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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Laura Schmidt

Weihnachtliches Theater. Zur Entstehung und Geschichte einer bürgerlichen Fest- und Theaterkultur

Bielefeld 2017, transcript, 398 Seiten mit zahlr. Abbildungen
Rezensiert von Helga Maria Wolf
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 26.02.2018

Die Dramaturgin Laura Schmidt hat dem „Weihnachtlichen Theater“ im Vorjahr ihre Dissertation gewidmet, die dem fakten- und umfangreichen Buch zugrundeliegt. Die Arbeit zeigt auf, welche weihnachtlichen dramatischen Texte zwischen dem ausgehenden 18. Jahrhundert und dem Zweiten Weltkrieg entstanden sind und wie sie sich zur veränderten weihnachtlichen Festkultur verhalten.

Erst um die Wende zum 19. Jahrhundert etablierte sich Weihnachten als Familienfest. Der Heilige Abend wurde zum säkularen Bescherfest für die Kinder. Für das Christfest entstanden Kinderschauspiele, Musiktheater und Weihnachtsmärchen. „Im Rahmen eines radikalen Paradigmenwechsels wandert das ursprünglich vorrangig kirchliche Fest in die bürgerlichen Wohnzimmer. Das moderne Verständnis der weihnachtlichen Festpraxis ist zugleich Ausdruck einer zur Leitkultur werdenden Bürgerkultur. Zeitgleich beginnt sich auch das Theater zu einem Leitmedium bürgerlicher Kultur zu entwickeln“, schreibt Laura Schmidt.

Die „Beziehungsgeschichte von Weihnachtsfest und Weihnachtstheater“ beginnt mit der Vorstellung von „Heiligabend als cultural performance“. Bei den familiären Festpraktiken, die sich im 19. Jahrhundert herausbildeten, fand die Autorin „ein beträchtliches Maß an Theatralität“. Die Familie inszenierte sich meist im Wohnzimmer. Die handelnden Personen waren Eltern, Kinder - sie spielten die Hauptrolle - und weitere Verwandte. Manchmal trat der Weihnachtsmann als Bescherfigur auf. Die Eltern wirkten als Spielleiter, Organisatoren und Darsteller, Kinder und Gäste fungierten zugleich als Mitspieler und Publikum. Unabdingbar waren Requisiten und Ausstattungsgegenstände wie Geschenke, Christbaum, Dekorationen, Duft, Licht, Musik usw. Die Dramaturgie wirkte ritualisiert: Glöckchenläuten, Bescherung, Vortragen von Liedern, Gedichten, Weihnachtsevangelium. Festessen und Kirchenbesuch durften nicht fehlen. „Weihnachten als zutiefst bürgerliches Fest sucht keinen Exzess. [...] Es möchte Humanität, Liebe, Freiheit und Erziehung erfahrbar machen.“ Weihnachtslieder trugen wesentlich zur besinnlichen Stimmung bei. (Dabei überrascht, dass gerade „das“ Weihnachtslied, das 200-jährige „Stille Nacht“, in der Aufzählung fehlt.) Die damals neue familiäre Festgestaltung spiegelt sich in Theaterstücken, die in der Weihnachtszeit gespielt wurden.

Von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die 1930er Jahre interessierten sich Forscher für Volksschauspiele, die sie aufzeichneten, bearbeiteten und veröffentlichten. Dahinter standen verschiedene Interessen, wie Dokumentation, nationale und religiöse Intentionen. Künstler, Laienspielgruppen, aber auch die Anthroposophen um Rudolf Steiner fanden Gefallen an den überlieferten Texten und führten sie auf. Zu den Stoffen zählten Hirten- und Krippenspiele, das Salzburger Paradeisspiel, Krippenspiele aus Tirol und Oberösterreich. Besonders bekannt ist das Oberuferer Weihnachtsspiel aus einer deutschen Sprachinsel bei Bratislava. Die mittelalterliche Legende von der Himmelspförtnerin diente als Stoff einer Pantomime, zu der Engelbert Humperdinck die Musik schrieb. Max Reinhardt inszenierte weltweit und mit immensem Erfolg. Es geht um eine Nonne, die aus dem Kloster flieht und reumütig mit ihrem unehelichen Kind zurückkehrt. Während ihrer Abwesenheit vertritt sie, unbemerkt, die Muttergottes. „Das Wunder“, so der Titel des Stückes, transformiert den toten Säugling in das Christuskind. (In ihrem Kommentar teilt die Theaterwissenschaftlerin den weit verbreiteten Irrtum der Verwechslung von unbefleckter Empfängnis und Jungfrauengeburt).

Weiters widmet sich die Autorin der Entwicklung des Weihnachtstheaters im Deutschen Kaiserreich, im Ersten Weltkrieg, in der Weimarer Republik, im Dritten Reich und im Kontext der Arbeiterbewegung. Ein „Sonnwendspiel“ für Jugendliche macht die Umgestaltung Weihnachtens in ein sozialistisches Fest zum Thema: „Wir wollen neue Festformen schaffen“, heißt es darin und: „Weg mit den Symbolen“. Was bleibt, ist die Lichtmetaphorik. In ihrem Resümee verfolgt die Autorin das Weihnachtstheater bis in die Gegenwart. So ließ der deutsche Theologe und Kunstexperte Friedhelm Mennekes die Engel seines Krippenspiels in Köln auf einer Seilrutsche durch eine gotische Basilika fliegen. Im Musical „Anton“ endet der Schluss-Song: „Das hier ist ein Weihnachtsmärchen, da will man Poesie. [...] Da wünscht man sich ein Happy End in froher Harmonie.“