Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Martina Steber

Ethnische Gewissheiten. Die Ordnung des Regionalen im bayerischen Schwaben vom Kaiserreich bis zum NS-Regime

(Bürgertum Neue Folge 9), Göttingen 2010, Vandenhoeck & Ruprecht, 638 Seiten

Rezensiert von Paul Hoser (München)      PDF-Datei


Der Versuch, die Besonderheit und Zusammengehörigkeit von Menschen, die in einem bestimmten Gebiet leben, auf unverwechselbare Art erkennbar zu machen und in ihrer historischen Entwicklung zu erklären, stößt auf vielfältige Schwierigkeiten. Der aus der Ethnologie entlehnte, früher sehr verbreitete Begriff "Stamm" erweist sich letzten Endes für die frühmittelalterliche Zeit als genauso vage, wie es meist das Wissen über diese Zeit selbst ist, - für die Neuzeit, in der in Europa keine Stammesgesellschaft mehr bestand, als wenig adäquat. Ebenso stellen sich die Region als Kategorie und der mit ihr oft gleichgesetzte Terminus "Landschaft" als Fata Morgana heraus. In neuerer Zeit spielt der Begriff des "spatial turn" eine Rolle, der nicht den geographischen, sondern den vom Menschen konstruierten Raum meint. Aus diesem Zusammenhang ist auch der Begriff einer "mental map" abzuleiten, für den ebenfalls die gedanklich und emotional empfundene regionale Verbundenheit bestimmend ist. Diese Konzeption ist für die Autorin maßgebend. Die Tauglichkeit der beiden letzten Begriffe als Instrumente historischen Verstehens kann hier nicht erörtert werden; die Vermutung, daß ihr Verfallsdatum wie das so vieler anderer, die in den letzten Jahrzehnten in Mode gekommen sind, relativ kurz ist, ist aber wohl nicht ohne weiteres von der Hand zu weisen.
Das heutige Gebiet des Regierungsbezirks Bayerisch-Schwaben entstand nach den territorialen Gewinnen in den napoleonischen Kriegen durch einen administrativen Akt aus einem Konglomerat einst teilsouveräner Herrschaften. Die neuen Grenzen durchschnitten teilweise, was zusammengehörte, wie dies etwa für das Allgäu galt. Als integrative Klammer empfand man, wie Steber herausstreicht, nicht den bayerischen Staat mit seinem Apparat, sondern nur die ihn symbolisierende junge Monarchie.
Eine bayerisch-schwäbische Identität existierte ihr zufolge im 19. Jahrhundert vor allem in einem bereits von Ludwig I. geförderten unpolitischen Stammesempfinden. Hier war allerdings die Abgrenzung zu Württemberg schwierig, ebenso konkurrierten damit das starke Zugehörigkeitsgefühl zu Teilgebieten wie dem Allgäu und dem Ries. Mit der Fixierung auf den Stamm konnte man sich immerhin problemlos mit dem Reich eins fühlen, das die Stämme einst und jetzt umfaßte. Den Herrschenden war die auch in Feiern zum Ausdruck kommende, auf regionalen Fundamenten ruhende Selbstdarstellung einer aus Stämmen anstatt aus Klassen bestehenden Nation sehr erwünscht.
Schwaben hatte keine Universität, auf der eine geschichtswissenschaftliche Untermauerung hätte erarbeitet werden können. Dies blieb den Geschichtsvereinen überlassen. In ihnen waren die tonangebenden Schichten repräsentiert. Die Arbeit stellt führende Lokal- und Regionalhistoriker vor, Archivare, Geistliche und Lehrer, die alle mit den Vereinen verbunden waren. An der Frage, ob von einer grundsätzlichen historischen Verwandtschaft von Alemannen im Südwesten und Schwaben in Bayern auszugehen sei oder nicht, schieden sich weiter die Geister.
Der Kulturpessimismus und die damit verbundene Ablehnung der Moderne, von denen das zeitgenössische rechte Spektrum durchdrungen war, machten sich auch in den historischen Vereinen breit und durchdrangen die Heimatideologie. Ob sie wirklich das Denken der Massen bewegte, wie die Verfasserin annimmt, dürfte schwer nachzuweisen sein. Zwar zählte der von dem Geistlichen und Heimatideologen Christian Frank geprägte Verein "Heimat" 1904/05 beachtliche 2200 Mitglieder, von einer Massenorganisation wird man aber deshalb kaum sprechen können. Franks Ideologie wies eine Nähe zu dem in der Lebensreformbewegung verbreiteten Körperkult auf, sah das zunehmende Vordringen der Arbeiterbewegung als Zerfallserscheinung an, die auch das gesunde Landvolk anzustecken drohe, und war völkisch-nationalistisch gefärbt. Dagegen fehlten damals noch rassistische und antisemitische Elemente.
Während des Ersten Weltkriegs wurde die Heimat als schützenswertes Gut und Hort der Harmonie herausgestrichen. Ähnlich wie es Thomas Mann tat, interpretierte der Verein "Heimat" den Krieg als Kampf zwischen westlicher Zivilisation und deutscher Kultur. Grundsätzlich trug der Heimatbegriff nach Steber allerdings nicht nur die völkisch-nationalistischen Keime in sich: In der Betonung der Bedeutung des gemeinen Volkes war auch eine mögliche demokratische Komponente enthalten.
Im Gefolge von Weltkrieg und Revolution tauchte in Varianten die Chimäre eines Groß-Schwabens auf, die in den Städten populär war, sich aber nicht zu einer wirksamen Los-von-Bayern-Bewegung entwickelte.
Das Zerrbild eines unpolitischen, berufsständisch gegliederten, ethnisch homogenen Stammesvolks, das in Harmonie zusammenlebte, wurde nach Stebers Darstellung in der Zeit der Weimarer Republik vor allem von dem Kemptener Oberbürgermeister und schwäbischen Kreistagspräsidenten Otto Merkt ausgemalt. Bei ihm finden sich auch völkische, sozialdarwinistische und rassehygienische Wertungen. Die Verbreitung des Heimatgedankens wurde durch die Schaffung der Stelle eines Heimatpflegers öffentlich gefördert. Besetzt wurde sie mit dem katholischen Geistlichen Bartholomäus Eberl, einem ehemaligen Mitarbeiter Franks. Die Förderung eines künstlichen Heimatbildes wurde zwar auch von den Sozialdemokraten unterstützt. Es gelang ihnen aber nicht, die Monopolisierung des Heimat- und Schwabenbildes durch rechte und konservative bürgerliche Kreise aufzuweichen.
Eberl glaubte, auf Grund der Dialektformen ein abgegrenztes bayerisches Schwaben rechtfertigen zu können. Im Lauf der 1920er Jahre wurden zunehmend neue lokale Geschichtsvereine und Heimatmuseen gegründet. Die Heimatideologie beinhaltete nun auch den Mythos vom klassenübergreifenden Augusterlebnis bei Kriegsbeginn und huldigte der Dolchstoßlegende. Auch der Begriff der "Volksgemeinschaft" tauchte jetzt auf. Der schwäbische Stamm sollte rein gehalten werden. So forderte Frank in seiner Zeitschrift "Deutsche Gaue", die "Rassenmischung" müsse bekämpft werden. Dies war allerdings, wie bisherige Forschungen zeigen, für einen katholischen Geistlichen in Bayern eine extreme Außenseiterposition.
Während die Schwaben-Konstruktion vor 1933 mehr kulturpolitisch fundiert war, kam danach eine territorial-machtpolitische Komponente ins Spiel. Der Gauleiter von München-Oberbayern, Adolf Wagner, wollte das bayerische Schwaben für seinen Gau und Regierungsbezirk annektieren. Auch der von Württemberg, Wilhelm Murr, richtete seinen begehrlichen Blick darauf. Folgt man den Erinnerungen des Schwaben-Gauleiters und Regierungspräsidenten Wahl, so war es seiner mehrfachen persönlichen Rücksprache bei Hitler zu verdanken, daß sein Gau und seine Machtposition erhalten blieben. Auch die Kulturpolitik diente der Erhöhung der Bedeutung des kleinen bayerischen Gaus Schwaben.
Die Gleichschaltung des Kulturlebens oblag dem Studienprofessor und Gaukulturwart Zwisler. Kreisheimatpfleger Eberl ging als einer der wenigen katholischen Geistlichen mit fliegenden Fahnen in das Lager der Nationalsozialisten über und wollte nicht näher definierte "Schädlinge" unnachsichtig bekämpfen. Gauvolkstumswart und zweiter Gauheimatpfleger wurde Alfred Weitnauer. Der Widerstand Zwislers gegen die Ausweitung des Bereichs von Rosenbergs Kampfbund für deutsche Kultur entsprang wie vielfach im Dritten Reich keiner antinationalsozialistischen Haltung, sondern war typisch für die überall herrschenden Macht- und Konkurrenzkämpfe.
Er geriet schließlich überraschend unter den Beschuß des "Stürmer" und verlor stark an Bedeutung. Dagegen versuchte jetzt Eberl, an Terrain zu gewinnen und insbesondere die diktatorische Kontrolle über die Heimatvereine zu erlangen. Er stieß aber dabei auf den Widerstand verschiedener Kreisleiter und Bezirksamtsvorstände, die sich ihrerseits nicht hineinregieren lassen wollten. Auf dem Höhepunkt des nationalsozialistischen Siegestaumels, im Sommer 1940, hegte Eberl Pläne für eine Hochschule in einem zukünftigen Reichsgau Schwaben und eine Zentralisierung der Kulturarbeit in einem Gauverband für schwäbische Kultur- und Heimatpflege - auch ein Gaubaumeister sollte eingesetzt werden. Die Realitäten waren anders: Wahl entzog Eberl die Redaktion der Zeitschrift "Schwabenland", die zu einem Organ der Kriegspropaganda umfunktioniert wurde. Die zunehmende Bedeutung der Propaganda ging mit dem Schwund der Gauheimatpflege Hand in Hand. Die antisemitische Komponente stand bei der Konstruktion des Schwäbischen weiter nicht im Vordergrund, dagegen betonte man die rassische Überlegenheit und die soldatischen Tugenden des deutschen Schwaben.
Nach Stebers Urteil machten es das völkische und rassische Denken, die Ablehnung des Parlamentarismus, der Nationalismus und das Schlagwort von der Volksgemeinschaft den Verfechtern des Heimatgedankens wie Merkt und Eberl leicht, mit den Nationalsozialisten zusammenzugehen. Daß sich der diffuse konservativ-bürgerliche Heimatbegriff ohne weiteres mit völkischen und rassistischen Tendenzen verband, hat bereits Helmut Böhm am Beispiel des Feuilletons der Passauer "Donauzeitung" festgestellt.
Insgesamt befand sich die Heimatkultur aber zunehmend in der Defensive gegenüber dem, was man heute "Populärkultur" nennt. Das Volkstümliche verdrängte die angeblich echte Volkskultur und erhielt in der Zeit des Kriegs als ablenkende Massenunterhaltung zunehmendes Gewicht. Der Heimatbegriff wurde nun eher mystisch als wissenschaftlich fundiert, zum Schluß, wie eine Durchsicht der lokalen Presse immer wieder zeigt, als Motiv für den Appell zum äußersten Durchhalten benutzt. Zu dieser Art Manipulation hätte man gern mehr erfahren.
Die Arbeit bietet wichtige Anstöße für das von Erich Hobsbawm initiierte Forschungsfeld der Geschichtsmythen und der mit ihnen betriebenen Politik. Auf dem Buch könnten Studien aufbauen, die sich mit der teilweise dubiosen Entwicklung der Heimatideologie nach 1945 befassen. Personelle Kontinuitäten bestanden ohnehin, wie zum Beispiel in der Person Weitnauers.
Der Stil der Arbeit ist oft problematisch: Eine Formulierung wie "Der Biologismus, auf dem das Konzept der Kreisheimatpflege (...) fußte, zeigte seine verabscheuungswürdige Fratze in den finanzpolitischen Debatten der folgenden Jahre, (...)" (S. 240), erinnert an den Ton politischer Propagandapamphlete vergangener Zeiten, ist aber einer wissenschaftlichen Studie nicht angemessen. Einen Satz wie: "Denn die Integration in das Nationale über das Regionale führte zwar zu einer kohäsiven Nationalisierung, verstärkte aber gleichzeitig die regionale Pluralität auf einer mentalen Ebene noch einmal (...)" (S. 485) muß man erst ins Deutsche übersetzen.
Mit der präzisen Wirklichkeit der räumlichen Abgrenzung hat es nichts mehr zu tun, wenn Steber auf S. 13 behauptet, die Grenzen des Bistums Augsburg seien mit denen des Regierungsbezirks "annähernd deckungsgleich". Das Bistum Augsburg reicht weit nach Westen ins Altbayerische hinein. 1904 umfaßte etwa seine Fläche 35Prozent mehr als die des Regierungsbezirks, die Zahl der gesamten Einwohner war um 12 Prozent höher.
Auf die Bedeutung der Heimatkunde in den Volksschulen weist die Autorin zwar kurz hin, verzichtet aber auf die Untersuchung der entsprechenden Lehrpläne und Schulbücher, obwohl dies ihre These von der Massenwirkung der Heimatideologie möglicherweise hätte stützen können. Unter Bezug auf die Ergebnisse der von Werner König geleisteten Forschungsarbeit hätte auch die Frage behandelt werden können, ob der Dialekt tatsächlich abgrenzende und verklammernde Wirkung hat oder ob er wegen seiner vielen lokalen Varianten dazu eher ungeeignet ist.

Erschienen am 13.07.2012

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