Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Wojciech Iwanczak

Die Kartenmacher. Nürnberg als Zentrum der Kartographie im Zeitalter der Renaissance

Darmstadt 2009, Primus, 223 Seiten, zahlr. Abbildungen

Rezensiert von Thomas Horst (München)      PDF-Datei


Wenn man sich mit der Geschichte der Kartographie im Allgemeinen beschäftigt, so wird man zwangsläufig mit der Handelsstadt Nürnberg in Berührung kommen, die für das gesamte kartographische Wissen im Zeitalter der Renaissance eine bedeutende Rolle einnimmt. Denn in dieser internationalen, humanistisch geprägten Handelsstadt, die zeitgenössisch auch als "deutsches Venedig" bezeichnet wurde, entstand nicht nur der älteste erhaltene Erdglobus von Martin Behaim im Jahre 1492, sondern hier etablierte sich an der Schwelle vom Spätmittelalter zur frühen Neuzeit auch ein bedeutendes kartographisches Zentrum, das man im Gegensatz zur "Wiener Mathematischen Schule" als "Nürnberger Geographenschule" bezeichnen könnte. Diese Schule zeichnete sich besonders durch die enge Verflechtung und gegenseitige Beeinflussung von Mathematik und Astronomie (Bernhard Walther, Erasmus Reinhold) sowie von Kartographie und Instrumentenkunde (Erhard Etzlaub, Paul Pfinzing) einerseits und Historiographie (Schedelsche Weltchronik) andererseits im Zeitalter der Entdeckungsreisen aus.
Dem Mediävisten Wojciech Iwanczak (Professor für Mittelalterliche Geschichte an der Akademia Swietokrzyska in Kielce), ist es in seinem populärwissenschaftlich ausgerichteten, aber trotzdem bemerkenswerten Buch, das nun in einer deutschen Übersetzung vorliegt, gelungen, ein facettenreiches Gesamtbild der "Stadt der Drucker und Verleger" dieser kartographiehistorisch interessanten Epoche aus polnischer Sicht zu entwerfen. Hierbei sind vor allem seine detaillierten Literaturkenntnisse hervorzuheben. Außerordentlich kenntnisreich werden dem Leser nach einem Überblick über "Deutschlands Auge und Ohr" (S. 11-37) die wichtigsten Universalgelehrten jener Zeit samt ihren persönlichen Verbindungen zueinander in biographischen Skizzen vorgestellt: Als "Fürst der Astronomen und Mathematiker" (S. 70-85) ist hier zweifellos Regiomontanus (1436-1476, eigentlich Johannes Müller aus Königsberg in Franken) mit seinen astronomischen Schriften (v. a. den Ephemeriden), die auch der Kalenderreform jener Zeit dienten, zu nennen.
Jedoch setzten sich auch Humanisten wie Willibald Pirckheimer (1470-1530, ein Freund Albrecht Dürers, bekannt vor allem aufgrund seiner Übersetzung der Geographie des Ptolemäus), der Arzt und Reisende Hieronymus Münzer (†1508, Mitverfasser der Schedelschen Weltchronik, S. 133-139), Johannes Werner (1468-1522, herzförmige Stab-Werner-Projektion) und vor allem Johannes Schöner (1477-1547, bedeutender Globenhersteller, vgl. S. 160-172) mit der intellektuellen Verarbeitung und der Umsetzung des geographischen Wissens ihrer Zeit auseinander. "Im Dienst der Praxis" (S. 173-197) entstanden hier aber auch die zahlreichen kartographischen Produkte des Erhard Etzlaub (um 1460-1532), dessen sogenannte Romwegkarte (um 1500) für die Kartographie jener Zeit richtungweisend war und zahlreiche Nachahmer (wie Georg Erlinger) anregte, ähnliche Karten von Mitteleuropa zu entwerfen. Es ist jedoch fraglich, ob man die 1492 von Etzlaub gedruckte Karte von der Umgebung Nürnbergs als "älteste Spezialkarte überhaupt" (S. 176) bezeichnen kann. Zweifelsohne stellt diese Karte im Rundformat mit genau 100 Städten jedoch eine der frühesten thematischen Karten dieser Region dar.
In der umfassenden Studie zu Nürnberg als Zentrum der Kartographie im Renaissancezeitalter wird lobenswerterweise auch das Wirken von eher unbekannten Persönlichkeiten wie Nicolaus Claudianus (Böhmen-Karte 1518), Heinrich Zell (1518-1564) und Veit Hirschvogel (1503-1553) beleuchtet. Dies ist bemerkenswert, weil die Nürnberger Geographenschule sehr enge Verbindungen zu internationalen Gelehrten im Zeitalter des "Integralen Humanismus" (nach Helmuth Grössing) aufweist. Die vergleichende Analyse dieses Netzwerks von kartographisch interessierten Humanisten, die teilweise nicht nur miteinander bekannt, sondern auch verwandt waren, ist noch ein großes Desiderat in der Forschung und sollte in Zukunft nicht nur in kartographiehistorischen Kreisen mehr Berücksichtigung finden. Die Studie von Iwanczak, die mit 30, zum Teil doppelseitigen Abbildungen von Altkarten (leider nur in Schwarzweiß) illustriert ist, könnte hierzu wegweisend sein.

Erschienen am 22.02.2010

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