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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Michael Mackensen/Florian Schimmer (Hgg.)

Der römische Militärplatz Submuntorium/Burghöfe an der oberen Donau. Archäologische Untersuchungen im spätrömischen Kastell und Vicus 2001–2007

(Münchner Beiträge zur Provinzialrömischen Archäologie 4), Wiesbaden 2013, Reichert Verlag, 564 Seiten, 197 Abbildungen, 3 Beilagen
Rezensiert von Marcus Zagermann
In: Bayerische Vorgeschichtsblätter
Erschienen am 06.02.2018

Der römische Militärplatz Submuntorium-Burghöfe im Landkreis Donau-Ries bildete seit der 1959 veröffentlichten, von Joachim Werner betreuten Dissertation Günter Ulberts einen generationenübergreifenden Forschungsschwerpunkt der Provinzialrömischen Archäologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Den beiden Genannten widmen die Herausgeber Michael Mackensen und Florian Schimmer die 2013 erschienene, abschließende Burghöfe-Monographie, den vierten Band der „Münchner Beiträge zur Provinzialrömischen Archäologie“. Darin werden die Ergebnisse eines Prospektions- und Ausgrabungsprojektes veröffentlicht, das vom Münchner Institut zwischen 2001 und 2007 durchgeführt wurde.

Der gewichtige Band reiht sich in ein stattliches Schrifttum ein. Noch unter der Ägide G. Ulberts wurden Objekte aus mehreren Privatsammlungen vorgelegt. So erschienen zwischen 2000 und 2009 „Römische Kleinfunde aus Burghöfe 1–3“ (E. Schmidt; S. Ortisi/Ph. M. Pröttel; R. Franke) in der Reihe „Frühgeschichtliche und Provinzialrömische Archäologie. Materialien und Forschungen“. Bereits aus dem Projekt der 2000er-Jahre resultierte der zweite Band der „Münchner Beiträge zur Provinzialrömischen Archäologie“, in dem Christian Later 2009 den mittelalterlichen Burgstall behandelte. Mit vorliegendem Buch firmiert Burghöfe nun als einer der besterforschten Plätze Raetiens.

Der Fundplatz liegt 7 km südlich der Donau in Spornlage oberhalb der Schmutter, die den Sporn umfließt. Die strategische Relevanz des Ortes erschließt sich aus seiner Position, denn zwei wichtige Fernstraßen kreuzen sich hier: die via Claudia Augusta und die Donau-Süd-Straße. Hinzu kommen der nahe Donauübergang und die Lage unweit der Provinzhauptstadt Augsburg. Der in der Römerzeit besiedelte Bereich verteilt sich auf drei Sektoren: Den Spornbereich ganz im Osten, wo sich die spätrömische Festung befand, die Hochterrasse im Westen mit den Militärlagern des 1. Jahrhunderts und dem Vicus sowie das dazwischen befindliche Ostplateau (S. 28 Abb. 10), auf das die vorgelegten Feldforschungen abzielten (S. 23 f.). Die Fragen, die an den Platz gestellt werden, gehören grob formuliert zu zwei Zeitabschnitten, nämlich zur Frühzeit römischer Präsenz (1. Jahrhundert) und zur Spätantike (spätes 3.–5. Jahrhundert). Für beide wichtigen Forschungsfelder der Provinzialarchäologie können hier entscheidende Informationen gewonnen werden, was den Reiz des Ortes ausmacht.

Die Zielsetzung des Projekts und weitere grundlegende Details finden sich in Einleitung, Topographie und Forschungsgeschichte (S. 19–35). Wichtige Ergebnisse von Luftbildern und Geophysik werden der eigentlichen Befundvorlage vorangestellt (S. 37–46). Der Hauptteil des Bandes ist zweigeteilt durch die beiden großen Kapitel „Kastelle und Vicus des 1. und frühen 2. Jahrhunderts“ (S. 47–205) sowie „Das spätrömische Kastell auf dem Sporn und sein westliches Vorfeld auf dem Ostplateau“ (S. 207–479). Innerhalb dieser wird auch das jeweilige Fundmaterial besprochen. Gesamthaft analysierte Ensembles, wie die Münzen, finden sich bei der Spätzeit. Es folgen Zusammenfassungen auf Deutsch, Englisch und Italienisch, was die wichtigsten Informationen auch einem internationalen Leserkreis erschließt. Sehr nützlich ist die Befundliste (S. 495–517) mit Kurzcharakterisierung, Abbildungsverweis und Datierung der besprochenen Strukturen. Ein umfangreiches Literaturverzeichnis (S. 519–559), der Abbildungsnachweis und die Autorenadressen beschließen den Band.

Die Auswertung der Luftbilder und Geophysik führte zu einem Gesamtplan, der auf Beilage 1 wiedergegeben wird und der die militärischen Anlagen und Vicusbereiche gut erkennen lässt. Neu sind externe Bauten wie ein großer, rechteckiger, durch Pfostenstandspuren erschlossener Komplex, der einen Vergleich in Burladingen findet (S. 39–42 Abb. 15 Beil. 1). In der Abbildung fällt der dreieckige Annex auf, der wohl im Sinne einer Platzanlage zu sehen ist und damit Forumsfunktion andeuten könnte (Nida-Heddernheim).

Die Befundvorlage der Frühzeit ist thematisch/ chronologisch gegliedert und stellt Planierungsmaßnahmen (S. 47–52), die Militärlager (S. 53–62) und den erfassten Vicusbereich (S. 63–76) vor. Innerhalb dieser erfolgt eine interpretierende Befundanalyse der verschiedenen Grabungssektoren (diese sind wiedergegeben in Abb. 6). Eine wichtige Referenz wird künftig der Beitrag von V. Selke (S. 76–119) bilden, in dem sie geschlossene Fundkomplexe der Frühzeit präsentiert. Die angeführten Strukturen lassen sich in der Befundvorlage gut wiederfinden. Das Material wird, was die entscheidenden Gruppen anbelangt, im Detail erneut in der Fundvorlage (S. 119–200) besprochen. Für beide wesentlichen Zeitabschnitte (1./2. Jahrhundert bzw. spätrömisch) wird eine eigene Periodisierung eingeführt, wobei man sich entschieden hat, nicht fortlaufend zu nummerieren, sondern jeweils bei 1 zu beginnen (für das 1./2. Jahrhundert: S. 201–205). Eine vorclaudische, vielleicht schon aus augustischer Zeit datierende erste Belegung kann zwar durch die neuen Forschungen nicht sicher bewiesen, keinesfalls aber ausgeschlossen werden, zumal die hierfür beanspruchten Funde nur schwer mit dem claudischen Material in Verbindung zu bringen sind (z. B. ein halbierter Nemausus-As). Ein doppeltes Grabensystem (Periode 1, frühkaiserzeitliche Abschnittsbefestigung) könnte in diesem Zusammenhang stehen, denn es wird bereits in frühclaudischer Zeit wieder verfüllt. Periode 2 kennzeichnet dann die Errichtung eines trapezförmigen Lagers (temporär genutztes Lager), gefolgt vom mindestens dreiphasigen Auxiliarkastell in Periode 3. Ein Schadensfeuer betrifft in der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts große Bereiche der Siedlung, und zwar mit gravierenden Folgen: Danach wird der „Ostvicus“ aufgegeben und Bereiche wie Erdkeller offenbar mit Brandschutt eingeebnet. Die Bearbeiter gehen davon aus, dass es sich bei diesem Horizont um das seit den Forschungen G. Ulberts bekannte, bislang ins Vierkaiserjahr 69 datierte Brandereignis handelt, schlagen aufgrund eines Dupondius der Jahre 77/78 nun jedoch eine gut 10 Jahre spätere Datierung „um 80“ vor (S. 204). Der Platz ist aber wohl dennoch ein successful fort. Zwar kann die Entwicklung des „Südvicus“ nach Abzug der Truppe um 100 mangels Aufschlüssen nicht detailliert nachvollzogen werden, doch zeigt das Kleinfundmaterial (Fibeln, Münzreihe), dass die Besiedlung bis ins 3. Jahrhundert andauert. Nun im Hinterland gelegen, wird die verkehrsgeographische Lage für die Prosperität der Straßensiedlung gesorgt haben.

Die Spätantike in Burghöfe war das primäre Ziel des Forschungsvorhabens. Burghöfe liegt nach Aufgabe der norddanubischen Provinzgebiete wieder in einer Kontrollzone des Reiches. Erneut wird der Platz Militärstandort, nachdem dort fast 200 Jahre lang keine Truppe fest stationiert war. Die Befunde werden getrennt nach dem Sporn und den verschiedenen Bereichen des Ostplateaus vorgelegt (S. 207–246, Überblick S. 214 Abb. 94). Die auf den Seiten 246–249 dargelegte Periodisierung (vier Perioden, jeweils ca. 275–295, 295–310, 310–350/360, 350/360–430/450+) wird in der Auswertung ab S. 396 wieder aufgegriffen, wo die Befunde gesamthaft interpretiert werden. Während Grabung und Auswertung war es vor allem im Vicusbereich schwierig, spätrömische Befunde klar zu identifizieren. Das lag an der für gleichzeitige und von der Befundgenese vergleichbare Situationen typischen starken Durchmischung des Fundmaterials, wobei früh- und mittelkaiserzeitliche Stücke auch in späten Strukturen vor allem mengenmäßig dominierten. Dennoch ist es gelungen, die Grundzüge der spätrömischen Siedlungsabfolge nachzuvollziehen: Noch im 3. Jahrhundert entsteht auf dem Sporn eine Anlage unklarer Größenordnung (S. 401: „größere Abschnittsbefestigung“ bis hin zu „kleinerer Straßenposten“, „Wachtturm“ möglich). Von ihr ist ein parallel zur späteren Wehrmauer verlaufendes Palisadengräbchen bekannt, dessen Verfüllung post quem 272 datiert. Vor allem die Analyse der Münzreihe spricht für eine Nutzungszeit bis in die 280er Jahre (S. 401), als die Anlage ihr Ende möglicherweise in einem Brand findet. Stratigraphisch jünger ist eine Wehrmauer, die nach Lage der Dinge klar als Mauer des spätrömischen Kastells zu deuten ist und die eine Fläche von 0,26–0,34 Hektar umschloss. Auch an dieser gelangen Aufschlüsse, die deren Technik und Baudetails erkennen ließen. Die Erbauungszeit um 300 stellt Periode 2 dar, während Periode 3 und 4 die Lebenszeit der Anlage bis in die zweite Hälfte des 5. Jahrhunderts kennzeichnen (zum Ende: S. 415–421). Der sorgfältig beobachtete Befund aus Burghöfe zeigt, dass wir auch für Raetien offenbar regelhaft mit hölzernen Vorläufern der in Stein ausgebauten Festungen der Spätantike rechnen müssen.

Überraschend waren die Befunde auf dem Ostplateau: Im gesamten Bereich gelangen nämlich Nachweise einer leichten Bebauung, die im Sinne eines der Anlage auf dem Sporn vorgelagerten Vicus zu deuten ist. Dieser war in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts wiederum von einem Graben geschützt. Man scheint sich hier auf Metall-, vor allem Eisenverarbeitung spezialisiert zu haben, wie in einem eigenen Beitrag ausführlich dargelegt wird (S. 249–262). Vorausgegangen war in Periode 1 wohl eine Art Baulager im Zuge der Errichtung der Festung auf dem Sporn (S. 421 f.). Der Nachweis eines Vicus ist besonders: Derzeit kristallisiert sich vor allem für die großen Castra wie Kaiseraugst heraus, dass diese wohl regelhaft mit solchen umgebenden Siedlungen versehen waren. Der Befund in Burghöfe weist dies nun auch für kleinere Anlagen nach.

Auch für die Spätzeit gelang wieder das Herausarbeiten datierter Fundkomplexe, in diesem Falle der constantinischen Zeit, die von F. Schimmer (S. 263–278) vorgestellt werden. Einen Schwerpunkt bildet dann die ausführliche Fundvorlage (S. 278–396), in die u. a. auch Material aus einem detektorgestützten Survey 2005 mit einfloss. Die Materialvorlage und die anschließende Auswertung der Spätzeit stellen auf lange Sicht eine entscheidende Referenz für die Provinz Raetien dar. Hier wünscht man sich zusätzlich einen Ortsindex, durch den sich diese Fundgrube noch besser hätte erschließen lassen. Wichtig ist der Nachweis der Herstellung von Zwiebelknopffibeln in Burghöfe (S. 284– 291), auch in den Werkzeugfunden begegnen Stücke, die aus dem Bereich der Metallverarbeitung stammen (S. 304). Kleidungs- und Ausrüstungsbestandteile der Angehörigen der hier stationierten Truppe finden sich nicht nur im Spornbereich, sondern auch regelhaft im Vicus, was vor allem für die jüngsten datierbaren Stücke gilt. Terra sigillata erreichte den Platz in der Spätantike aus Rheinzabern, Trier (!), den Argonnen und Nordafrika. Man nutzte dieses Tafelgeschirr sowohl im Vicus als auch im Kastell. Bemerkenswert sind die Absicherungen der Provenienzzuweisungen durch chemische Analysen. Auf den Seiten 396 bis 426 unternimmt M. Mackensen die Auswertung für die Spätzeit. Diese ausführliche Analyse setzt den Burghöfener Befund in den Gesamtzusammenhang der Raetia secunda, und zwar von den spätesten mittelkaiserzeitlichen Unternehmungen Ende des 3. Jahrhunderts bis hin zum Ende der römerzeitlichen Strukturen. Mit Schwerpunktsetzung auf die spätrömische Zeit werden schließlich die Tierknochen analysiert und das Ensemble aus Burghöfe mit anderen gleichzeitigen Orten in Raetien verglichen. Das Fehlen von Fischen verblüfft aufgrund der Gewässernähe. Erklärt wird dies mit der Kleinteiligkeit und den geringeren Chancen zur Auffindung (S. 459).

Auffällig sind diachron die vielen stratifizierten, also im Befundkontext geborgenen Funde aus den Ausgrabungen des Münchner Instituts. Die vorgelegten geschlossenen Komplexe sind für Fragen der Chronologie und Fundvergesellschaftung von überregionaler Bedeutung. Daher beklagt M. Mackensen (S. 33 f.) den Umstand, dass so viel Material aus Burghöfe unkontrollierten Detektorbegehungen entstammt, nicht lokalisiert oder gar einem Kontext zugewiesen werden kann, und führt dies quellenkritisch aus. Hinzu kommen die Möglichkeiten, dass Stücke von anderen Fundorten unter der Bezeichnung „Burghöfe“ firmieren könnten und dass bei der Bergung stratigraphische Zusammenhänge gestört wurden. Beispielhaft illustrieren dies die Münzen: Die gesamte Münzreihe ist gigantisch, sie wird auf 6.000 Einzelstücke geschätzt (Beitrag St. Reuter, S. 426). Die Möglichkeiten zur Auswertung scheinen enorm, allerdings fehlen bei den Detektorfunden Einmessungen, was sich zwar nicht auf die Bestimmung und gesamtchronologische Auswertung, wohl aber auf weitergehende Analysen einschränkend auswirkt. Mit dem in Beilage 1 publizierten Gesamtplan könnten nämlich durch eine Münzkartierung nicht nur Details der Entwicklung der Vicusbereiche nachvollzogen, sondern auch mögliche Konzentrationen früher Prägungen im Sinne einer Lokalisierung der fraglichen vorclaudischen Anlage erfasst werden. Man hat sich auf die publizierten und während der eigenen Forschungen getätigten Münzfunde beschränkt und diese analysiert: Während K. Stribny 1989 im Bericht der RGK lediglich eine summarische Münzreihe vorlegte, präsentiert St. Reuter im vorliegenden Band die über 200 Prägungen des Münchner Projektes der 2000er-Jahre (S. 426–452). Kenntnisreich erarbeitet er so die auch für die Periodisierungen wichtigen Details.

Diverse Beiträge, die aufgrund unterschiedlicher Länge und Entstehungszeit sehr heterogen waren, von insgesamt 15 Autoren mit über 200 Textabbildungen für den Druck vorzubereiten bedeutet schwierige Kleinarbeit. Die sorgfältige Redaktion des Bandes und die gelungene Abstimmung der Beiträge untereinander sind daher hervorzuheben. Das alles zusammen mit der Material- und Befundvorlage sowie der Auswertung im laufenden Institutsbetrieb zu stemmen, ist eine beeindruckende Leistung, die der Kernmannschaft sicher viel abverlangte. Der herausgekommene Ertrag ist eine wesentliche Bereicherung für die Provinzialrömische Forschung. Allen Beteiligten ist zu diesem wichtigen Opus zu gratulieren.