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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Aktuelle Rezensionen

Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Alfred Haverkamp/Jörg R. Müller (Hgg.)

Verschriftlichung und Quellen­überlieferung. Beiträge zur Geschichte der Juden und der jüdisch-christlichen Be­ziehungen im spätmittelalterlichen Reich (13./14. Jahrhundert)

(Forschungen zur Geschichte der Juden. Abteilung A: Abhand­lungen 25), Peine 2014, Hahnsche Buchhand­lung, 334 Seiten
Rezensiert von Christof Paulus
Erschienen am 24.11.2017

Das »Corpus der Quellen zur Ge­schichte der Juden im spätmittelalterlichen Reich«, betreut von der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur und zentriert am Arye Maimon-Institut für Geschichte der Juden/Trier, stellt derzeit (Stand: November 2016) 17 Projekte in digitalen Vorabeditionen zur Verfügung. Aus der Grundlagenforschung des Corpus ist der hier anzuzeigende Sammelband erwachsen, der in neun Beiträgen der Leitfrage nach den Motiven und Modi der schriftlichen wie mündlichen Kommuni­kation nachspürt, wodurch Zeugnisse über die christlich-jüdischen Beziehungen im breiten Strom zunehmender Verschriftli­chung des Spätmittelalters in den Quellen Niederschlag gefunden haben. Räumliche Schwerpunkte, welche hierbei untersucht werden, sind Reichsgebiete mit starker Verwurzelung des aschkenasischen Ju­dentums, so Köln, Frankfurt am Main, die Wetterau, Elsass und Bodenseegegend, Ulm sowie die Herzogtümer Österreich, Steiermark, Kärnten und die Grafschaft Görz.

Die Spannweite der Fragestellung und ihrer methodischen Auswirkungen für das Forschungsbild der spätmittelalterlichen Kehillot (jüdische Gemeinden) umreißt zunächst Alfred Haverkamp in einem magistralen Überblick, wobei er sich vor allem den autorisierten christlichen Nota­ren zuwendet, welche jüdische händl und contract mit den Cristen in den Herzogtü­mern Österreich, Steiermark und Kärnten in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts mittels Kurzfassungen aufzeichneten. Die­se dienten vor allem auch der jüdischen Rechtssicherheit gegen Übergriffe christ­licher Schuldner. Der zweite Herausgeber, Jörg R. Müller, kann bei seiner wichtigen Sichtung der chronikalen Überlieferung vor allem aus dem Südwesten des Reichs eine differenzierte Sicht der christlichen Geschichtsschreiber erarbeiten (teilweise sogar innerhalb eines Werkes) und dabei Schrifttum auch die gemeinhin gängige Einschätzung der Bettelorden als antijüdische Propaga­toren relativieren. Inwiefern auch in den Werken eine jüdische Erinnerungskultur zu greifen ist, könne erst nach umfangrei­cher Sichtung des Materials beantwortet werden.

Die Mehrheit der Beiträge legt ihren Ausführungen urkundliche oder serielle Quellen zugrunde. Christian Scholl kann bei seiner Durchsicht der 26 hebräischen oder in hebräischen Buchstaben geschriebenen Dorsalvermerke in der Ulmer Überlie­ferung zwischen 1353 und 1492 eine auch institutionell verankerte Beziehungsvielfalt zwischen Juden und Christen nachweisen, wobei eine Großzahl der Quellen Grund­stücks- und Immobilienangelegenheiten betrifft. Wie ab dem späten 14. Jahrhundert das bürgerliche Kreditgeschäft zuneh­mend zu einer Konkurrenz für jüdische Kreditgeber wurde, erarbeitet Eveline Brugger aus österreichischen Urkunden. Dieser Umstand wird von der Autorin mit Sondersteuern, herrscherlich verordneten Judenschuldentilgungen und Pogromen korreliert. Ihre exemplarische Untersu­chung der Tiroler Verwaltungsakten (vor allem Rechnungsschrifttum und Urbare) nützt Birgit Wiedl auch für terminologische Überlegungen zur Begrifflichkeit serieller Quellenbestände.

Das Nachlassverzeichnis der wohl im März 1375 verstorbenen jüdischen Geschäftsfrau Scharlat von Görz (heu­te Tiroler Landesarchiv Innsbruck), das weite Wirtschaftsbezüge aufzeigt, ediert und wertet aus Markus J. Wenninger. Die Sichtung der zahlreichen Aufschlüsse zur Sozialgeschichte der Juden in Franken erbringenden Rothenburger Landgerichts­bücher durch Claudia Steffes-Maus zeigt, dass es sich bei der Mehrheit der Einträge mit jüdischer Beteiligung um Akte freiwil­liger Gerichtsbarkeit handelte, ein Befund, wie er sich auch für Würzburg nachweisen lässt, nicht jedoch für Frankfurt am Main. Der dortigen jüdischen Gemeinde in der Reichs- und Messestadt wendet sich David Schnur zu und wertet dabei die Gerichts­bücher für den Zeitraum von 1330 und 1400 aus. Die Einträge betreffen vor allem (strittige) Geldgeschäfte. Dem Aufsatz ist ein Anhang mit den Judenbetreffen aus den Frankfurter Schöffengerichtsbüchern beigegeben. »Die Verfestigung jüdisch-christlicher Interaktions- und Dokumen­tationsformen sowie die damit verbun­denen rechtlichen, kommunikativen und translatorischen Prozesse« (S. 168) zeichnet Benjamin Laqua anhand des Judenschreins­buches aus der Kölner Laurenz-Parochie nach, das für den Zeitraum von 1235 bis 1347 380 lateinische Einträge und 100 he­bräische Urkunden enthält.

Die quellenkundlich äußerst instruk­tiven Beiträge erweitern insgesamt das Wissen um die christlich-jüdischen Bezie­hungen im Spätmittelalter und zeigen die Bedeutung exemplarischer Studien für eine differenzierte Sicht der Kehillot innerhalb des Reichsgebietes ebenso auf wie die Be­deutung des Unternehmens »Corpus der Quellen zur Geschichte der Juden im spät­mittelalterlichen Reich«. Ein Orts- und Personenregister ist beigegeben.