Logo der Bayerischen Akademie der Wissenschaften

Kommission für bayerische Landesgeschichte

Menu

Aktuelle Rezensionen

Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde

Johanna Gehmacher/Klara Löffler (Hgg.)

Storylines and Blackboxes. Autobiografie und Zeugenschaft in der Nachgeschichte von Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg

(Beiträge des VWI zur Holocaustforschung 4), Wien 2017, new academic press, 260 Seiten mit Abbildungen
Rezensiert von Anna Jank
Erschienen am 25.06.2018

Der vorliegende Band ist das Ergebnis des Internationalen Workshops zum Thema „Storylines and Blackboxes. Konstellationen auto/biografischer Erzählungen über Gewalterfahrungen im Kontext des Zweiten Weltkrieges“ des Wiener Wiesenthal Instituts für Holocaust-Studien, des Instituts für Europäische Ethnologie und des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Wien, der im Mai 2014 stattfand. In drei Unterkapiteln kommen mehrere Autoren zu den Themen „Erfragte Erinnerungen“, „Erzählen, Berichten, Darstellen“ und „Vermittlungen, Vernutzungen“ zu Wort.

Die Historikerin Johanna Gehmacher und die Volkskundlerin Klara Löffler gehen einleitend näher auf die Besonderheiten des von ihnen herausgegebenen Bandes zur Nachgeschichte des Nationalsozialismus ein. Ganz im Fokus stehen dabei Gewalterfahrungen aus unterschiedlichen Perspektiven, die jedoch nicht, wie so oft, im Kontext gesellschaftlicher und national ausgerichteter Identitätskonstruktionen analysiert werden sollen, sondern vielmehr unter dem Aspekt des auto/biografischen Charakters vieler dieser Erinnerungen. Gerade in jüngerer Zeit erfuhr die Person des Zeitzeugen und das Verhältnis zwischen Zeitzeugen und Zeithistorikern mehr Aufmerksamkeit im Angesicht des Umbruchs von kommunikativem zu kulturellem Gedächtnis und regt – auch durch den allmählichen Verlust der Zeitzeugengeneration des Holocaust – die Herausgeberinnen zu einer „methodisch-theoretischen Reflexion des Umgangs mit biografischen Narrativen zu erfahrener Gewalt am Kreuzungspunkt von Nach- und Gedächtnisgeschichte des Nationalsozialismus und Biografieforschung“ (7) an. Nicht mehr ausschließlich die Inhalte der verwendeten Interviewmaterialien, die teilweise schon aus archivierten Beständen stammen, sondern auch die Entstehungskontexte, die formalen Umstände dieser Dokumente und die spezifischen Konstellationen, in denen sich Muster des Autobiografischen abbilden können, sollen durch Reflexionen einen prominenten Stellenwert in der Verwendung und Analyse erhalten.

Das sehr umfangreiche Forschungsfeld der Nachgeschichte des Nationalsozialismus und der Gedächtnisgeschichte der Shoah regt Gehmacher und Löffler in ihrem Vorhaben hauptsächlich zu zwei Erweiterungen an: einerseits zur Fokussierung auf die globale Dimension von Nachgeschichten, die durch den Vergleich von Erzählungen unterschiedlicher Provenienzen erreicht werden soll, und andererseits zum weiter gefassten Verständnis der Formulierung „Erfahrungen von Gewalt“, das speziell auch das aktive Erfahren, also aus Tätersicht, adressieren soll. Tatsächlich wurde der ersten angestrebten Erweiterung des Forschungsfeldes zumindest durch die verschiedenen Beiträge, die sich teilweise in der Örtlichkeit, vor allem aber in der Art des Quellenmaterials unterscheiden, Rechnung getragen. Die zweite intendierte Erweiterung jedoch konnte im Rahmen dieses Workshops nicht umgesetzt werden: Obwohl die in den Beiträgen ausführlich thematisierte Opferperspektive eine durchaus berechtigte ist, mündet die Zentrierung darauf in eine Einseitigkeit, welche keiner ganzheitlichen Erforschung des Themengebietes entspricht.

Das erste Unterkapitel, „Erfragte Erinnerungen“, basiert auf Befragungen von Zeitzeugen und macht diese zum Ausgangspunkt weiterer Analysen, während auch die Beteiligung der Forscher an der Erzählsituation in die Untersuchungen miteinbezogen werden soll. Die Historikerin Sonja Knopp analysiert dies anhand einer sekundären Zeugenschaft des Fragenden im Rahmen eines Interviews. An einer symptomatischen Sequenz wird der erzählerische Widerstand gegenüber erlebter Gewalterfahrungen und dessen zeitlich verzögerte Wirkung veranschaulicht. Grete Rebstock interpretiert in ihrem Beitrag die Wirksamkeit traumatisierender und gewaltsamer Erfahrungen ehemaliger sowjetischer NS-Zwangsarbeiter in ihrer Erinnerung heute: Wie sich herausstellt, waren die Erinnerungen – sowohl auf der kollektiven als auch auf der individuellen Ebene – nach dem Ende des Krieges durch Schweigen geprägt. Die Ethnologin Judith Kestler untersucht in einer narrationsanalytisch angelegten Studie individuelle Deutungen und Einstellungen gegenüber der Internierung ehemaliger Seemänner der deutschen Handelsmarine, während sie gleichzeitig Erzählbedingung und Interviewsituation, ebenso wie Zeitgeschichte und Biografie der Befragten, in ihrer Analyse berücksichtigt.

Das zweite Unterkapitel, „Erzählen, Berichten, Darstellen“, bemüht sich um die Abbildung verschiedener Erinnerungspraktiken und Strategien, die als „souveräner Akt gegenüber einer entmächtigenden Erfahrung“ (12) verstanden werden sollen. Ganz in diesem Sinne befasst sich die Historikerin Vida Bakondy mit der besonderen Erinnerungspraktik der ehemaligen jüdischen Meisterschwimmerin Fritzi Löwy, die ein Fotoalbum als privaten Gedächtnisspeicher nutzte. Eine ganz ähnliche Funktion übernehmen die Tagebücher Victor Klemperers, welche der Literaturwissenschaftler Arvi Sepp einer tieferen Analyse unterzieht. Ausführlich geht er auf die Frage ein, wie der Zusammenbruch eines wohlbekannten Wertesystems die Psyche eines Menschen beeinflusst und darin erkennbar wird. Um die Verarbeitung von selbst erfahrener Gewalt geht es in den autobiografischen und literarischen Darstellungen des Massenmordes an rumänischen Juden, denen sich die Germanistin Francisca Solomon widmet. Sie stößt dabei auf zwei in diesen Texten eine besondere Rolle spielenden Konzepte: die Nostalgie der ‚guten alten Zeit‘ und das zugrundeliegende Trauma. Ein weiteres Resultat ihrer vergleichenden Studie ist die unterschiedliche Verarbeitungsweise der Erinnerungen von Kindern und Erwachsenen. Brigitte Entner erarbeitet Darstellungsformen der Verfolgung und des Widerstandes einer Randgruppe, die besonders mit Konflikten um Sprechen oder Schweigen, Sprache und einer allgemeinen Marginalisierung zu kämpfen hatte: die Kärntner Slowenen. Die letzten beiden Beiträge befassen sich im Besonderen mit historischen Zusammenhängen und heben somit die Verbindung von Biografie und Zeugenschaft mit geschichtspolitischen Themen hervor. Um eine spezifische literarische Darstellungsweise – die Distanzierung von Gewalterfahrungen, Ausgeliefertheit und Entmächtigung – geht es im Beitrag der Literaturwissenschaftlerin Bianca Patricia Pick. Sie eruiert eine spezifische Position des Subjekts, das aus der Opferrolle und der ihm zugeschriebenen Passivität heraustritt.

Der dritte und letzte Teil, „Vermittlungen, Vernutzungen“, wird eingeleitet von Anna Stemmann, die anhand von Comics zum Thema Nationalsozialismus und deren Text-Bild-Kombination die Gleichzeitigkeit unterschiedlichster Erzählebenen und Darstellungsformen des Genres veranschaulicht. Reihen und Abfolgen können damit ebenso produziert werden wie Fragmente der Erinnerung und freie Assoziationen. Die Historikerin Gerda Klingenböck befasst sich in ihrem Beitrag mit der Frage, wie pädagogische und geschichtsschreibende Konzepte in ein anderes Medium transferiert werden können, welche Möglichkeiten dieses bietet, aber auch welche Grenzen gesetzt sind. Jörg Skriebeleit widmet sich ganz den überlebenden Opfern und Zeitzeugen im Kontext politischer, medialer und wissenschaftskultureller Prozesse aus kulturwissenschaftlicher Perspektive.

Kommt biografisches Material geschichtspolitisch zum Einsatz, wirken auch Reduktionen und Vernutzungen mit, die im Prozess einer Reflexion unterzogen und kritisch in die Analysen miteinbezogen werden müssen. Gerade aus diesem Grund, und weil es eine maßgebende Intention des Bandes ist, Autobiografie und Zeugenschaft aus unterschiedlichen Perspektiven (und Wissenschaften) zu beleuchten, um ein möglichst ganzheitliches Bild zu entwerfen, ist auf das Fehlen der tiefenpsychologischen und psychoanalytischen Perspektiven, die bei Thematiken wie Individualität, subjektive Autonomie, das Einzelne im Kontext des Sozialen, Autobiografie, die traumatische Erfahrung von Gewalt und Reflexion allgemein essentiell sind, hinzuweisen. Eine stärkere Berücksichtigung jener Blickwinkel hätte dem Band gut getan, zumal es sich um psychologisch relevante Fragestellungen handelt und an der Schnittstelle Europäische Ethnologie/Psychoanalyse, besonders zu Methode und Reflexion, bereits neuere, interdisziplinäre Ansätze und Literatur existieren (vgl. Bernd Rieken, Jochen Bonz und andere).