(Studien zur Kolonialgeschichte 4), Berlin 2011, Ch. Links, 485 Seiten
Rezensiert von Johann Kirchinger (Mallersdorf-Pfaffenberg) PDF-Datei
Das Unterfangen, kolonialistische Aktivitäten in Bayern zu untersuchen, verdient Respekt. Denn Bayern scheint auf den ersten Blick aufgrund seiner geographischen Lage fern der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts maßgebenden Fernhandelswege auf dem Meer, seiner darin gründenden mutmaßlich geringen ökonomischen Interessen an der Kolonialpolitik und aufgrund seines Rufes als Hort katholischer und bayerisch-patriotischer Skepsis gegenüber dem deutschen Nationalismus kein lohnendes kolonialgeschichtliches Forschungsobjekt zu sein. Markus Seemann unternimmt in seiner Augsburger Dissertation trotzdem den Versuch, wobei er sich sinnvollerweise, aber anders als der Titel suggeriert, auf die Zeit deutschen Kolonialbesitzes konzentriert. Dabei geht er in drei Schritten vor.
Zunächst widmet er sich den Vereinen und Akteuren der Kolonialbewegung (S. 23-224). Nach der Beschreibung der institutionellen Wege der verschiedenen, teilweise miteinander konkurrierenden Kolonialorganisationen unterzieht er die kolonialistischen Führungspersonen in Bayern einer Sozialanalyse. Er kommt dabei zu dem Ergebnis, dass der Kolonialismus wie im übrigen Deutschen Reich so auch in Bayern ein bürgerliches Phänomen war, wobei sich konfessionelle Unterschiede nicht ausmachen lassen. Dabei dient ihm die Tatsache, dass fünfzig Prozent der Führungspersonen der Deutschen Kolonialgesellschaft in Bayern aus dem Bildungsbürgertum stammten, als Beweis dafür, "dass, wer für den Kolonialismus eintrat, dies kaum im Hinblick auf ökonomischen Profit oder seine Karriere tat, sondern vielmehr aus ideellen Gründen im Sinne des nationalen Prestiges" (S. 79). Dies ist nun aber doch sehr kurz gegriffen. Die Möglichkeit der Funktion des Kolonialismus als Stütze eines Gesellschaftssystems, in dem diese bildungsbürgerlichen neben den adeligen Kolonialaktivisten eine herausgehobene Position einnahmen, was kein direkter, aber ein konkreter ökonomischer Vorteil wäre, wird nicht diskutiert. Statt einer Auseinandersetzung mit der sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen Kapitalismus- und Imperialismusforschung beschränkt sich Seemann darauf, die in dieser Hinsicht gewiss zu einseitige DDR-Historiographie ohne weiteren Hinweis als "mit Vorsicht zu genießen" (S. 66) abzukanzeln. Die Frage nach den Motiven für ein kolonialpolitisches Engagement kann Seemann deshalb nicht zufriedenstellend beantworten. Ebensowenig überzeugend ist sein Versuch, die verschiedenen Motive für kolonialpolitisches Engagement aus den ausgeschriebenen Biographien einiger Kolonialaktivisten zu gewinnen. Damit will er "diverse Varianten des Kolonialismus verdeutlichen" (S. 19). Diese prosopographische Methode kann indes nur erfolgversprechend sein, wenn dieser Weg bis zum Versuch einer Typologie zu Ende gegangen wird. In der dargebotenen Form bilden die Biographien einen bunten Blumenstrauß möglicher kolonialistischer Haltungen. Analysen, die "über den eigentlichen Gegenstand hinausweisen können und weitere Perspektiven eröffnen, die zum Verständnis des Kaiserreichs in soziokultureller Hinsicht beitragen" (S. 14), bekommt der Leser in diesem Teil nicht.
Ist dieser erste Teil der Arbeit wenig überzeugend, sind es die beiden folgenden umso mehr. Im zweiten, schmalsten Teil der Arbeit untersucht Seemann den Umgang der staatlichen Institutionen Bayerns mit der Kolonialpolitik (S. 225-261). Überzeugend ist seine Analyse des Spannungsverhältnisses zwischen dem kolonialpolitischem Desinteresse des bayerischen Staates, das mit den tatsächlich mangelnden Mitwirkungsmöglichkeiten korrespondiert, und dem Streben zur Wahrung der Kompetenzen des Bundesrates im Allgemeinen. Dabei dienten die wenigen kolonialpolitischen Aktivitäten der bayerischen Regierung nur als Mittel zum Zweck der Demonstration der eigenen außenpolitischen Mitsprachekompetenz.
Im dritten Teil schließlich behandelt der Autor Aspekte der Kolonialkultur in Bayern (S. 262-402). Anhand der gescheiterten Kolonialausstellung in München, der kleinen Kolonial- und Forstschule in Miltenberg, des kurzlebigen Kolonialmuseums in Regensburg und der verschiedenen Missionsgesellschaften analysiert der Autor das Wechselverhältnis zwischen Kolonie und Heimat. Dabei ist vor allem die beobachtete Resonanz der Missionsgesellschaften in der Bevölkerung aufschlussreich für den Stellenwert des Kolonialismus in Bayern. Seemann kommt zu dem Ergebnis, dass die Arbeit der Missionsgesellschaften viel breiter rezipiert wurde als die Kolonialpropaganda, während Missions- und Kolonialdiskurs bei allen Überschneidungen prinzipiell getrennt blieben - und dieses Ergebnis gilt sowohl katholischer- wie evangelischerseits.
Schließlich zieht der Autor das Fazit, dass die Kolonialbewegung in Bayern trotz Anknüpfungspunkten, die in der geographischen Situation an der Donau, in der Geschichte etwa der Welserkolonien in Südamerika, der Propagierung wirtschaftlicher Vorteile oder der Instrumentalisierung des Missionsgedankens gesucht wurden, ein marginales gesellschaftspolitisches Phänomen blieb. Deshalb ist die eingangs gestellte Frage nach der Existenz von Kolonialismus in Bayern oder eines "bayerischen Kolonialismus" (S. 20) zugunsten der ersteren Alternative entschieden. Dabei bezeichnet der Autor sein "Mosaikbild" des Kolonialismus in Bayern ausdrücklich als "repräsentativ für das gesamte Deutsche Reich" (S. 426). Schließlich war der Kolonialismus im gesamten Deutschen Reich von Privatpersonen getragen und war das Engagement des Staates für die Propagierung des Kolonialgedankens gering. So trägt die Arbeit dazu bei, die von der Politik seit dem 19. Jahrhundert gern kolportierte Behauptung einer bayerischen Sonderstellung in gesellschaftspolitischer Hinsicht zu relativieren. Insgesamt erweckt die Arbeit einen positiven Eindruck, da der sauber redigierte und mit einem Personenregister versehene Text in seinen Analysen, abgesehen von den oben genannten Ausnahmen, überzeugt und in hervorragender Weise veranschaulicht, wie aus einem disparaten Quellenbestand mit Hilfe einer präzisen Fragestellung eine konzise Darstellung gelingen kann.
Erschienen am 12.12.2011
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