(Beck'sche Reihe 2719), München 2011, C.H. Beck, 128 Seiten, 23 Abbildungen
Rezensiert von Klaus Reichold (München) PDF-Datei
Was ist über Ludwig II. von Bayern nicht alles gesagt und geschrieben worden. Er habe von Politik keine Ahnung gehabt, sein weiß-blaues Vaterland an die Preußen verscherbelt, mit seinen Schulden die Staatskasse ruiniert. Seine Architekturträume müsse man als "zweifelhaft" bezeichnen, beziehungsweise als "unzweifelhaft mißglückt". Homosexuell allerdings könne er keinesfalls gewesen sein. Schließlich fänden sich an den Wänden und Decken seiner Schlösser unzählige Darstellungen von leicht bis gar nicht bekleideten Frauengestalten.
Ja, wenn es nur so einfach wäre! Wie oft muss Hermann Rumschöttel bei den Recherchen zu seiner brillanten Studie über Ludwig II. aufgestöhnt haben - etwa dann, wenn er in der üppigen Literatur zum einhundertelften Male auf ein Klischee stieß, das eigentlich nur dazu dient, das "naive Bild vom Märchenkönig" in den Köpfen zu verfestigen. Genau dieser Tendenz stellt der ehemalige Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns sein bei C.H. Beck in der Reihe "Wissen" erschienenes Kurzportrait über Ludwig II. entgegen.
Es geht ihm um "Zuverlässigkeit", nicht aber um Besserwisserei. Obwohl er die Quellen zum Märchenkönig besser kennen dürfte als manch anderer Autor, maßt sich Rumschöttel nicht an, die Wahrheit zu kennen. Das sei schon deshalb unmöglich, weil der mysteriöse "Aktenschwund" nach der Königskatastrophe von 1886 "der Geschichtswissenschaft bis heute die Arbeit" erschwere (S. 102). Deswegen muss man aber auch nicht gleich die Spekulationen ins Kraut schießen lassen: Rumschöttel stellt Ludwig II. in den Kontext seiner Zeit, zeigt die Spielräume auf, die der berühmteste Wittelsbacher aller Zeiten in den Tagen der konstitutionellen Monarchie überhaupt hatte, und schreckt - Gott sei Dank - vor der in manchen Kreisen verpönten Psychologisierung nicht zurück. Der Autor nimmt die "Gesamtpersönlichkeit" des Märchenkönigs in den Blick und zitiert deshalb auch - im Vorgriff auf die geplante Edition jener Gespräche, die Ludwig II. im Winter 1864/65 mit dem Münchener Philosophieprofessor Johannes Huber führte - bislang unbekannte Passagen dieses Dialogs. Sie kommen fast schon einer Persönlichkeitsanalyse des jungen Monarchen gleich.
Manchen Leser mag das Gefühl beschleichen, die Themen Regierung und Verfassung, deutsche und soziale Frage, Bismarck und das Reich nähmen bei Rumschöttel einen zu breiten Raum ein. Andererseits ist dieses Feld, auf dem sich Ludwig II. erstaunlich souverän bewegte, sicher am besten geeignet, das "naive Bild vom Märchenkönig" zu korrigieren - zumal die Darstellung von Rumschöttel einen selten prägnanten und komprimierten Abriss der bayerischen Politik im 19. Jahrhundert liefert. Und wem die Kunstbestrebungen Ludwigs II. trotz der vielen, kaum bekannten historischen Details zu kursorisch abgehandelt erscheinen, der findet im Anhang ein Literaturverzeichnis mit den wichtigsten weiterführenden Veröffentlichungen.
Man muss Hermann Rumschöttel gar nicht in allen Punkten zustimmen: Ob Ludwig II. wirklich zu den Alkoholikern zu zählen ist und Drogen konsumiert hat, ob seine Traumwelt tatsächlich nur ein rein privates Paralleluniversum war, oder doch eine Fluchtburg, hinter deren Mauern er vor allem dann Schutz suchte, wenn ihn die verhassten "Staatsfadaisen" allzu sehr peinigten - zweifelsohne kann man ihn als "Grenzgänger" bezeichnen, der "zwischen Vergangenheit und Gegenwart" oszillierte, zwischen "Traum und Wirklichkeit, Realität und Irrationalismus, absolutistischem Majestätsbewusstsein und volksnahem Herrschertum, Natur und Kunst, Regierungspflicht und Künstlerfreiheit, Gesundheit und Krankheit, sexueller Konvention und Libertinage" (S. 13). Vielleicht müsste man sogar einen Schritt weiter gehen und Ludwig II. als "janusköpfig" beschreiben: als in sich widersprüchliches Wesen, das gleichzeitig in unterschiedliche Richtungen (und Abgründe) blickte und schon deshalb in keine Schublade passt.
Erschienen am 22.05.2012
| [KBL-Startseite] | [ZBLG-ONLINE] | [Impressum] |