Logo der Bayerischen Akademie der Wissenschaften

Kommission für bayerische Landesgeschichte

Menu

Aktuelle Rezensionen


Jürgen Hasse

Versunkene Seelen. Begräbnisplätze ertrunkener Seeleute im 19. Jahrhundert

Freiburg i. Br./Basel/Wien 2016, Herder, 293 Seiten
Rezensiert von Norbert Fischer
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 05.02.2018

Forschungen zur maritimen Kultur und Gesellschaft haben sich bislang auf der einen Seite auf bestimmte Orte und Regionen konzentriert, wie jüngst und beispielhaft im Sinne einer „histoire totale“ Martin Rheinheimers Studie über „Die Insel und das Meer. Seefahrt und Gesellschaft auf Amrum 1700-1860“ (Stuttgart 2016). Auf der anderen Seite entstanden in der letzten Zeit Sammelbände, die sich maritimen Phänomenen unter mentalitätshistorischen bzw. interdisziplinären Gesichtspunkten näherten (exemplarisch Rudolf Holbach u. Dietmar von Reeken [(Hgg.]: „Das ungeheure Wellen-Reich“. Bedeutungen, Wahrnehmungen und Projektionen des Meeres in der Geschichte. Oldenburg 2014). Eher selten hingegen wurden spezielle Phänomene maritimer Lebenswelten übergreifend behandelt. Hier sei aus volkskundlicher Sicht auf Timo Heimerdingers Habilitationsschrift über seefahrende Berufe (Der Seemann. Ein Berufsstand und seine kulturelle Inszenierung [1844-2003]. Köln/Weimar/Wien 2005) sowie auf Kristin Kubes Dissertation über „Hochseefischer“ (Die Lebenswelt eines maritimen Berufsstandes aus biografischer Perspektive. Münster 2013) verwiesen. Auch zum vorliegenden Thema des maritimen Todes liegen aus jüngerer Zeit nur vereinzelt Studien vor, aus volkskundlich-kunsthistorischer Perspektive unter anderem „Der Tod und das Meer: Seenot und Schiffbruch in Kunst, Geschichte und Kultur“ (hgg. von Stefanie Knöll, Michael Overdick, Norbert Fischer u. Thomas Overdick. Handewitt 2012) sowie aus geschichtswissenschaftlicher Sicht Martin Rheinheimer in seinem eingangs erwähnten Werk.

 

Aus diesem zuletzt genannten Themenschwerpunkt des maritimen Todes greift Jürgen Hasse, emeritierter Professor für Humangeografie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, ein besonderes Phänomen heraus: die Begräbnisplätze für unbekannte Strandleichen. Ihre Namen variieren: Friedhof der Heimatlosen, Friedhof der Namenlosen, Seefahrerfriedhof oder auch „Drinkeldoden-Karkhof“. Strandleichen nennt man Opfer von Schiffbrüchen, die an den Küsten angeschwemmt wurden und nicht identifiziert werden konnten. Deren Bestattung gestaltete sich zunächst höchst provisorisch, teilweise in den Dünen. Die Anlage besonderer Begräbnisplätze für unbekannte Strandleichen geschah vor allem im Verlauf des 19. Jahrhunderts, wobei hygienische Aspekte ebenso eine Rolle spielten wie das aufkommende Seebäderwesen und mithin der Einfluss städtisch-bürgerlicher Kulturen. Einige von ihnen sind heute als Touristenattraktionen in musealisierter Form unter anderem in Westerland auf Sylt und Nebel auf Amrum erhalten geblieben (dies gilt übrigens auch für den Friedhof der Namenlosen an der Donau in Wien – einer der wenigen im Binnenland gelegenen vergleichbaren Anlagen).

Zunächst legt Jürgen Hasse, der durch Studien zur phänomenologisch orientierten Raum- und Stadtforschung und zum Mensch-Natur-Verhältnis bekannt wurde, die Bedeutung phänomenologischer Forschung in Bezug auf das gewählte Thema dar. Hierbei spielt die leiblich erfahrene, situative Betroffenheit vor Ort – häufig auf Inseln – eine zentrale Rolle. Dies wird am kunsthistorischen Topos des Schiffbruchs ausgeführt. Sodann geht er auf die Geschichte der Schifffahrt und die besondere, zeichenhaft besetzte Rolle des Seemannes und ihrer Narrative ein. Die folgenden Abschnitte widmen sich unter anderem den Berichten über Strandungsfälle und Strandleichen mit Fokus auf der deutschen Nordseeküste. Im Mittelpunkt stehen der sich wandelnde Umgang mit der Bestattung der Strandleichen und die Anlage spezieller Begräbnisplätze abseits der regulären Friedhöfe. Diese Absonderung erklärt sich aus dem mentalitätshistorisch gut dokumentierten Phänomen der so genannten „Unehrlichkeit“: Bis weit in die Neuzeit hinein erlaubten die christlichen Kirchhöfe nur „ehrliche Begräbnisse“, so durften – wie beispielhaft Sylvina Zander in ihren quellenmäßig dokumentierten Untersuchungen darlegte – unter anderem Nicht-Getaufte, Selbstmörder, Angehörige „unehrlicher Berufe“ dort nicht bestattet werden. Anschließend thematisiert Jürgen Hasse das „Vergessen-Machen“ des spezifisch situierten Seemannstodes und interpretiert dies als evozierte Angst vor dem Tod in Folge der Konfrontation mit der – häufig entstellten – Leiblichkeit von Strandleichen. Zum Schluss der Studie behandelt der Autor die räumliche Gestaltung von Friedhöfen im Allgemeinen und Namenlosen-Friedhöfen im Besonderen. Letztere ergab sich weniger aus (landschafts-)architektonischen, sondern vielmehr aus situativ orientierten Überlegungen.

Jürgen Hasse legt eine originelle, anregende und ausgezeichnet informierte Studie zu einem in der maritimen Kultur- und Gesellschaftsgeschichte bisher nur vereinzelt – jedenfalls nicht in Form einer Monografie - behandelten Thema vor. Jenseits der regionalspezifischen Verortung verweisen seine Ausführungen auf den heterotopologischen Charakter dieser besonderen Begräbnisplätze, die keiner einheitlich-ästhetisierenden Ausgestaltung unterlagen. Zugleich verweisen sie auch auf leibhaftige „Schrecken des Todes“ in einer Epoche, in der der Umgang mit toten Körpern in der bürgerlichen Gesellschaft ansonsten auf vielfältige Weise sublimiert und ästhetisiert wurde (beispielsweise durch die Anlage von Parkfriedhöfen). Der Band umfasst auch zahlreiche Abbildungen, deren Größe und Qualität allerdings – diese kritische Anmerkung sei erlaubt – deutlich zu wünschen übrig lässt, sowie neben dem Literaturverzeichnis dankenswerterweise auch ein differenziertes Register.