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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Aktuelle Rezensionen


Markwart Herzog (Hg.)

Die „Gleichschaltung“ des Fußballsports im nationalsozialistischen Deutschland

(Irseer Dialoge. Kultur und Wissenschaft interdisziplinär, Bd. 20), Stuttgart 2016, Kohlhammer, 468 Seiten. m. Abb. 
Rezensiert von Robert Schäfer
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 26.02.2018

Die Gleichschaltung des politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Lebens in der Folge der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 hatte auch auf den Fußballsport in Deutschland weitreichende Auswirkungen. Erstmals widmet sich nun eine monographische Publikation diesem einschneidenden Kapitel deutscher Fußballgeschichte. Die mittlerweile 20. Ausgabe der Irseer Dialoge, welche Herausgeber und Mitautor Markwart Herzog unlängst vorlegte, fasst die 17 Vorträge einer Tagung der Schwabenakademie Irsee vom Februar 2013 in einem rund 450 Seiten starken Band zusammen und zeichnet damit erstmals ein umfassendes Bild eines Prozesses, der sich in der heterogenen, pluralistischen Verbands- und Vereinslandschaft im deutschen Fußballsport der Weimarer Jahre höchst unterschiedlich niederschlug.

In insgesamt fünf Sektionen beschäftigen sich die Autoren mit der Gleichschaltung im bürgerlichen Fußball, ebenso aber auch mit der Gleichschaltung des Arbeitersports, des Betriebssports und der konfessionellen Vereine. Untersucht werden auch die Auswirkungen der deutschen Expansionspolitik auf den Fußball in den ab 1938 besetzten Gebieten, während ein abschließender Ausblick die Parallelen und Unterschiede zwischen der Gleichschaltung des Fußballsports im Dritten Reich und dem Umgang mit dem Fußball im Staatssozialismus der DDR zum Gegenstand hat.

Den weitaus breitesten Raum in dieser äußerst ambitionierten Darstellung zur Gleichschaltung des Fußballsports nehmen jedoch die Umwälzungen im bürgerlichen Fußball ein – eine nur logische Gewichtung, stellte doch der Deutsche Fußballbund (DFB) nicht nur den ältesten, sondern auch mit weitem Abstand den mitgliederstärksten Dachverband der in den Weimarer Jahren aktiven Fußballer dar. Bereits in seinem einleitenden Beitrag wartet Markwart Herzog mit einer überraschenden Erkenntnis auf, die zugleich belegt, wie überfällig der vorgelegte Tagungsband war. Denn in der Tat strebten die nationalsozialistischen Machthaber zwar eine radikale Umgestaltung des deutschen Sports an, gleichwohl wurde die vollständige Umsetzung dieses Vorhabens auf die Zeit nach dem „Endsieg“ verschoben, folglich, auch aufgrund eines andauernden Kompetenzgerangels innerhalb der Sportverwaltung, der Partei und des Staates, nie zu einem wirklichen Abschluss gebracht. Als ein „gescheitertes Projekt“ bezeichnet Herzog daher auch die Gleichschaltung des Fußballsports, zumal zumindest die bürgerlichen Vereine als unterste Organisationsebene des Fußballs auch nach 1933 strukturell unangetastet blieben.

Herzogs These einer nur unvollständig umgesetzten Gleichschaltung bestätigt auch der Beitrag Nils Havemanns zur „Zweiten Gleichschaltung“ des Fußballs im Nationalsozialismus. Zwar wurden, wie Havemann ausführt, noch 1933 alle bürgerlichen Vereine auf das so genannte Führerprinzip umgestellt (das Demokratieprinzip der Vereine mithin ausgehebelt), auch wurden zeitnah zur Machtergreifung die meisten Juden aus ihren Vereinen ausgeschlossen, doch blieben andere Begleiterscheinungen des Fußballs, die den neuen Machthabern notgedrungen ein Dorn im Auge sein mussten, unangetastet. So blühte, wenn auch oft versteckt, das seit den 1920er Jahren zwar nicht legalisierte, wohl aber geduldete Profitum auch unter den Nationalsozialisten zunächst weiter auf. Der Grund für diese nur halbherzig vollzogene „erste Gleichschaltung“, wie Havemann sie nennt, ist in den Olympischen Spielen von 1936 zu sehen, die 1933 bereits ihre Schatten vorauswarfen – zu radikale Veränderungen im deutschen Sport erschienen den Nationalsozialisten angesichts eines möglicherweise drohenden Boykotts und des damit einhergehenden Imageschadens für das Regime als zu riskant. Erst nach 1936 vollzog sich schrittweise eine „zweite Gleichschaltung“, in deren Zuge die bis dahin noch amtierenden Entscheidungsträger des DFB nach und nach durch regimekonforme Funktionäre ersetzt wurden. Dennoch wurde der DFB erst im April 1940 formal aufgelöst und dem 1938 gegründeten Nationalsozialistischen Reichsbund für Leibesübungen (NSRL) angegliedert.

Dieser sich erstaunlich lange hinziehende Prozess der Gleichschaltung im bürgerlichen Fußball wird in einer Reihe vertiefender Beiträge am Beispiel einzelner Vereine, Städte und Regionen weiter veranschaulicht. Anton Löffelmeier, der bereits 2009 eine grundlegende Studie zur Geschichte des TSV 1860 München im Nationalsozialismus publizierte [1], geht in seinem Beitrag der Gleichschaltung des Münchner Fußballsports in den Jahren von 1933 bis 1936 auf den Grund – mit teilweise überraschenden, oder, wie Löffelmeier selbst schreibt, „ungewöhnlichen, auch bizarren Konstellationen“. Zugleich spannt Löffelmeier mit seinen Ausführungen zum Ende des Münchner Arbeiterfußballs einen Bogen zum zweiten großen Themenkomplex des Tagungsbandes, der sich mit der Gleichschaltung des Arbeiterfußballs, des Betriebssports und der konfessionellen Vereine beschäftigt. Denn neben dem DFB als größtem Fußballverband existierten in der Weimarer Republik noch etliche Parallelverbände, die eigene Organisationsstrukturen geschaffen, eigene Ligen ins Leben gerufen, Meisterschaften ausgetragen und teilweise sogar eigene Nationalmannschaften aufgestellt hatten. Unter diesen vom DFB unabhängigen Verbänden wiederum war der Arbeiter-Turn- und Sportbund (ATSB) der größte und sportlich bedeutendste und sah sich aufgrund seiner engen Anbindung an die Sozialdemokratie mit weitaus drastischeren Eingriffen durch den NS-Staat als die bürgerlichen Vereine konfrontiert.

Wie Löffelmeier nachweist, bestanden jedoch trotz aller Repressionen nicht wenige der noch 1933 verbotenen Arbeitervereine zumindest mittelbar fort, indem sich ihre Mitglieder in großer Zahl anderen, bürgerlichen Vereinen anschlossen oder aber neue Vereine aus der Taufe hoben, die vom Regime geduldet oder sogar protegiert wurden – als Beispiel führt Löffelmeier den SC Gern an, der faktisch die Nachfolge der aufgelösten Freien Turnerschaft Gern antrat.

Ähnliche Entwicklungen lassen sich überall in Deutschland feststellen, wie Jürgen Mittag und Diana Wendland in ihrer Studie über Arbeiter und Sport im Spannungsfeld von Solidar-, Betriebs- und „Volksgemeinschaft“ belegen. Mittag und Wendland schildern, dass der ATSB zwar bereits im Verlauf des Jahres 1933 faktisch zerschlagen wurde – die rund 18000 unter seinem Dach organisierten Vereine nahmen jedoch im nationalsozialistischen Regime eine höchst unterschiedliche Entwicklung. Zahlreiche ATSB-Vereine wurden aufgrund ihrer Nähe zur Sozialdemokratie noch 1933 aufgelöst und verboten. Andere Vereine aber passten sich den neuen Gegebenheiten an und entgingen so einer erzwungenen Auflösung. Bewusst unterscheiden daher Mittag und Wendland auch zwischen der Zerschlagung und der Gleichschaltung des Arbeitersports.

Der Gleichschaltung des Fußballs entgingen selbstredend auch die Verbände und Vereine in jenen Gebieten nicht, die seit 1938 durch Deutschland besetzt und annektiert wurden. Dort freilich sah sich das Regime mit einer gänzlich anderen Fußballkultur als in Deutschland konfrontiert. In Österreich oder der Tschechoslowakei war der Fußball bereits in den 1920er Jahren auch offiziell professionalisiert und das vom DFB geächtete „Berufsspielertum“ eingeführt worden. Vereine aus Wien und Prag, aber auch deutsche Vereine aus den böhmischen Ländern waren allein schon aus diesem Grund in besonderem Ausmaß von der Gleichschaltung in den späten 1930er Jahren betroffen. Im so genannten Protektorat wurden nach der deutschen Besetzung ebenso wie in Elsass-Lothringen und in Teilen des besetzten Polen sämtliche Vereine aufgelöst und in Nationalsozialistischen Turngemeinschaften (NSTG) zusammengefasst, das Profitum verboten. Die Folgen vor allem für den sudetendeutschen Fußball waren verheerend. Vormalige europäische Spitzenmannschaften wie der Teplitzer FK 03 oder der Deutsche Fußballclub Prag verschwanden dauerhaft von der Bildfläche. Der von der NS-Propaganda vorhergesagte Aufschwung des sudetendeutschen Fußballs blieb jedoch aus, stattdessen versank die Region in der sportlichen Bedeutungslosigkeit – nachzulesen in Stefan Zwickers Untersuchung zur Gleichschaltung und zum Niedergang des deutsch-böhmischen Fußballs unter dem NS-Regime.

Schließlich und endlich belegt ein aufschlussreicher Ausblick in den staatssozialistischen Sport die deutlichen Parallelen zwischen den Organisationsstrukturen des Sports im Dritten Reich und der DDR. So schildert René Wiese die Teilung des Berliner Fußballs in den Jahren von 1945 bis 1950 im Spannungsfeld zwischen bürgerlichem Vereinsprinzip und kommunistischem Kommunalsport. Binnen weniger Jahre nach Kriegsende wurde durch die schrittweise (auch sportliche) Zweiteilung der Stadt der Berliner Fußball auf lange Sicht marginalisiert. Hatten Vereine wie Hertha BSC oder Tennis Borussia Berlin bis dahin deutschlandweit eine herausragende Rolle gespielt, brachte die Einführung kommunaler Sportgruppen (SG) auf Bezirksebene zumindest vorläufig das Ende der bürgerlichen Fußballvereine in der Viersektorenstadt mit sich. Zwar wurde noch ab Anfang 1946 eine grenzüberschreitende gemeinsame Stadtmeisterschaft ausgespielt, die zunehmenden Konflikte im sich abzeichnenden Kalten Krieg ließen aber auch den Fußballsport auf Dauer nicht unberührt. Spätestens mit der Gründung jeweils eigener Sportverbände in Ost und West manifestierte sich im Herbst des Jahres 1949 die deutsche Teilung auch im Fußballsport und hier vor allem in Berlin. Die letzte gemeinsame Stadtmeisterschaft wurde in der Saison 1949/50 ausgetragen, in der Folge gingen die Fußballer in der Hauptstadt getrennte Wege. Doch weder die wiedergegründeten bürgerlichen Vereine im Westen noch die vom DDR-Regime neu formierten Polizei- und Armeemannschaften vermochten es, an die sportlichen Erfolge der Vorkriegszeit anzuknüpfen – die Folge der staatlichen Einflussnahme war (wie etwa schon für den deutsch-böhmischen Fußball unter dem Nationalsozialismus) ein langfristiger Bedeutungsverlust.

Die 17 Beiträge des Tagungsbandes schließen bei weitem nicht alle Lücken in der Forschung zur Gleichschaltung des Fußballs im Nationalsozialismus. Dies kann ein einzelner Tagungsband aber auch kaum leisten. Sehr wohl aber zeichnen die Autoren ein äußerst differenziertes Bild eines Prozesses, der in der Vergangenheit nur allzu oft reichlich einschichtig (und somit unzureichend oder gar sachlich falsch) dargestellt wurde. Für die Erforschung des Sports (nicht nur des Fußballsports) im Dritten Reich liefert daher das Buch äußerst wertvolle wie auch neue Erkenntnisse.

[1] Anton Löffelmeier: Die „Löwen“ unterm Hakenkreuz. Der TSV München von 1860 im Nationalsozialismus. Göttingen 2009.