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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Aktuelle Rezensionen

Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Reinhold Reith/Georg Stöger/Andreas Zechner (Hgg.)

Haushalten und Konsumieren. Die Ausgabenbücher der Salzburger Kaufmannsfamilie Spängler von 1733 bis 1785

(Schriftenreihe des Archivs der Stadt Salzburg 46), Salzburg 2016, 328 Seiten, zahlreiche Abbildungen
Rezensiert von Barbara Kink
Erschienen am 22.12.2017

Ausgabenbücher gelten zu Unrecht als spröde Quelle. Wie keine andere Quellengattung geben sie authentische Aufschlüsse über viele Bereiche eines Haushalts. Ausgabenbücher dokumentieren die Anschaffung von Gütern, sie lassen Rückschlüsse auf die Organisation eines Haushalts und den Umgang mit Dingen, aber auch auf die Konsumnormen einzelner Gesellschaftsschichten zu. Sie zeigen wirtschaftliche Verflechtungen von Haushalten in den lokalen und regionalen, aber auch überregionalen Warenhandel und Dienstleistungsbereich auf. Quellen wie sie sind unerlässliche Informationsträger für die in letzter Zeit sich immer größerer Beliebtheit erfreuenden Disziplin der historischen Konsumforschung.

Ein archivalischer Glücksfall sind daher die Ausgabenbücher des Salzburger Tuch- und Seidenhändlers Franz Anton Spängler, die sich von 1733 bis 1785 erhalten haben, und die durch Quellen aus dem Familienarchiv des Bankhauses Spängler ergänzt werden konnten. In einem Kooperationsprojekt zwischen dem Arbeitsbereich Wirtschafts-, Sozial- und Umweltgeschichte am Fachbereich Geschichte der Universität Salzburg und dem Stadtarchiv Salzburg wurden die vier Haushaltsbücher mit mehr als 21.000 Einträgen auf unterschiedliche Aspekte hin untersucht.

In seinem Eingangsartikel kontextualisiert der Herausgeber und renommierte Wirtschaftshistoriker Reinhold Reith die Quellenbasis und steckt den Forschungsrahmen ab, um anschließend die Salzburger Kaufmannsfamilie Spängler unter Einbeziehung weiterer überlieferter Quellen wie Briefe und Verlassenschaftsinventare vorzustellen. Der erfolgreiche Handel mit Tuchen und Seidenstoffen erlaubte der Familie einen durchaus großbürgerlichen Lebensstil, wie sich anhand der Ausgabenbücher gut nachvollziehen lässt. Luisa Pichler- Baumgartner untersucht die Haushaltsbücher quellenkritisch und geht vor allem der Frage nach, welche Rolle die Frauen im Wirtschaftsgeschehen eines Haushalts spielen können. Diesen Aspekt nimmt Sabine Veits-Falk in ihrem Beitrag zu den Wirkräumen und Rollen der Ehefrauen Franz Anton Spänglers nochmals intensiver in den Blick. Deutlich wird, dass nicht nur Rollenzuweisungen wirksam werden, sondern auch individuelle Neigungen und der jeweilige Handlungswillen eine große Rolle spielen. Regine Kaltenbrunner unternimmt eine kunsthistorische Analyse der insgesamt 13 existierenden Porträts der Familie Spängler, die den Wohlstand und das Repräsentationsbedürfnis der Familie deutlich unterstreichen. Jürgen Wöhry und Georg Stöger werfen einen volkskundlichen Blick auf das Wohnen in Salzburg im 18. Jahrhundert und ziehen dafür das „Hauß Zünß Büchel“ der Spängler heran, das die Mieteingänge dokumentiert. Die Autoren zeigen, wie wichtig Hausbesitz in repräsentativer Lage war, aber auch welch gute Geldanlage Immobilienbesitz war. Romana Ebner schließt hieran thematisch an und beleuchtet die Versorgungs- und Entsorgungsprozesse in Bezug auf Beleuchtung, Heizung und Wasser. Dem „material turn“ in der Geschichtswissenschaft folgend analysieren Georg Stöger und Reinhold Reith das Sachuniversum des großbürgerlichen Haushalts und gehen dem Neuerwerb, der Umnutzung und dem Reparaturbedarf von Dingen nach. Die unterschiedlichen Funktionen innerhalb des Gesindes, die Verweildauer und die Entlohnung im Spänglerschen Haushalt untersuchen Maria Falkner und Reinhold Reith. Birgit Pelzer-Reith steckt die Ernährungsgewohnheiten des Salzburger Haushalts ab und zeigt die hohen luxus- und statusorientierten Ausgaben, wie sie sich etwa im Fleischkonsum niederschlagen. Das Repräsentationsbedürfnis erkennt die Autorin auch am gesteigerten Konsumanteil von Genussmitteln und Kolonialwaren, die einen erheblichen Anteil am Gesamtbetrag der Ausgaben stellten. Georg Stöger beschäftigt sich mit dem Dienstleistungsbedarf des Stögerschen Haushalts, den Olivia Nietsche im Bereich der medizinischen Versorgung und Anna Huemer mit ihrem Beitrag über Körper und Hygiene noch spezifiziert. Einige Beiträge widmen sich auch den wirtschaftlichen Aktivitäten, also dem Einnahmenportfolio der Salzburger Tuchhändlerfamilie. Die Niederlassungen und auswärtigen Geschäftspartner sind an den Hauptbüchern, die von 1767-1777 geführt wurden, gut nachweisbar, wie Doris Hörmann aufzeigt. Angelika Kromas untersucht wie Kredit- und Steuerwirtschaft bei den Zahlungsvorgängen der Kaufmannsfamilie am Ende des Alten Reichs konkret funktionierte. Erich Erker zeigt die Bedeutung von Münzen und Medaillen als Zahlmittel auf und verweist hier auf die auch heute noch im Bankhaus Spängler bestehende große Münzsammlung. Christoph Brandhuber dokumentiert den hohen Wert der Bildung. Hier investierte die Familie in die Zukunft und für die Befähigung zur Geschäftsübernahme. Ebenso als Investition zu sehen sind die Ausgaben für religiöse Zwecke, wie sie sich in Messstipendien, Almosen und Spenden niederschlägt. Alfred Rinnerthaler zeigt die spätbarocke Sorge der Familie um das Seelenheil während Olivia Nietsche die Freizeitaktivitäten der Familie nachzeichnet. Vergnügungsfahren, Ausflüge und Theaterbesuche, Kartenspiel, Redouten, Maskenbälle, Jahrmärkte und Dulten entführen den Leser in die großbürgerlich-adelige Welt der Mozartzeit.

Der sehr ansprechend gestaltete und aufwendig bebilderte Band mit seinen fundierten Beiträgen über Haushalten und Wirtschaften einer vermögenden Kaufmannsfamilie ist mit seinen vielfältigen Themen ein wichtiger Beitrag für die Wirtschafts-, Kultur- und Mentalitätsgeschichte, der weit über eine Mikrostudie hinausgeht.