München 2006, Oldenbourg, IX, 632 Seiten, 17 Abbildungen
Rezensiert von Walter Ziegler (München) PDF-Datei
Es gehört zu den oft wiederholten Urteilen über die NS-Zeit, dass Hitlers Buch "Mein Kampf" (1925/26), Autobiographie und Programmschrift des damals 35-jährigen Parteiführers und Putschisten, zwar seit seiner Machtübernahme 1933 in Millionen Exemplaren verbreitet war, dass es aber kaum gelesen wurde. Dieses Urteil war Rechtfertigung und Anklage zugleich: Rechtfertigung, weil eben kaum jemand dieses krause und in schlechtem Deutsch geschriebene Gemisch von angelesenen Versatzstücken und wüster Polemik ernsthaft und vollständig lesen konnte, Anklage, weil, wenn die Deutschen es gelesen hätten, sie dann schon vor 1933 genau hätten wissen können, was schließlich Hitler an Grauen über die Welt bringen würde. Trotz mancher Zweifel an dieser Einschätzung ist dieses Urteil auch heute noch gang und gäbe. Aber ist es auch richtig?
Diese Frage von Grund auf zu untersuchen und zu klären, also die Rezeptionsgeschichte von "Mein Kampf" zu erforschen, war das erste Anliegen des österreichischen Verfassers, der bisher durch Untersuchungen zu Hitlers Rhetorik bekannt geworden ist. Doch blieb es dann nicht bei der Rezeptionsgeschichte, vielmehr wurde die Untersuchung ausgedehnt auf die Fragen zur Entstehung von "Mein Kampf" überhaupt (Teil I des Werkes, S. 9-164), dann auf die vielfachen Ausgaben von "Mein Kampf" von 1924 bis 1945 und auf seine Veröffentlichung in fremden Sprachen (Teil II, S. 165-202). Und auch die Rezeptionsgeschichte selbst, die nun den dritten und längsten Teil der Untersuchung bildet (S. 203-577) und ihren natürlichen Schwerpunkt in der Zeit bis 1933 hat, wurde erweitert um die Betrachtung der Rezeption in den Jahren von Hitlers Herrschaft 1933-1945 und um die Gesamtrezeption von "Mein Kampf" im angelsächsischen und im kommunistischen Bereich sowie in Frankreich und Österreich. Obwohl der Verfasser keine Analyse des Inhalts von "Mein Kampf" vorlegt, sondern vornehmlich die äußere Geschichte von Hitlers Buch in seiner Entstehung und Wirkung darstellt, ist damit ein in sich geschlossenes und abgerundetes Gesamtwerk über "Mein Kampf" als Publikation entstanden. Schade nur, dass eine Gesamt-Zusammenfassung am Schluss fehlt und dass die Einleitung, die eine Zusammenfassung wohl im Ansatz mit einschließen wollte, überaus kurz ausgefallen ist. Das an sich großartige Literaturverzeichnis, das in vier Abteilungen geboten wird, mutet dem Leser dauerndes Blättern zu, da man vielfach nicht wissen kann, unter welcher Abteilung die in den Anmerkungen zitierte Schrift angegeben ist - doch angesichts der Bedeutung des Werkes nimmt man das schließlich gern in Kauf.
Sein spannendster Teil ist zweifellos, auch wenn er nicht im Mittelpunkt steht, der erste, der über die Entstehung von "Mein Kampf" handelt: die Vorstufen, die Entwicklung der Konzeption, die Erarbeitung, die Publikationsversuche und auch der Titel (ursprünglich: "4 1/2 Jahre Kampf gegen Lüge, Dummheit und Feigheit - eine Abrechnung"; der verkürzte Titel erscheint erst kurz vor der Veröffentlichung), dann die Mitarbeiter und Helfer, schließlich die Wege des (verschollenen) Manuskripts. In voller Kenntnis der früheren Arbeiten über Hitlers Buch, aber unter Einbeziehung vieler bisher wenig oder gar nicht beigezogener Quellen (etwa aller Briefe von Heß, über die Veröffentlichung von Wolf Rüdiger Heß hinaus, oder eines Tagebuchs von Feder, dessen Lagerort allerdings nicht genannt ist) kann der Verfasser vor allem Folgendes zeigen, beweisen und kongenial darstellen. Zuerst dass das Buch Hitlers kein Werk aus einem Guss ist, kein Ergebnis eindringender Gedankenarbeit, sondern dass seine Entstehung in ihrer "chaotischen Banalität" (S. 29) zutiefst von der Tagespolitik abhängig war, gleichzeitig aber ein Spiegelbild der Ideologiebildung bei Hitler bietet. So wandelte sich etwa die Abrechnung mit den "Novemberverbrechern" von 1918 bald in eine solche mit den "Verrätern" von 1923, später kamen biographische Momente dazu; desgleichen wandelte sich das vorher positive Russlandbild durch Einfügung eines Kapitels über den Lebensraum (wohl den Gedanken Haushofers geschuldet) zu dem negativen Bild des Ostens, der erobert werden müsse. Der Verfasser zieht daraus die überzeugende Konsequenz, dass Entwicklung und Vorlage von "Mein Kampf" (erster Band fertig im Juli 1925, zweiter Band im November 1926) nur auf dem Hintergrund der jeweiligen Zeitlage verstanden werden kann. Minutiös betrachtet er deshalb alles, was von daher auf das Buch Einfluss gehabt haben kann, den Verlauf des Hitlerprozesses natürlich (etwa die 60-seitige Denkschrift Hitlers an das Gericht, soweit rekonstruierbar), die Umgebung und Kontakte in der bekanntlich sehr freizügigen Haft in Landsberg, die Entlassung aus dem Gefängnis (wer holte ihn ab?), den Streit unter den Völkischen, die Versuche der bayerischen Regierung Held, Hitler auszuweisen, was offenbar das Erscheinen erneut verzögerte, bis hin zu mühsamen Verhandlungen mit den Verlagen. Hier wird nicht nur viel und viel neues Material beigebracht, etwa aus den bayerischen staatlichen Archiven, hier liegt auch der große Gewinn für die bayerische Landesgeschichte dieser Zeit, eben etwa zur Frage des Umgangs der Regierung Held mit Hitler (Ausweisung, Staatsbürgerschaft, Redeverbote usw.) - künftige Arbeiten zur bayerischen Geschichte werden deshalb diesen Band beizuziehen haben.
Das zweite wichtige Ergebnis ist der nun zweifelsfrei erbrachte endgültige Nachweis, dass Hitler, trotz vielfältiger Anregungen, sein Buch selbständig verfasst und sogar selbst auf der Schreibmaschine getippt hat. Alle bisherigen Behauptungen, dass andere den Text entworfen, geschrieben oder auch nur maßgeblich korrigiert haben, sind damit ins Reich der Legende verwiesen; es bleiben nur gute Kontakte zu Max Amann, zu Ernst Hanfstaengl und für gelegentliche Korrekturen zu dem Wiener Dichter Josef Stolzing-Cerny sowie das Vorlesen von Teilen des Textes vor Rudolf Heß und Ilse Pröhl, dessen späterer Frau (S. 121ff.). Aber welche - zum Teil ganz abenteuerlichen - Behauptungen für die Hilfe oder gar Verfasserschaft waren aufgestellt worden, von Emil Maurice über Karl Haushofer (so noch jüngst 1996) bis zu dem am Miesbacher Anzeiger tätigen, aber deutlich hitlerkritischen Pater Bernhard Stempfle, der 1934 ermordet wurde: der Wunsch der Zeitgenossen, dem berühmten Autor möglichst nahe gewesen zu sein, andererseits die Überzeugung der Gegner, Hitler sei zur Abfassung des Buches unfähig gewesen, war offenbar der Vater solcher Gedanken. Der Verfasser weist darauf hin, dass wegen des Fehlens einer Quellen- und Ideengeschichte zu "Mein Kampf" gerade textvergleichende Untersuchungen sehr schwierig sind (S. 116 Anm. 497), was bedeutet, dass auch jetzt noch nicht alle Fragen zur Entstehung der einzelnen Abschnitte des Buches und des Buches insgesamt zu lösen sind. Dies betrifft auch die seltsame Tatsache, dass vom ursprünglichen Original, das aus einigen Vorabdrucken erschließbar ist, bis zur Letztfassung eine merkwürdige stilistische Verschlechterung eintrat, die vor allem dem - offenbar nicht ursprünglichen - Redestil geschuldet ist: ob dies auf Hitler selbst zurückgeht, sei vorläufig nicht zu klären, aber wahrscheinlich (S. 72f.). Hitlers Buch wurde bis Januar 1933 in Deutschland 241 000 mal verkauft, hat also schon vor der Machtergreifung eine große Karriere gemacht; bis 1945 waren es, durch immer neue Auflagen, Sonder- und Jubiläumsausgaben insgesamt 12,4 Millionen Exemplare.
Mit der Rezeptionsgeschichte befasst sich der Hauptteil des Bandes, was der Grundfrage des Autors entspricht, ob das Buch, und zwar freiwillig, gelesen und rezipiert wurde oder nicht. Er untersucht dazu die Bereiche von Staat und Justiz, die allgemeine Publizistik, die christliche und die jüdische Publizistik, jeweils auch mit Aussagen zu den religiösen Organisationen, dann völkisch-nationale Publikationen, die Nationalsozialisten, die Parteien Zentrum, SPD und KPD, schließlich Wirtschaft und Gewerkschaften. Auch hier gelingt dem Verfasser der überzeugende Nachweis, dass die Behauptung, "Mein Kampf" sei nicht gelesen worden, unhaltbar ist: vielmehr war das Buch bereits bald nach seinem Erscheinen 1925/26, jedenfalls aber seit 1930/31, in weiten maßgeblichen Kreisen bekannt; in England, den USA und Frankreich, wo anfangs gekürzte und geglättete unautorisierte Drucke auf den Markt kamen, erscholl sogar bald der laute Ruf nach einer präzisen vollständigen Übersetzung - auf diesen Teil der Rezeptionsgeschichte, also im Ausland (S. 461-577), wird hier nicht weiter eingegangen. Die Quellenerschließung und -auswertung für diese spezifische Frage kann dabei nur die Bewunderung des Lesers auslösen. Schon die erstaunliche Menge der Bücher und Broschüren, die bezüglich der Verwendung von "Mein Kampf" durchgesehen wurden (die Titelliste allein umfasst im Anhang 11 Druckseiten, mit heute oft ganz vergessenen Schriften), die Artikel in Tagespresse und Zeitschriften oder die Verwertung von juristischen und politischen Akten (eindrucksvoll etwa die in den Archiven aufbewahrten Denkschriften der politischen Überwachungsbehörden von Preußen und Bayern, S. 214ff.) machen klar, dass dieses auf eine Wolke von Zeugnissen gestützte Ergebnis haltbar ist; dies auch deshalb, weil stets nach dem Zeitpunkt (direkt nach Erscheinen, bis 1931, auf dem Höhepunkt 1932: so bei der allgemeinen Publizistik), also nach dem Umfeld, gefragt und genau differenziert wird. Zudem wird nicht nur festgestellt, ob Hitlers Buch erwähnt wird oder nicht, es wird auch häufig auf die Argumentation eingegangen, wodurch ein gerundetes Bild der Auseinandersetzung oder Nichtauseinandersetzung mit Hitlers Buch entsteht; da oft Rosenbergs "Mythus" parallel (etwa für Auflagenzahlen und Erwähnungen) herangezogen wird, entstehen erhellende Vergleiche. Kurze Zusammenfassungen runden die Kapitel ab.
Was die einzelnen Bereiche betrifft, so zeigen sich in der Auseinandersetzung mit "Mein Kampf" erhebliche Unterschiede. Die katholische Publizistik, um einige Felder herauszugreifen, reagierte grundsätzlich ablehnend, wobei die Leitlinien, die die Kirchenleitung vorgab, entscheidend waren. Bei der jüdischen Publizistik dagegen spielte "Mein Kampf" bis 1933 keine zentrale Rolle; hier fehlte weitgehend jede Auseinandersetzung, es blieb beim herkömmlichen Bemühen um Aufklärungsarbeit gegen den Antisemitismus. Bei den Völkischen wurde Hitlers Buch meist kritisiert oder abgelehnt, ja Otto Straßer und sein Kreis waren es, die den Mythos vom ungelesenen Buch aufbrachten, der dann nach 1945 so wirksam wurde (S. 356ff.). Bei den Nationalsozialisten selbst spielte "Mein Kampf" anfangs keine sehr große Rolle, vergleicht man sie mit den damals weit rezipierten Schriften Gottfried Feders; erst später errang das Buch dann seine - den Auseinandersetzungen nun weitgehend entzogene - Stellung als Standardwerk und NS-Bibel. Am bedrückendsten sind die Ergebnisse für die KPD und die Sowjetunion (diese S. 513ff.), die als schärfste Gegner Hitlers eigentlich sein Buch am besten hätten kennen müssen. Doch in Wirklichkeit wurde hier "Mein Kampf" erst sehr spät, nämlich um 1933, oder gar nicht rezipiert. Wegen der Überzeugung der Kommunisten und der bekannten Haltung der Komintern, dass der Faschismus eine Erscheinungsform des Kapitalismus sei, durfte der Nationalsozialismus also keine eigene Ideologie haben, konnte es natürlich auch keine echte rechtsradikale Arbeiterpartei geben; überdies galt ja der Hauptkampf der Kommunisten damals der "sozialfaschistischen" SPD. So gab es zwar Gegnerschaft gegen Hitler, aber keine echte Auseinandersetzung mit seinen Ideen und seinem Buch; Walter Ulbricht etwa kannte es bis 1933 nicht (S. 386). Wenn also irgendwo das Diktum vom ungelesenen Buch stimmt, dann im Bereich des Kommunismus. Aber auch bei der SPD, die ja gleichfalls marxistisch fundiert war, spielte das Buch nur eine geringe Rolle.
Wenn es für die Linke nicht verwundert, dass sie das Phänomen Hitler und damit auch sein Buch nicht als Ideologie wirklich erkannt hat, so ergibt sich natürlich auch bei denen, die es gelesen und verwertet haben, die Frage, ob sie dem Inhalt geglaubt und dementsprechend Konsequenzen gezogen haben. Gerade nach 1933, als sich Hitler zeitweise, etwa außenpolitisch, honorabel gab, konnte man leicht zur Meinung kommen, ein von einem zornigen Gefangenen vor fast einem Jahrzehnt geschriebenes Buch müsse man nun nicht mehr so ernst nehmen; hohe Parteistellen bekräftigten diese Sicht vor allem dem Ausland gegenüber bis etwa 1938. Obwohl sich der Verfasser nicht in einem eigenen Kapitel mit diesem Problem beschäftigt, kommt er doch immer wieder darauf zu sprechen und bietet dafür viel Material, etwa bei der Zusammenfassung der Rezeption in England, wo der Bekanntheitsgrad von Hitlers Buch groß war, Folgerungen aber daraus nur von wenigen gezogen wurden. Ob also das vielfach Gelesene geglaubt und dementsprechend gehandelt wurde, ist ein weiteres Thema der Rezeptionsgeschichte, das dieses Werk anregen kann.
Der Rezeptionsteil verlangt jedoch auch kritische Bemerkungen. Denn dieser Teil bietet in seiner Anlage, trotz der bewundernswerten Erschließung und Verwertung der Quellen, auch methodische Probleme, die man nicht übersehen kann. Diese liegen nicht an der Erfassung der Schriften oder ihrer Auswahl, die durchaus überzeugt (die Menge der zu Rate gezogenen Publikationen ist selbst ein bedeutender Beitrag zur Mediengeschichte der Weimarer Zeit), vielmehr zuerst darin, dass die untersuchten Autoren vielfach nur als Namen erscheinen, ohne Verortung in ihrem geschichtlichen Kontext. Das dürfte nicht nur eine Überforderung auch kenntnisreicher Leser sein, die wohl kaum alle genannten Schriftsteller selbständig einordnen können, es wird bei diesem Vorgehen auch nicht genügend deutlich, aus welchen Gründen der Betreffende sich für oder gegen "Mein Kampf" und den Nationalsozialismus gestellt hat. So werden etwa, um eines von vielen Beispielen zu nennen, im katholischen Bereich Österreichs für 1932 behandelt der Wiener Franziskaner Zyrill Fischer, dann "ein anderer katholischer Autor" namens Alfred Missong und ein Siegmund Guggenberger, wobei Missong sogar als "einer der scharfsinnigsten Analytiker Hitlers und des Nationalsozialismus dieser Zeit" bezeichnet wird (S. 566f.); wer diese Schriftsteller aber waren, warum sie geschrieben haben, aus welchem geistigem Hintergrund sie handelten, was ihr Schicksal war, all das wird nicht deutlich.
Die weitgehende Beschränkung auf die Namen von Schriftstellern und die Frage, ob sie "Mein Kampf" gekannt und verwertet haben, bringt dann die Gefahr mit sich, dass, wohl unbewusst, aufrecht demokratische Haltung und ablehnende Stellungnahme zu "Mein Kampf" einfach gleichgestellt werden, das heißt umgekehrt bei Nichtbefassung mit Hitlers Buch die demokratische Haltung der Autoren in Zweifel gezogen wird. Häufig haben aber auch strikte Gegner Hitlers sein Buch gar nicht beachtet, sondern mit dem NS-Parteiprogramm oder mit Schriften von Feder, Goebbels oder Rosenberg argumentiert (Beispiel: Dem Reichtagsabgeordneten Wilhelm Hoegner, einem der frühesten und aktivsten Hitlergegner, wird, offensichtlich als Manko, das Fehlen einer Auseinandersetzung mit "Mein Kampf" bescheinigt, S. 367). Hier wird aber zweifellos die damalige Bedeutung des Buches im Kontext der Auseinandersetzung um den Nationalsozialismus überschätzt: der Verfasser hat ja sogar selbst gezeigt, dass Hitlers Buch auch in der Hitler-Bewegung erst um 1930 allmählich seine Stellung als Grundwerk des Nationalsozialismus gewann.
Schließlich ist kritisch zu vermerken, dass der Verfasser dazu neigt, bei der Quellenverwertung nicht beim Thema der Rezeption von "Mein Kampf" zu bleiben, sondern, vielleicht verführt von der Masse der Zitate, nicht selten versucht, den jeweiligen Bereich als Gesamtphänomen zu erfassen. Dafür reichen aber auch noch so viele Quellenstellen keineswegs aus, wie am zentralen Bereich der christlichen Publizistik und kirchlichen Institutionen, dem der Rezensent nahe steht, besonders deutlich wird. Dort führt der Verfasser für die katholische Seite (S. 272ff.) ab 1930 erst die ablehnenden bischöflichen Stellungnahmen zur NS-Partei an, bespricht dann einige kirchliche Autoren wie Anton Scharnagl und Erhard Schlund, bringt aber seltsamerweise auch Kirchengegner wie den zur Partei übergegangenen Josef Roth oder den rechtsradikalen Nobelpreisträger Johannes Stark (sind solche wirklich unter katholischer Publizistik subsumierbar?); weiter werden vier zentrale Werke von 1931 besprochen, die alle den Nationalsozialismus verwerfen (Ingbert Naab, Jakob Nötges, Alfons Wild und Karl Josef Trossmann - seltsamerweise nicht Fritz Gerlich), schließlich einige weitere Autoren, die stets, wenn auch auf verschiedener Grundlage und mit unterschiedlicher Argumentation, den Nationalsozialismus kritisieren. Als Fazit wird dagegen (mit einem Zitat von Klaus Scholder) festgestellt, dass von einer konsequenten Ablehnung des Nationalsozialismus durch die katholische Kirche keine Rede sein könne (S. 300), wobei besonders die Konzentration der Argumente auf die Religion kritisiert (was sollte denn das erste Thema katholischer Publizistik sonst sein?) und ihr positive Bewertung des "Rassismus" attestiert wird (was damit gemeint ist, bleibt unklar, da wenige Sätze danach die Ablehnung des rassistischen Antisemitismus festgestellt wird). Dieses Gesamturteil erfolgt also nicht mehr auf der Basis der ausgewerteten Quellen. Um ein solches aber tragfähig zu machen, dafür hätte es der Auseinandersetzung mit der wissenschaftlichen Literatur bedurft, die hier weitgehend fehlt. Nicht nur wird nur höchst selten Spezialliteratur für die besprochenen Autoren angegeben (sie fehlt auch für Schlund oder Naab), auch die grundlegende Literatur etwa zu Rosenbergs Mythus (Raimund Baumgärtner, Weltanschauungskampf im Dritten Reich, 1977) oder zur Geschichte des Katholizismus in dieser Epoche (mehrfach dazu Werke von Heinz Hürten) sind nicht beigezogen. Ein solches Absehen von den bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnissen und die Verwertung allein von Quellenzitaten kann aber nur legitim sein, wenn der Verfasser genau bei seinem Untersuchungsfeld, der Rezeption von "Mein Kampf", bleibt und dieses nicht in Richtung auf allgemeine Urteile überschreitet.
Dieser Hinweis, dass der Leser die Methode des Verfassers immer wieder auch kritisch betrachten sollte - was ja sowieso ein Hauptpunkt des commercium litterarum ist -, zielt nicht darauf, die oben formulierte hohe Wertschätzung des Werkes zu verkleinern. Vielmehr wird diese Wertschätzung auch gesichert durch die große Zahl von interessanten Beobachtungen, die der Verfasser zusätzlich anführt und von denen hier, da sie nicht im Mittelpunkt des Werkes stehen, nur zwei angeführt werden sollen. Sie sind entnommen dem Kapitel über die Rezeption 1933-1945, unter dem Hitlers Buch als "Herrschaftsinstrument" untersucht wird. Hier sind die berühmten Hochzeitsgeschenke von "Mein Kampf" betrachtet (S. 432ff.), die bei der thüringischen Stadt Pößneck 1934 begannen und, auch um zeitweilige Überproduktion des Verlages abzubauen, ständig auf weitere Städte auszudehnen versucht wurden; doch erstaunlicherweise hat dieser Appell nicht allzu viel erreicht, 1938 verschenkten erst etwa die Hälfte der deutschen Gemeinden das Buch zur Hochzeit, und gerade nicht die Mehrzahl der großen Städte (etwa nicht Nürnberg, Fürth, Erlangen). Es ist dies eines jener Felder, die auch in der NS-Diktatur weniger reglementiert waren, als man gemeinhin glaubt. Dies betrifft in gleicher Weise die Ausleihe von "Mein Kampf" in den Bibliotheken, die natürlich nicht befohlen werden konnte. In einer methodisch interessanten Verwertung von Büchereistatistiken und -inventaren erfährt man nicht nur, dass die Anschaffung des Buches keineswegs einfach befohlen wurde und auch nicht immer die erste Stelle einnahm (unter den 100 Büchern des Jahres 1935 rangierte etwa "Mein Kampf" bei den Bibliotheksanschaffungen erst an 21. Stelle, dagegen Goebbels' Schrift "Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei" an erster, S. 423), man erkennt auch an teilweise erhaltenen Ausleihzahlen, dass etwa in Coburg im gleichen Jahr der erste Band 13 mal, der zweite immerhin noch 8 mal ausgeliehen wurde, und dass auch im Krieg des Buch noch Interesse fand (S. 425). Gerade solche Beobachtungen machen, neben der Behandlung der Hauptthese, die Untersuchung auch für andere Bereiche des Kulturlebens im Dritten Reich wertvoll.
Insgesamt handelt es sich um ein Werk, das für die Frühgeschichte der Partei, für Hitler und sein bayerisches Umfeld, dann besonders auch für Fragen des Umgangs der Intellektuellen mit Hitlers Buch und seinen Zielen wichtiges Material vorlegt und bemerkenswerte Erkenntnisse bringt.
Erschienen am 13.03.2008
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