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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Aktuelle Rezensionen

Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Roland Flade

Jüdische Familienge­schichten aus Unterfranken

Würzburg 2015, Main-Post, 304 Seiten
Rezensiert von Rudolf Himpsl
Erschienen am 01.12.2017

Dem Historiker und Journalisten Ro­land Flade mit seinen zahlreichen Publika­tionen zur Geschichte jüdischen Lebens in Unterfranken ist es in erster Linie zu ver­danken, dass dieser Bereich gut erforscht ist. Seit seiner Dissertation über Juden in Würzburg während der Weimarer Republik beschäftigt sich Flade mit diesem The­ma unter verschiedensten Gesichtspunkten. Sein besonderes Verdienst ist es, Kontakt zu Emigranten und Überlebenden des Ho­locausts zu halten und die Eindrücke dieser Zeitzeugen in vielen Gesprächen für die Nachwelt zu sichern. Aus diesem umfang­reichen Fundus konnte Flade bei der zu besprechenden Publikation schöpfen, die sich eher an ein breiteres Publikum rich­tet. 45 vielschichtige »Jüdische Familiengeschichten aus Unterfranken«, in deren Mittelpunkt jeweils eine Person steht, von der ausgehend die individuelle und famili­äre Geschichte erzählt wird, bezeugen die bunte jüdische Landschaft bis zur Macht­ergreifung der Nationalsozialisten. Wäh­rend es bis dahin 130 jüdische Gemeinden in Unterfranken gegeben hatte, kam es nach dem Krieg lediglich in Würzburg wieder zur Gründung einer Israelitischen Kultusgemeinde. Zeitlich reichen die in der Regel sechs- bis achtseitigen Porträts von der Geburt des Zeller Talmudgelehrten und Geschäftsmanns Elieser Bergmann im Jahre 1799 bis in die Gegenwart. Vorgestellt werden prominentere Vertreter wie der Politiker und Publizist Felix Fechenbach oder der Würzburger Rabbiner Seligmann Bär Bamberger. Aber auch bislang noch unbekanntere Personen wie die 1943 in Ausschwitz ermordete Sprach- und Kla­vierlehrerin Julie Laßmann aus Rimpar oder der Lehrer Noah Sichel erfahren eine Würdigung.

Im Vorwort beschreibt der Autor seine Intention, das gelungene Zusammenleben von Christen und Juden zu beschreiben, das nicht nur von der Katastrophe des Ho­locausts her gedacht werden sollte. »Auf der gelungenen und scheinbar unumkehr­baren Integration liegt der Schwerpunkt« (S. 10), so formuliert es Flade. Tatsächlich scheint der moderne Begriff »Integrati­on« häufig kaum mehr zu genügen, um zu beschreiben, wie Juden den Alltag in Unterfranken prägten. Dies gilt gerade für die Dörfer um Würzburg. Nach der Ver­treibung aus der Bischofsstadt gegen Ende des Mittelalters und aufgrund der einge­schränkten Mobilität durch das Judenedikt von 1813 lebten in den Landgemeinden auch im 19. Jahrhundert noch viele Juden als angesehene Bürger, wie etwa die Wahl des Landwirts und Eisenhändlers Aron Benario in den Gemeinderat von Obern­breit im Jahr 1869 beweist. Auffallend ist außerdem die hohe Zahl an Pädagogen, die Handelsschulen gründeten oder leiteten, die rasch überregionale Attraktivität ent­wickelten. Der Erfolg des 1848 von Julius Brüssel in Segnitz gegründeten Instituts, das dieser eigentlich als Handelsschule für den jüdischen Nachwuchs konzipiert hatte, führte dazu, dass schon 1852 der »Kate­chismus« auf den Lehrplan kam und die Lehrerschaft sich zur Hälfte aus Juden und Christen zusammensetzte. Doch vor allem der Weinhandel war eine »typisch jüdische Domäne in Unterfranken« (S. 24): Obwohl nur fünf Prozent der dortigen Bevölkerung Juden waren, stellten diese rund die Hälfte der Weinhändler. Als prominentes Bei­spiel führt Flade etwa Max Fromm an, der 1921 die Bocksbeutel-Winzer-Vereinigung GmbH gründete, jedoch 1939 nach Eng­land und 1941 nach San Francisco emigrie­ren musste, wo sein Sohn eine der größten Wein- und Brandyfirmen der USA aufbau­te. Somit vermittelt das Buch ein Bild der Vielfalt jüdischen Lebens in Unterfranken, allerdings hätte man sich bei manchen Porträts mehr Ausführungen über das jeweilige Verhältnis der Protagonisten zu ihrer Religion und Glaubensgemeinschaft gewünscht.

Natürlich bleiben gerade für die Bio­graphien des 20. Jahrhunderts die Shoa, Ausgrenzung und Flucht prägend. De­ren traurige Absurdität tritt auf dieser individuellen Ebene deutlich zu Tage. Insbesondere für das künstlerische Le­ben Unterfrankens bedeuteten Mord und Vertreibung unter den Nationalsozialisten einen immensen Aderlass. Als Beispiele seien genannt der Würzburger Pianist und Dirigent Norbert Glanzberg, der 1933 nach Paris emigrierte und in der Nachkriegs­zeit zu einem gefragten Filmkomponisten avancierte, oder Marianne Rein, eine junge Lyrikerin, die bis 1938 erste Gedichte in der Zeitschrift des Jüdischen Kulturbun­des veröffentlicht hatte und später im Außenlager Jungfernhof den Tod fand. Jedoch zeigen auch die Biografien des 19. Jahrhunderts, dass schon vor der NS-Zeit die unterfränkischen Juden nicht vor Aus­grenzung und Gewalt sicher waren, etwa bei den Würzburger »Hep-Hep«-Unruhen im Jahr 1819.

Zu loben ist schließlich das Glossar zu wichtigen Begriffen der jüdischen Le­benswelt im Anhang, das für Verständnis auch bei denjenigen Lesern sorgt, die sich bislang nicht oder nur wenig mit diesem Thema beschäftigt haben. Wünschenswert wäre es unter diesem Gesichtspunkt gewe­sen, den Porträts eine allgemeine Einfüh­rung voranzustellen.