Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Wolfgang Wüst (Hg.)

Aufbruch in die Moderne?. Bayern, das Alte Reich und Europa an der Zeitenwende um 1800

(Franconia. Beihefte zum Jahrbuch für fränkische Landesforschung 2), Stegaurach 2010, WiKomm, 256 Seiten

Rezensiert von Hannelore Putz      PDF-Datei


Im Oktober 2009 fand im Bildungszentrum Kloster Banz eine interdisziplinäre Tagung statt, die sich vornehmlich auf das in der Entstehung begriffene moderne Bayern um und nach 1800 konzentrierte. Der vorliegende instruktive Tagungsband nimmt die Referate auf, die perspektivenreich und vielseitig ihren Blick auf die sogenannte "Sattelzeit" in Bayern richten.
Nach einer die einzelnen Referate vorstellenden Themeneinführung des Herausgebers Wolfgang Wüst setzt sich Wolfgang E.J. Weber mit der Frage auseinander, ob sich die Zeitgenossen überhaupt der für die weitere Geschichte Europas außerordentlichen Bedeutung der Französischen Revolution und der napoleonischen Zeit bewusst waren. Er bejaht diese Frage für den Bereich der politischen Kultur und für das Feld der kriegerischen Ereignisse, weniger hätten die Menschen hingegen den Erlass einer schriftlichen Verfassung und die "Erprobung verschiedener Regierungssysteme" (S. 20) als epochemachend verstanden. Evelyn Hanzing-Bätzing referiert über den "Bruch der Moderne mit der abendländischen Metaphysiktradition" (S. 21). Das seit etwa 1830 aufkommende grundlegend neue philosophische Verständnis vom Wesen des Menschen wandte sich von der noch von Hegel vertretenen "Gleichsetzung von Subjektivität und Wissen" und der "Unterordnung alles Individuellen unter das allgemeine Vernunftprinzip" (S. 23) ab und ging vom "Selbstsein" des Menschen, das heißt von der "Unabhängigkeit und individuellen Selbstbestimmung als oberste Werte freier Selbstverwirklichung", aus (S. 23). Die Autorin zieht in ihrem Beitrag aber auch die Linie bis in die postmoderne Philosophie aus und benennt Gefahren, die sie in der "Auflösung der Grenze zwischen der Innen- und Außenwelt des Menschen" erkennt (S. 26). Thomas Nicklas untersucht die Mitte des 19. Jahrhunderts entstandene kritische Auseinandersetzung des französischen Literaturkritikers Charles-Augustin Sainte-Beuve mit Schriften französischer Revolutionäre. Reinhard Stauber setzt sich mit den Herrschaftswechseln im zentralen Alpenraum und den dadurch immer wieder unter neuen Vorzeichen in Gang gesetzten staatlichen Reformmaßnahmen auseinander. Beispielsweise erlebte die Stadt Trient zwischen 1796 und 1814 zwölf Herrschaftswechsel; in dieser Situation erkennt er in der Beamtenschaft den "Träger einer bemerkenswerten personellen und professionellen Kontinuität" (S. 60). Dieter J. Weiß beschäftigt sich mit den kirchlichen Veränderungen im 19. Jahrhundert. Für die katholische Kirche und ihre praxis pietatis spannt er den Bogen von der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts über Säkularisation und Mediatisierung, Konkordat und Religionsedikt bis hin zum Spannungsfeld zwischen Staatskirche und Ultramontanismus. Für die protestantische Kirche stehen der Aufbau der Landeskirche in Bayern und die religiöse Erneuerung seit den 1830er Jahren im Mittelpunkt. Clemens Wachter geht auf die Situation der bayerischen Universitäten ein - auf die Auflösung der Universität Altdorf und die Degradierung der Universitäten in Dillingen und Bamberg zu Lyzeen. Das Königreich Bayern sah sich im Rahmen seiner Reformpolitik genötigt, die Zahl der Universitäten in den neubayerischen Gebieten zu reduzieren; erhalten blieben Ingolstadt-Landshut-München, Würzburg und Erlangen. Die volkstümlich-literarische Verarbeitung des Übergangs der Reichstadt Nürnberg an das Königreich Bayern 1806 nimmt sich Werner Wilhelm Schnabel vor. Er stellt fest, dass kleinbürgerlich-handwerkliche Kreise zwar skeptisch auf die grundlegend veränderte politische Situation blickten, aber auch bereit waren, sich mit den neuen Verhältnissen zu arrangieren. Nichtsdestoweniger erinnerte man sich bald nostalgisch-verklärt an die reichsständische Zeit Nürnbergs. Gisela Drossbach widmet sich mit der "Auseinandersetzung mit mittelalterlicher Kunst und deren Aneignung" (S. 114) einer speziellen Seite der Kunstförderung Ludwigs I. von Bayern. Die Einbeziehung der Forschungen von Adrian von Buttlar, Hubert Glaser und anderen hätte dem Aufsatz in den Wertungen durchaus gut getan, auch fallen manche inhaltliche Ungenauigkeiten auf - so war der Schwager Ludwigs I. natürlich König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen und nicht König Friedrich I. von Preußen (S. 118). Werner Bätzing stellt kulturgeographische Überlegungen zum Übergang von der Vormoderne (Agrargesellschaft) zur Moderne (Industriegesellschaft) im Alpenraum an und weist dabei vor allem auf einen Bruch um 1880 hin, der zu radikalen landwirtschaftlichen, forstwirtschaftlichen, technischen, infrastrukturellen, gesellschaftlichen und touristischen Veränderungen führte. Die Industrialisierung als soziale Erfindung am Beispiel Großbritanniens 1780-1840 untersucht der Beitrag von Karl H. Metz. Wolfgang Wüst konzentriert sich auf die Frage, inwiefern für das 19. Jahrhundert in Süddeutschland Wandlungsprozesse in Handwerk, Gewerbe und Industrie auszumachen sind. Er wählt bewusst ganz unterschiedliche Fallbeispiele aus, vom Nadlerdorf Rögling über die fränkische Strumpfwirkerei bis zu den Augsburger Maschinenfabriken. In einer Bilanz diagnostiziert er eine "Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen" - Bejahung des Fortschritts auf der einen und eine gleichzeitige mentale Verweigerungshaltung gegenüber Veränderungen auf der anderen Seite. Georg Seiderer untersucht am Beispiel Nürnbergs, Rothenburgs ob der Tauber und Schweinfurts die personalen Veränderungen in der Zusammensetzung der kommunalen Führungsspitze, die sich infolge der Eingliederung einer Reichsstadt in das Königreich Bayern ergaben. Die ehemals reichsstädtische Oligarchie brachte sich nicht in die durch das Gemeindeedikt von 1818 festgelegten Gemeindeorgane ein; nun dominierten die bis dahin an der Leitung der Reichsstädte ausgeschlossenen Gruppen der akademisch gebildeten Elite, der Handwerker, Gastwirte und Handeltreibenden. Die im Zuge der Eingliederung nach Bayern degradierten ehemaligen Amtsstädte stehen im Zentrum der Untersuchung von Günter Dippold. An den Beispielen Staffelstein, das seine Amtsfunktion verlor, und Lichtenfels, das neben Landgericht und Rentamt weitere Behörden und eine Poststation erhielt, zeigt er pointiert auf, wie ersteres herabsank und mit der Zeit den städtischen Charakter verlor, während zweiteres prosperierte und zu einem regionalen Zentrum wurde. Annett Haberlah-Pohl setzt sich mit Carl Philipp Fürst Wrede auseinander und untersucht an diesem Beispiel, inwiefern adelige Aufsteiger durch Lebensstil, Familienpolitik und Traditionspflege bis hin zu einer konstruierten Genealogie Eingang in die Gesellschaft des alten Adels zu finden suchten. An die Ausführungen von Günter Dippold schließt der Beitrag von Andreas Otto Weber an. Weber untersucht die Bevölkerungsentwicklung Frankens und stellt vor allem für ehemalige Herrschaftssitze, Rittergüter und für Orte, in denen sich Unterbehörden größerer fränkischer Reichsstände befunden hatten, fest, dass viele von ihnen im Lauf des 19. Jahrhunderts drastisch an Bedeutung und vor allem auch Einwohnern verloren. Am Beispiel des Ritterguts Kunreuth verdeutlicht Weber die negativen Folgen des Verlusts der Zentralitätsfunktion in aller Schärfe. Im abschließenden Beitrag greift Andrea Groß thematisch und zeitlich aus; sie gibt einen Überblick über Ausprägungen des Heimatstils in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Erschienen am 18.06.2012

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