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Aktuelle Rezensionen


Inga Klein/Sonja Windmüller (Hgg.)

Kultur der Ökonomie. Zur Materialität und Performanz des Wirtschaftlichen

(Edition Kulturwissenschaft 25), Bielefeld 2014, transcript, 304 Seiten mit Abb.
Rezensiert von Markus Tauschek
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 23.04.2018

Als sich im September 2017 Fachvertreterinnen und Fachvertreter der Volkskunde/Europäischen Ethnologie/Kulturanthropologie in Marburg trafen, um sich theoretisch und anhand zahlloser Fallstudien mit dem „Wirtschaften“ kulturwissenschaftlich auseinanderzusetzen, herrschte Konsens darüber, dass die Sphären des Ökonomischen in unseren Lebens- und Alltagswelten einer vertieften empirischen und historisch grundierten Kulturanalyse bedürfen. Die hier vorgelegte Rezension zu einem bereits 2014 erschienenen Sammelband – so könnte man kritisch einwenden – erscheint also zu spät. Und in der Tat bezogen sich nur wenige Referentinnen und Referenten des 41. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde auf den von Inga Klein und Sonja Windmüller herausgegebenen Band. Dies ist höchst bedauerlich und mag auch als fachinternes Problem gedeutet werden, wenn die eigenen Arbeiten aus dem Fach kaum zur Kenntnis genommen werden.

Der hier zu besprechende Band hat in jedem Fall ein größeres Publikum verdient, liefert er doch nicht nur eine anregende und problemorientierte (wenngleich leider etwas knapp geratene) Einleitung mit wertvollen Hinweisen dazu, welche Aspekte eine Kulturanalyse des Ökonomischen berücksichtigen sollte, sondern auch eine Vielzahl ebenso anregender Texte zu exemplarischen Feldern.

Den Auftakt des Bandes bilden „Perspektiven auf ökonomische Konzepte im interdisziplinären Diskurs“, die der Ethnologe Hans Peter Hahn anbietet. Hahn konstatiert zunächst, die Wirtschaftsethnologie sei ein marginaler Bereich in der Ethnologie und immer dann gefragt, wenn in ökonomischen Krisen Forschungen zu fremden oder alternativen Wirtschaftsformen als Teil möglicher Lösungen interpretiert werden. Insgesamt jedoch sei der Dialog zwischen Kulturwissenschaften und Ökonomie problematisch. Am Beispiel der in ökonomisch determinierten Feldern dominanten Begriffe Geld und Wert diskutiert Hahn mit einem Schwerpunkt auf wissenschaftsgeschichtlich relevante Arbeiten die Potenziale wirtschaftsanthropologischer Zugriffe.

Ebenfalls mit einem wissenschaftsgeschichtlichen Zugriff befasst sich Anna Echterhölter mit den Interpretationen prämonetären Tauschs bei Karl Polanyi und Raymond Firth. Ein wissenschaftsgeschichtliches Interesse – und damit eine gewinnbringende Metaperspektive – steht im Zentrum des darauffolgenden Beitrags von Sonja Windmüller, die sich mit dem Rhythmus als wichtige Denkfigur wirtschaftswissenschaftlicher Theoriebildung befasst. Mit dem Blick auf das Rhythmische – so Windmüllers These – würden wirtschaftswissenschaftliche Arbeiten ökonomische Prozesse plausibilisieren.

Sophia Booz nimmt einen alltäglichen Ort ökonomischer Praxis in den Blick: den Bankautomaten. Die Autorin kann dabei zeigen, wie sich mit der Einführung von Bankautomaten in der BRD ab Ende der 1960er Jahre auch neue kulturelle Bilder von Kundinnen und Kunden etablierten und welche Rolle dabei Anonymität, Sicherheit oder auch Erlebnis spielten. Ebenfalls mit dem Thema Geld setzt sich der folgende Beitrag von Il-Tschung Lim auseinander. Lim fragt danach, wie mit der Störung Falschgeld noch vor ihrer systematischen Behebung durch ausgeklügelte Prüfsysteme und Präventivmaßnahmen umgegangen wurde.

Das Motiv der Störung ist auch im Beitrag von Inga Klein präsent, der sich mit Hochstaplern aus einer kulturwissenschaftlichen Perspektive befasst. Anhand eines konkreten Fallbeispiels zeigt Klein eindrücklich, wie in Repräsentationsmedien über die Hochstapelei im Kontext der Wirtschaft Narrative über ökonomisches Handeln und ökonomische Logiken zur Disposition gestellt werden.

Von Schulden und Schuldenverhältnissen handelt der Beitrag von Silke Meyer. In beeindruckender Weise rekonstruiert Meyer, wie in einer verschuldeten Münsteraner Familie über die Schulden gesprochen und wie narrativ mit knappen Ressourcen umgegangen wird. Meyer zeigt dabei, wie insbesondere in der kulturell kodierten erzählerischen Figur des glücklichen Armen lange kulturgeschichtliche Motivlinien aufgegriffen werden.

Der­ folgende Beitrag stellt die doppeldeutige Frage, warum wir handeln (Michael Oliva Córdoba und Rolf W. Puster), und macht dabei praxeologische Ansätze einer Analyse des Wirtschaftlichen stark. Eine gänzlich andere Perspektive nimmt Janine Schemmer in ihrem Beitrag zur Repräsentation des Ökonomischen im Hamburger Hafenmuseum ein: Schemmer folgt zunächst den Transformationen des Hamburger Hafens, um dann die Rolle ehemaliger Hafenarbeiter im Museum zu diskutieren.

Eine für die Kulturwissenschaften in hohem Maße relevante Frage leitet Gisela Welz’ Beitrag zu geschützten Herkunftsangaben für regionale Lebensmittel: Wie wird das Ökonomische kulturell hergestellt? In Anlehnung an Michael Herzfeld geht Welz dabei davon aus, dass alle Wirtschaftssysteme grundsätzlich kulturgebunden sind. Am Beispiel der Standardisierung von Lebensmitteln und deren Herstellung kann Welz zeigen, wie Wert erzeugt wird.

In der Folge befasst sich Hanno Pahl aus diskursanalytischer Sicht mit neoklassischer Theoriebildung. Kristoffer Klammer spürt den Wirtschaftskrisen 1966/67 und 1973–1975 nach. Wie sich in der Geschichte die Grenze zwischen Wirtschaft und Politik konstituierte und verschob, steht im Zentrum des Beitrags von Stefan Scholl. Nadja Marlene Antoine und Holger Gerhardt beschäftigen sich mit Modi kokreativer Wertschöpfung am Beispiel der Ideenplattform „jovoto“. Den Abschluss des Bandes bildet ein Beitrag von Urs Stäheli zur Zukunftsbezogenheit ökonomischen Handelns. Zu Unrecht spiele der Begriff Hoffnung in den Wirtschaftswissenschaften bislang kaum eine Rolle.

Der Band ist – dies zeigt der Schnelldurchlauf durch die einzelnen Beiträge, der diesen sicher kaum gerecht werden kann – äußerst heterogen, was eine Stärke und gleichzeitig eine Schwäche ist, weil die Beiträge weitestgehend unverbunden nebeneinander stehen und der gerade in interdisziplinären Unterfangen so wichtige Dialog fehlt. Nur die wenigsten Beiträge greifen die im Untertitel prominent gesetzten Perspektiven auf „Materialität“ und „Performanz“ explizit auf. Dies hätte hingegen der Kohärenz des Bandes sicher gut getan. Auch wäre es für den Leser/die Leserin der einzelnen Beiträge hilfreich gewesen, wenn diese ihr jeweiliges Konzept des „Wirtschaftlichen“ oder von „Ökonomie“ stärker expliziert hätten. Es fällt auf, dass eine vergleichsweise hohe Anzahl an Beiträgen eher Meta-Perspektiven auf ökonomische Felder und Logiken vorschlägt.

Insgesamt besticht der Band durch die Vielzahl der versammelten Einzelthemen. Was er kaum einlöst, sind die durch den programmatischen Titel geweckten Erwartungen – gerne hätte man eine längere Einleitung gelesen, die noch stärker die Potenziale kulturwissenschaftlicher Analysen profiliert hätte. Bleibt zu hoffen, dass der Band zur eingangs erwähnten Marburger dgv-Tagung dies dann einlösen kann – eine lesenswerte und von ihrem breiten interdisziplinären Horizont überzeugende Grundlage hätte er mit dem von Sonja Windmüller und Inga Klein herausgegebenen Band in jedem Falle.