Logo der Bayerischen Akademie der Wissenschaften

Kommission für bayerische Landesgeschichte

Menu

Aktuelle Rezensionen


Justin Winkler (Hg.)

„Gehen in der Stadt“. Ein Lesebuch zur Poetik und Rhetorik des städtischen Gehens

(Cultural Anthropology meets Architecture 2), Weimar 2017, Jonas, 131 Seiten
Rezensiert von Burkhart Lauterbach
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 07.03.2018

Die derzeitige Mehrheitsfraktion in der französischen Nationalversammlung, die Bewegung „En Marche“, drängt in mehreren politischen Handlungsfeldern nach Veränderungen, innerhalb Frankreichs wie auch innerhalb Europas. Da passt es ausgesprochen gut dazu, dass der Basler Geograph, Musikwissenschaftler und Ethnologe Justin Winkler gleichermaßen positiven Druck ausübt, wenn auch lediglich für den Bereich der Kultur- und Sozialwissenschaften, konkret für das Forschungsfeld der Mobilität, dies unter besonderer Konzentration auf den Themenkomplex des städtischen Gehens. Auch wir sollten uns in Marsch setzen! Die besondere Leistung dieses kreativen Herausgebers besteht darin, dass er, zusätzlich zum Einführungstext „Gehen als widerständige Alltagspraxis“, sieben bereits publizierte Texte aus den Jahren zwischen 1971 und 2010 versammelt hat, von denen zwei in der Originalsprache Deutsch vorgelegen haben, die anderen fünf jedoch von Winkler selbst erstübersetzt worden sind, um sie einer breiteren Fachöffentlichkeit zugänglich zu machen. Das ist ausgesprochen verdienstvoll; und dafür gebührt ihm bereits an dieser Stelle ein nachdrückliches Dankeschön, denn machen wir uns nichts vor: Die Kenntnis der französischen Sprache kann in unseren Breiten leider nicht mehr als gegeben vorausgesetzt werden!

Im Editorial liefern die beiden Reihenherausgeber Johanna Rolshoven und Manfred Omahna einen Schnelldurchgang durch die einschlägige, und zwar multidisziplinäre, Wissenschaftsgeschichte, während der Bandherausgeber kurz auf die Autoren der Texte eingeht, auf ihre institutionellen Umfelder, Projekte und Werke. Manche der Autoren dürften auch einem kulturwissenschaftlichen Publikum bekannt sein; zu denken wäre an Colette Pétonnet, die beim Berliner Volkskunde-Kongress 1983 ihre Forschungen in der Pariser Banlieue vorgestellt hat, oder an Henri Lefebvre, dessen dreibändiges Werk „Kritik des Alltagslebens“ an manchen unserer Institute bald nach Erscheinen (München 1974/1975) zur Standardlektüre gehörte.

Einige der vielseitigen Texte seien kurz vorgestellt: Der Philosoph und Anthropologe Pierre Sansot widmet sich in eher grundsätzlich-allgemeiner Weise, aber sozial klar differenzierend, dem Thema „Tagesanbruch und Morgenspaziergang“. Sein Text enthält eine Fülle von Reflexionen, was an Szenen aus Louis Sébastien Merciers Paris-Beschreibung (1781-1788) ebenso erinnert wie an die letzten Sequenzen aus Walter Ruttmanns quasi-analytischem, neu-sachlichem Dokumentarfilm „Berlin. Die Sinfonie der Großstadt“ (1927). Jean-François Augoyard setzt sich im bei weitem umfangreichsten Beitrag zum Sammelband mit Erzählungen von ganz konkreten alltäglichen Gängen und den dazugehörigen Praktiken und Taktiken auseinander, dies am Beispiel von Menschen, die sich durch eine Großwohnanlage im Stadtteil La Villeneuve von Grenoble im Jahr 1975 in unterschiedlicher Weise und mit unterschiedlichen Zielsetzungen bewegen. Er geht aus von der These „Durch die Gehpraxis erhält der Alltag den Anschein einer Sprache“ (28) und untersucht das Geschehen unter sprachwissenschaftlichen Gesichtspunkten, was dazu führt, dass ein breites Spektrum an Figuren herausgearbeitet wird, als da sind: elementare Figuren (Ausschluss, Vermeidung, Umgehung, Variation, polysemische Figuren), Figuren der Kombination (Redundanz, Symmetrie) sowie fundamentale Figuren (Synekdoche, Asyndeton). Stets geht es bei diesem Beitrag um die „Rhetorik des Gehens“ (54) - und das erinnert sehr stark an jenen von Michel Butor entworfenen theoretisch-methodologischen Ansatz einer künftigen kombinierten Reise-, Lese- und Schreibwissenschaft: „Ich schlage eine neue Wissenschaft vor [...], die eng mit der Literatur verbunden ist, die Wissenschaft von den menschlichen Ortsveränderungen, die ich zu meinem Vergnügen Iterologie nenne, damit der Weg im Wort selbst erhalten ist.“ [1]

Colette Pétonnet stellt sich die Frage: „Wie soll man etwas erfassen, dessen Wesen es ist, immer zu entwischen?“ (63) Sie empfiehlt zwei Vorgehensweisen, zum einen die visuelle Aneignung des zu erkundenden Raumes sowie die Konzentration auf die sich dortselbst bewegenden Menschen, wobei sie hauptsächlich jene Probleme behandelt, mit denen sich ethnologische Forschung konfrontiert sieht, nämlich typische Orte für massenhaftes Großstadtleben zu bestimmen und aus der Begegnung mit den anonymen Menschenmengen unterwegs Situationen herauszufiltern und zu untersuchen, die dennoch in der Lage sind, Verbindungen zwischen den handelnden Menschen zu demonstrieren. Auch sie landet bei sprachwissenschaftlichen Reflexionen, indem sie eine kurze „Exkursion“ (66) durch bestimmte semantische Felder unternimmt, die mit der Beschreibung von Massen zu tun haben.

Mit Ordnungen als von Menschen hergestellten Regelsystemen setzen sich die Beiträge von Walter Siegfried (über das Tanzen und die Entwicklung der Perspektivenlehre), Henri Lefebvre (über Rhythmen des Alltagslebens) und Johanna Rolshoven (über das Gehen in der Stadt, dazugehörige Erwartungen und Wahrnehmungen sowie mannigfaltige Differenzierungen im Bereich der Gehenden und ebenso dem der von ihnen genutzten Räume) auseinander. Abgerundet wird der Sammelband durch einen furiosen Aufsatz von Jean-Paul Thibaud, in dem der Autor ein „experimentelles Dispositiv“ (114) entwickelt, eine methodologische Übung einschließlich zugehörigen Reflexionen, welche darauf hinaus laufen, zwischen den drei Perspektiven des Gehens „in der Ersten Person“, der „Zweiten Person“ und der „Dritten Person“ zu unterscheiden, das heißt, zwischen dem eigenen Gehen, dem Begleiten einer weiteren Person und gemeinsamem Kommentieren des Erlebten, schließlich mit der Beobachtung fremder Menschen unterwegs, dem Nachvollzug verschiedener Wege und begleitender Tätigkeiten von fremden Menschen sowie die kontextualisierende Analyse und Ausdeutung des konkreten Verhaltens, um zu Schlussfolgerungen über das tatsächliche „Bewohnen“ des öffentlichen Raumes und seine Bedeutungen für die Akteure zu gelangen. Es ist zu bedauern, dass der Autor sich nicht näher mit der Bestimmung dieser Raumkategorie befasst, denn ein Gang durch eine (öffentliche) Straße oder Fußgängerzone stellt etwas anderes dar als ein Gang durch eine (sich als öffentlich gerierende) Passage (alias Shopping-Mall) oder Kunsthalle.

Kritische Worte sind nötig: Warum wurde auf den Abdruck von Illustrationen verzichtet? Das wirkt restlos unpassend in einem Band, der sich durchgängig mit An- und Einsichten auseinandersetzt. Zudem hätte ein weiterer Korrekturdurchgang dem verdienstvollen Unternehmen mehr als gutgetan. Um nur zwei Beispiele zu nennen: Der Titel von Marie Jahoda ist falsch bibliographiert (111, 130); Henri Lefebvres „Critique de la vie quotidienne“ ist 1947 erschienen, nicht 1937 (13). Und wenn in der Einführung die Lebensdaten von Jacques Gutwirth auftauchen (13), warum fehlen dann zwei Zeilen darüber die entsprechenden Angaben für Michèle de la Pradelle (1944-2004) sowie Gérard Althabe (1932-2004)? Sollte es zu einer auf jeden Fall wünschenswerten zweiten, dritten usw. Auflage kommen, so gäbe es einen Vorschlag meinerseits zur Ergänzung der Gesamt-Bibliographie: das Kapitel „Pavements and Paths“ aus John Urry’s Studie „Mobilities“ (Cambridge/Malden MA 2007, S. 63-89).

[1] Michel Butor: Reisen und Schreiben (franz. Original 1972). In: ders.: Die unendliche Schrift. Aufsätze über Literatur und Malerei. Wien/Zürich 1991, S. 24-46, hier S. 29.