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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Aktuelle Rezensionen

Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Petra Schulte/Peter Hesse (Hgg.)

Reichtum im späten Mittelalter. Politische Theorie – Ethische Norm – Soziale Ak­zeptanz

(Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Beihefte 232), Stuttgart 2015, Steiner, 245 Seiten, 2 Karten
Rezensiert von Christof Paulus
Erschienen am 22.12.2017

Lange Zeit prägten eher Studien zur wirtschaftlichen Marginalität die Me­diävistik, doch seit etwa einem Jahrzehnt ist auch der »Reichtum« in das Blick­feld der historischen Forschung gerückt, wenngleich dies notgedrungen auch den Armutsdiskurs bedingt. Die vorliegenden vier englisch- und acht deutschsprachigen Beiträge einer venezianischen Tagung des Jahres 2010 spüren der Wechselbeziehung zwischen ethisch-kulturellen Vorstellungen und sozial-ökonomischen Konstellationen in einer Epoche zunehmender Kommer­zialisierung nach und können hierbei durchaus Wandlungsprozesse aufzeigen. Nicht unüberraschend gelten zahlreiche Beiträge dem Verständnis der Bettelor­den zu Reichtum und Armut, welchem Umberto Eco im »Namen der Rose« ein literarisches Denkmal gesetzt hat. Die Herausgeberin Petra Schulte profiliert die liberalitas-avaritia-Dichotomie in Fra Paolinos »De regimine rectoris« und betont grundsätzlich die starke diskursive Prägung durch aristotelisch-aquinatisches Denken. Janet Coleman dehnt beherzt die thomisti­sche Einschätzung von der naturrechtli­chen Vereinbarkeit des Reichtums auf den gesamten Predigerorden aus und kontra­stiert demgegenüber ein franziskanisches Verständnis, gewonnen weitgehend aus dem Testament des Ordensgründers und den Schriften Wilhelm von Ockhams. Mit dem Augustinereremiten Aegidius Roma­nus beschäftigt sich anschließend Roberto Lambertini und diskutiert einen vermeint­lichen Wandel in dessen Einschätzung von Reichtum, Wucher und Handel.

Ebenfalls einem Augustinereremiten, Gregor von Rimini, und dessen dialek­tischer »Questio prestitorum communis Venetiarum« (vom Autor als zwischen 1347 und 1351 zu datierende disputatio angese­hen) gelten die Ausführungen Julius Kirsh­ners, welcher die Auffassungen Gregors der venezianischen Anleihe und Zinspraxis im Monte Vecchio kontextualisierend gegenüberstellt. Das spätmittelalterliche Verständnis vom Wert der Arbeit vor allem in franziskanischen Schriften zeichnet der Beitrag von Giacomo Todeschini nach, der wie auch andere der versammelten Aufsät­ze ein etwas genaueres Lektorat verdient hätte. Während Peter Hesse aus den »Nar­renschiffpredigten« Geilers von Kaysers­berg vor allem eine via Habsucht negative Konnotation der gelt narren oder reich nar­ren verdeutlichen kann, rückt Kurt Weissen den florentinischen Umgang mit Bankrott gegangenen Kaufleuten (denen eine wirtschaftliche Rückkehr verwehrt blieb) ins Zentrum seiner auch die Freskenmalerei des 14. und 15. Jahrhunderts einbeziehen­den Darstellung. Der kanonistischen, vor allem auch scholastischen Beschäftigung mit dem Phänomen des Wuchers vom Hoch- bis ins Spätmittelalter gelten die Überlegungen von Markus A. Denzel, der das Instrument des Wechsels als einen der differenzierten Versuche deutet, dies­bezügliche Verbote zu umgehen. Nahezu buddenbrookshafte Gefahren für oberdeut­sche Handels- und Kaufleuteunternehmen um 1500 durch deviante Nachfolger stellt Mechthild Isenmann auf breiter Quellen­basis vor ebenso wie ausgewählte Beispiele der von den Handelshäusern getroffenen Schutz- und Kontrollmechanismen.

Um das Auseinandertreten von wirt­schaftlicher Potenz und reichsstädtischem politischen Einfluss kreist die Studie von Bernd Fuhrmann, der dabei – nicht zuletzt für Augsburg und Nürnberg – weitgehend bekannte Aufsteigerkarrieren nachzeich­net. Auf reichem Quellenfundament und langjähriger Forschung fußen die Ausfüh­rungen Hans-Jörg Gilomens, der die eidge­nössische städtische Armenwahrnehmung und -politik auch als spätmittelalterlichen Säkularisierungsprozess von der sozialen Funktionsrolle der Kirche deutet, deren Einfluss zurückgedrängt werden sollte (um 1500 waren etwa ein Fünftel des überbau­ten Stadtgebiets von Freiburg im Breisgau in kirchlicher Hand). Zuletzt verfolgt Peter Schreiner den Arm-Reich-Diskurs in der byzantinischen Literatur, vor allem auch im Barlaam-Roman, und bemerkt hierbei die in der Regel positive Konnotierung der Ar­men, wobei im Gegensatz zum lateinischen pauper im Griechischen zwischen dem Ar­men aufgrund ungenügenden Verdienstes (πένης) und dem aufgrund körperlicher Gebrechen nicht arbeiten könnenden Ar­men (πτωχός) unterschieden wird. Insge­samt bietet der Band eine bemerkenswerte Zusammenstellung unterschiedlicher Quellenarten und -zugänge, vor allem aber einen methodisch lohnenswerten Zugang, der es ermöglicht, die Profile von Städten im Wandel und im Wechselspiel sozial-ökonomischer und ethisch-theologischer Diskurse herauszuarbeiten.