werden.

Erschienen am 07.08.2012

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