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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Aktuelle Rezensionen


Birgit Angerer u.a. (Hg.)

Volk, Heimat, Dorf. Ideologie und Wirklichkeit im ländlichen Bayern der 1930er und 1940er Jahre

(Schriften Süddeutscher Freilichtmuseen 6), Petersberg 2016, Michael Imhof, 288 Seiten mit zahlr. Abb.
Rezensiert von Walter Hartinger
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 09.04.2018

Es handelt sich um die Begleit-Publikation zur gleichnamigen Ausstellung der ARGE Ausstellung Süddeutscher Freilichtmuseen, die für das Jahr 2016 erarbeitet und in insgesamt acht bayerischen Museen gezeigt worden ist. Die 28 Beiträge von meist wenigen Seiten sind nicht im Einzelnen zu besprechen, sondern in ihrer Gesamtheit zu würdigen.

Mit Genugtuung hat der Rezensent registriert, dass dies bereits die siebte Ausstellung mit Begleitband ist, den diese informelle Arbeitsgruppe seit dem Jahr 1997 zuwege gebracht hat [1], eine beachtliche Leistung, die demonstriert, welchen Erfolg die Kooperation von Institutionen haben kann, wenn diese ihre Synergien bündeln trotz notorischer personeller Unterbesetzung vor Ort. Dies gilt sowohl für die jeweiligen Sammlungs-Bestände wie auch die wissenschaftlichen Kompetenzen. Das organisatorische Zentrum wandert dabei von einem Museum zum anderen; im vorliegenden Fall war das Fränkische Freilandmuseum Bad Windsheim federführend, für die redaktionelle Arbeit wie immer Martin Ortmeier.

Bei der neuesten Thematik handelt es sich zudem um ein Sujet, das nicht automatisch im Fokus der Sammlungs-Tätigkeit der Freilandmuseen in den letzten Jahrzehnten gestanden hatte und darum für die Behandlung der diversen Aspekte wiederholt neue Recherchen notwendig machte. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Der vorliegende Band hält nicht nur zentrale Aspekte der Ausstellung in den Bilddokumenten fest, sondern – und dies darf unterstrichen werden – liefert mit den genannten 28 Aufsätzen eine äußerst lesenswerte Beschreibung der lokalen und regionalen Lebenswirklichkeit in Bayern während der Zeit des Nationalsozialismus und kurz danach. Die Herausgeber haben darauf verzichtet, zentrale Überblicks- oder Einführungs-Artikel vorzusehen, die ja auch zum Thema „Nationalsozialismus“ auf dem beengten Raum kaum etwas anderes als Schlagworte hätten liefern können, sondern sie haben konsequent die lokale Perspektive eingefordert. Dies hat häufig dazu geführt, dass im Einzelfall die Deskription im Vordergrund stand; an ihr wurde aber durchweg die umgreifende Lebenswirklichkeit des „Dritten Reiches“ sichtbar, so dass aufs Ganze eben doch eine plastische Vorstellung vom Leben in Zeiten des Totalitarismus beim Leser erzeugt wurde. Konkret angesprochen werden u. a. die Bemühungen um landwirtschaftliche Autarkie in diversen „Erzeugungsschlachten“, die Einvernahme der ländlichen Kleidung durch Hitler und Konsorten, die Bau- und Wohnsituation (von der Planung und Realisierung von Neubauern-Höfen bis zu Baracken und anderen Behelfsbauten für den Reichsarbeitsdienst, Heimatvertriebene, Flüchtlinge und Ausgebombte) bis hin zur Verdrängung und Vernichtung jüdischer Mitbürger, Jenischer und anderer (inklusive einem Blick auf Außenlager im ländlichen Raum als Dependancen von großen Konzentrationslagern); es fehlt auch nicht an Beispielen für distanzlose Gläubigkeit an ideologische Vorgaben des Regimes wie zur Verführbarkeit von Menschen und Institutionen auch auf dem flachen Land. Überwiegend stammen die Aufsätze von aktuellen oder gewesenen Mitarbeitern der involvierten Museen (Ausnahmen: Thomas Huonker, Johann Kirchinger, Axel Töllner, Angela Treiber, Georg Waldemer und Elsbeth Wallnöfer, deren Beiträge etwas weiter ausgreifen, sich aber dezidiert in Geist und Ton des Ganzen einfügen); dies möchte ich werten als einen Beleg dafür, dass die hier tätigen Museen die gegenwärtigen Anforderungen an kulturgeschichtliche Museen verstanden haben – und diesen auch gewachsen sind [2].

[1] Der von Hermann Heidrich 1997 herausgegebene Begleitband „Mägde, Knechte, Landarbeiter“ zur ersten Ausstellung dieser Arbeitsgruppe erschien als Band 27 der Schriften und Kataloge des Fränkischen Freilandmuseums.
[2] Vgl. Manfred Seifert: Zur Neubewertung volkskundlicher/kulturgeschichtlicher Sammlungen. In: Hessische Blätter für Volks- und Kulturforschung  NF 50 (2014), S. 105-119.