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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Konstantin Moritz Ambrosius Langmaier

Erzherzog Albrecht VI. von Österreich (1418–1463). Ein Fürst im Spannungsfeld von Dynastie, Regionen und Reich

(Beihefte zu J. F. Böhmer, Regesta Imperii 38), Köln/Weimar/Wien 2015, Böh­lau, 767 Seiten
Rezensiert von Christof Paulus
Erschienen am 22.12.2017

»Die Geschichte Erzherzog Alb­rechts VI. (auch mit dem Beinamen der »Verschwender« bezeichnet) ist zwar nicht von gleicher Wichtigkeit und Bedeutung, indess doch mit der Geschichte seines Bruders Kaiser Friedrichs IV. aufs innigste verwebt und seine Wirksamkeit in den Vorlanden, dann in dem ihm als Erbtheil zugefallenen Lande ob der Enns ist je­denfalls der besondern Beachtung werth.« Mit diesen Worten charakterisierte der Altmeister der Quellenerschließung zum Zeitalter Friedrichs III. (1440/1452–1493), der Augustiner-Chorherr Joseph Chmel (1798–1858), den Habsburger, dem nun Konstantin Langmaier eine in jeglicher Hinsicht gewichtige Münchner Disserta­tion gewidmet hat, welche eine langjährige Forschungslücke schließt. Aufbauend auf einer gewaltigen Anzahl ungedruckter Quellen entwirft der Autor ein stärker an positivistischen Idealen denn an Problem­feldern orientiertes, weitgehend chrono­logisch strukturiertes Bild des Mannes und seines höfischen Umfelds, den er mit den Worten charakterisiert: »Albrecht VI. blieb ein schlecht legitimierter, armer Landesherr, der vom Bruder und den Ver­wandten abhängig war« (S. 652). Ohne den Gedankengang vollends auszudiskutieren, wird Albrecht VI. als Typus des jüngeren Fürstenbruders begriffen und etwa mit Karlmann († 771) oder Ludwig dem Bayern (1314/1328–1347) verglichen, wobei sich hier das tertium comparationis doch wohl jeweils in Grenzen hält.

Das dringende Desiderat der spät­mittelalterlichen Forschung, eine Dar­stellung zu Leben und Wirken des lange Zeit als mediokre Gestalt eingestuften Albrechts VI. zu verfassen, löst der Autor, indem er dessen Vita in vier Abschnitte unterteilt: Eine »innerösterreichisch-ungarische Phase«, die Jahre 1418/1434–1444 umfassend, war durchzogen vom scharftö­nenden Cantusfirmus der Erbschaftsstrei­tigkeiten. Langmaier begreift hier nach klassischer, allerdings etwas verkürzender Ansicht die Entstehung des Primogeni­turgedankens aus dem Bruderzwist er­wachsen. Eine erste »Vorländische Phase« (1444–1452) wird durch den Romzug des Bruders zäsuriert. Gekennzeichnet ist sie von einer gewissen Nähe bzw. Annähe­rung von Albrecht und Friedrich, welche auch die Tektonik des Reichs verschob. Machterwerb und Machtfestigung cha­rakterisieren den vielleicht nicht gänzlich glücklich mit »Vorländische Phase: Zweiter Abschnitt« (1452–1456/1458) bezeichneten Korridor, der nicht zuletzt von Albrechts Wirken in Wien und dem Kampf mit Ge­org Podiebrad (1458–1471) bestimmt war.

Die »oberennsische Phase«, die Jahre 1458–1462/1463 umgreifend, und die »Wie­ner Phase« des Jahreswechsels 1462/1463 werden in der Studie entlang der zahl­reichen Auseinandersetzungen – Fehden, Holzeraufstand oder habsburginterne Aus­einandersetzungen – erzählt. Friedrich III. entschied letztlich diese für sich, – »der finanziell Schwächere musste zwangsläufig unterliegen« (633). Wie in den letzten Jahr­zehnten das Kaiserbild der vermeintlichen »Reichserzschlafmütze« einen deutlichen Paradigmenwechsel durchlaufen hat, so kommt auch Langmaier zu einer diffe­renzierten Sicht seines Protagonisten, dessen militärische wie organisatorische Fertigkeiten betont werden. Der Anspruch »einer biographischen Annäherung an Al­brecht VI.« (S. 3) führt notgedrungen dazu, dass Bekanntes – Zürichkrieg, »Süddeut­scher Städtekrieg«, Romzug, um nur drei Beispiele anzuführen – abermals ausge­breitet wird, doch liegt das große Verdienst der flott geschriebenen Arbeit in einer Ge­samtschau der Lebenszeit des Habsburgers.

Kleinere Fehler und Ungenauigkeiten kommen bei einem derart umfangreichen Werk, das sich in der Summe in die jüng­sten Darstellungen einer Neusicht des 15. Jahrhunderts und seiner Verfassungswirk­lichkeiten einfügt, natürlich vor: das Glas­fensterspruchband aus Wiener Neustadt zu Ernst dem Eisernen (1406–1424), dem Vater Albrechts und Friedrichs, ist freilich aufzulösen in miserere nostri domine (S. 23), spätmittelalterliches kopf meint seit alt­hochdeutscher Zeit einfach ein Trinkgefäß (S. 105), manchmal wäre auch ein quellen­kritischerer Ansatz angebracht gewesen (etwa S. 154 f.), gerade in venezianischen Quellen wäre noch einiges Erhellendes zum Romzug 1452 zu filtern – um hier nur einige Punkte herauszugreifen. Insgesamt freilich liegt das große Verdienst dieser Doktorarbeit, der ein Itinerar Albrechts VI. (S. 654–679) beigegeben und die durch ein zuverlässiges Orts- wie Personenregister zu erschließen ist, darin, große Schneisen durch ein gewaltiges Archivmaterial ge­schlagen und ein materialreiches Bild des Mannes zu entworfen zu haben, der sich selbst in seinem möglicherweise zu Melk geschriebenen Gebetbuch mit Erzher­zogshut, weitem Mantel und Rosenkranz hatte darstellen lassen.