Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Hans-Martin Kirchner

Friedrich Thiersch. Ein liberaler Kulturpolitiker und Philhellene in Bayern

(Peleus - Studien zur Archäologie und Geschichte Griechenlands und Zyperns 46), 2., erw. Auflage, Mainz/Ruhpolding 2010, Franz Philipp Rutzen, 286 Seiten

Rezensiert von Johann Kirchinger (Mallersdorf-Pfaffenberg)      PDF-Datei


Der neuhumanistische Pädagoge und Philhellene Friedrich Thiersch gehört zu den interessantesten Gestalten des Vormärz in Bayern. Als so genannter "Praeceptor Bavariae" war er maßgeblich an der Durchsetzung des Neuhumanismus im bayerischen Schulwesen beteiligt und als europaweit tätiger Publizist wirkte er an der Popularisierung des griechischen Befreiungskampfes gegen die Osmanen mit. Eine biographische Würdigung seiner Person stellt deshalb ein Desiderat der bayerischen Landesgeschichte dar. Hans-Martin Kirchner hat es dankenswerterweise unternommen, eine solche auf der Grundlage seiner 1955 angefertigten, ebenfalls Thiersch gewidmeten Dissertation zu unternehmen. Dabei berücksichtigte er die seither erschienene einschlägige Literatur und "neu entdeckte politische Aufsätze" (S. 7). Nun liegt eine zweite Auflage dieser 1996 erschienenen Überarbeitung vor. Vor allem der Teil, der Thierschs Wirken für die griechische Sache behandelt, erfuhr dabei eine Überarbeitung.
Am Anfang von Kirchners Ausführungen steht ein biographischer Abriss von Thierschs Leben, vermischt mit Aussagen zu dessen politischem Standort. Anschließend daran beschäftigt sich Kirchner mit den geistigen Strömungen zur Zeit Thierschs, um dessen politisch-pädagogische Positionen als Neuhumanist und Philhellene präzise bestimmen zu können. Darauf folgt eine kurze Skizze der Geschichte des Neuhumanismus in Bayern. Schließlich beschreibt Kirchner Thierschs schulpolitische Vorschläge in aller Genauigkeit, bevor er dessen universitätspolitisches Wirken und seine Tätigkeit für die Bayerische Akademie der Wissenschaften, deren Präsident er seit 1848 war, vorstellt. Hierbei ist indes zu berücksichtigen, dass der Schwerpunkt von Kirchners Studie auf dem Wirken Thierschs während der Regierungszeit Ludwigs I. liegt. Nach diesem, Thierschs Wirken in Bayern darstellenden Teil geht Kirchner auf Thierschs Verhältnis zur griechischen Sache ein. Zunächst stellt er dessen Pläne für die griechische Schul- und Universitätspolitik vor. Dann folgt eine eingehende Beschreibung der Vorgeschichte der Gründung der Technischen Hochschule Athen. Was dies in einer biographischen Studie zu Thiersch zu suchen hat, wird nicht klar; Thierschs Name fällt in diesem Kapitel jedenfalls nicht. Darauf folgt eine Darstellung von Thierschs konkreten philhellenischen Aktivitäten, insbesondere seinen Publikationen für die griechische Sache. Dabei verlieren sich die Aussagen dazu in allgemeinen pressegeschichtlichen Fakten. Eine Zusammenfassung, die die politische und pädagogische Bedeutung Thierschs nochmals thesenartig zusammenfasst und angesichts der vielen angesprochenen Betätigungsfelder Thierschs nötig gewesen wäre, fehlt. Wertvoll ist indes das Werkverzeichnis. Es umfasst immerhin ein Fünftel des Buches. Aufgeführt werden ungedruckte Briefe und Manuskripte, gedruckte Monographien, Beiträge in Akademieschriften, Vorträge und öffentliche Reden, publizierte Diskussionsbeiträge zu Vorträgen, Beiträge in den "Acta philologorum monacensium" sowie Veröffentlichungen in der "Augsburger Allgemeinen Zeitung", dem "Morgenblatt für gebildete Stände" und der "Deutschen Vierteljahrsschrift". Darauf folgt eine Zeittafel zu Thierschs Leben, was schon deshalb wertvoll ist, da die von Kirchner gewählte eigentümliche Vermischung von chronologischer und systematischer Darstellung den Leser oft den Faden verlieren lässt. Den Band beschließt dann ein Personen- und Sachregister.
Methodisch ist Kirchners Biographie den positivistisch-ideengeschichtlichen Vorgaben der Entstehungszeit seiner Doktorarbeit aus dem Jahr 1955 verpflichtet. Daran ändern auch die vorgenommenen Aktualisierungen nichts. Insgesamt bewertet, stellt Kirchners Arbeit nicht zuletzt wegen des sorgfältigen Werkverzeichnisses einen geeigneten Anknüpfungspunkt für eine weitergehende Beschäftigung mit Thiersch dar.

Erschienen am 14.05.2012

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