Logo der Bayerischen Akademie der Wissenschaften

Kommission für bayerische Landesgeschichte

Menu

Aktuelle Rezensionen


Jennifer Hoyer

Die Tracht der Fürstin. Marie Anna zu Schaumburg-Lippe und die adelige Trachtenbegeisterung um 1900

(Münsteraner Schriften zur Volkskunde/Europäischen Ethnologie 20), Münster/New York 2016, Waxmann, 147 Seiten mit 22 Abbildungen 
Rezensiert von Christine Burckhardt-Seebass
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 05.02.2018

Wenn eine Masterarbeit einen Preis bekommt und in einem renommierten Verlag im Druck erscheinen kann, muss sie schon etwas Besonderes sein. In der Tat ist dies eine beispielhafte Untersuchung, die sich würdig und mit innovativen Ideen einreiht in die seit Martha Bringemeier besonders gepflegte Münsteraner Kleider- und Trachtenforschung. Beispielhaft, weil sie ihren Ausgang nimmt vom Kleinen und Einzelnen, einem Objekt und einer Fotografie, und daran größere historische, soziale und kulturelle Zusammenhänge aufzuzeigen vermag, und beispielhaft auch deshalb, weil hier endlich wieder einmal gezeigt wird, wie fruchtbar das Zusammenspiel von universitärer Wissenschaft und musealer Praxis (in diesem Fall der Restauratorin) für beide Seiten sein kann.

Das Museum der kleinen ehemaligen Residenzstadt Bückeburg bewahrt als Geschenk der damaligen Fürstin Marie Anna eine Bückeburger Tracht vom Ende des 19. Jahrhunderts auf und dazu eine 1895 aufgenommene Fotografie, die die Fürstin in ebendieser komplizierten Tracht zeigt, korrekt („richtig“) angezogen und mit dem für die Abendmahlstracht obligatorischen Gesangbuch in der Hand. Die Untersuchung der Einzelteile ergab, dass die Kleidung tatsächlich mehrfach getragen worden war und dass sie mit derjenigen der Bauers- und Bürgerfrauen der Zeit übereinstimmt – bis auf ein Detail: In das als Besatz verwendete Band sind das fürstlich schaumburg-lippische und das herzoglich sachsen-altenburgische Wappen (der Herkunftsfamilie von Marie Anna) eingewoben. Hier setzt die Autorin mit ihrer Interpretation an. Auf der Grundlage eines Pluralisierungsmodells weist sie einerseits die Aneignung der bürgerlichen Trachtenbegeisterung durch den Adel und – konkret – die durch die Kleidung unterstützte Bemühung der Fürstin um Nähe zu ihrem „Volk“ nach, andererseits die gleichzeitige Distinktion, die Verdeutlichung der hierarchischen Ordnung in einer Zeit, da diese sich auch im konservativen Fürstentum aufzulösen begann. Objekt und Bild stehen im Kontext einer repräsentativen adligen Festkultur, bei der zunächst Bürgerliche im ländlichen Kostüm auftreten, dann immer öfter die Teilnahme echter Bauern erwünscht wird. Und es sind – in dieser Region, im Unterschied zu anderen Teilen Europas - die Frauen, die die Regie im Trachtenfolklorismus führen. Die Autorin deutet dies auch als Strategie der Selbstinszenierung der Fürstin (der sonst wenig andere Optionen offenstanden). Das Wissen um Tracht entsteht und vertieft sich so in einem Zusammenspiel von Adel und Bürgern, Trägerinnen, Fürstinnen und Laien und über festliche Veranstaltungen und Ausstellungen und lässt ein Milieu entstehen, von dem die Münsteraner Kleidungsforschung offensichtlich bis heute zu profitieren weiß.

Jennifer Hoyers Darstellung ist komplex, dabei klar strukturiert, theoretisch und methodisch fundiert, und sie erfreut auch sprachlich. Sie ist klug in ihrer Beschränkung, die zu durchbrechen und in einem weiteren Rahmen zu erproben man sich aber sehr wünschen möchte. Vivat sequentia!