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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Sebastian Freudenberg

Trado atque dono. Die frühmittelalterliche private Grundherrschaft in Ostfranken im Spie­gel der Traditionsurkunden der Klöster Lorsch und Fulda (750 bis 900)

(Viertel­jahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Beihefte 224), Stuttgart 2013, Franz Steiner, 456 Seiten, 101 Abb.
Rezensiert von Roman Deutinger
Erschienen am 24.11.2017

Die Erforschung der frühmittelalter­lichen Grundherrschaft hat sich bislang fast ausschließlich auf kirchlichen und, mit Einschränkungen, königlichen Besitz konzentriert. Das ist selbstverständlich eine Konsequenz der Überlieferungslage, haben sich einschlägige Besitzverzeichnisse doch nur aus diesen beiden Bereichen erhalten. Die nicht-kirchliche und nicht-königliche, also »private« Grundherrschaft wurde dementsprechend stets nur am Rande behandelt, und so beherrschen bis heute eher pauschale, kaum näher begründete Vermutungen das Feld, die durchweg ein »Jammerbild von der zerrissenen, rückstän­digen und gutswirtschaftlich organisierten Privatwirtschaft« (S. 35) zeichnen. Die vorliegende Hamburger Dissertation legt nicht nur schonungslos die fragwürdigen Vorannahmen des gängigen Entwicklungs­modells offen, das in der (letztlich ebenfalls nur postulierten) Ausbreitung der bipar­titen Fronwirtschaft im Lauf des 8. und 9. Jahrhunderts einen von Königtum und Kirche getragenen Fortschritt gegenüber der vermeintlich primitiven Bewirtschaf­tung von Gutshöfen allein mit unfreien Knechten sehen will. Sie kann aufgrund genauer und differenzierter Untersuchung auch ein völlig neues, wesentlich freund­licheres Bild von der Arbeitsorganisation im privaten (d. h. in erster Linie adligen) Grundbesitz des Frühmittelalters ermitteln.

Grundlage dafür bilden 71 Besitzbe­schreibungen in Schenkungsurkunden aus Lorsch und Fulda – nicht gerade viel angesichts der fast 5000 erhaltenen früh­mittelalterlichen Dokumente aus diesen beiden Klöstern, aber dennoch »die größte bisher zusammengetragene Datenmenge zur privaten Grundherrschaft« (S. 301). Da­bei ergibt sich unter anderem, dass man als Faustregel etwa 30 Joch Ackerland für eine Hufe annehmen darf (S. 94–98), dass die Quellenbegriffe servus und mancipium kei­ne funktionale Differenzierung des Gesin­des abbilden (S. 118–125), dass es überwie­gend kleinere Betriebseinheiten sind, die an die Klöster tradiert werden (S. 269–274), dass der durchschnittliche Anteil des Sal­landes an der gesamten Wirtschaftsfläche der Betriebe im Lauf des 9. Jahrhunderts von 50% auf 30% sinkt (S. 283–287), und als Hauptergebnis, dass auch in der privaten Grundherrschaft von Anfang an die Fron­wirtschaft dominiert, während reine Guts­wirtschaft nur bei sehr kleinen Betrieben vorkommt und größere Besitzkomplexe oft (und im Lauf der Zeit zunehmend) mit ge­mischten Organisationformen bewirtschaf­tet werden (S. 288–300). Ein genauer Blick auf die jeweilige »Raumkonfiguration«, d.h. die topographische Lage und Zuordnung der einzelnen Betriebseinheiten, die durch zahlreiche Detailkarten anschaulich ge­macht wird, zeigt außerdem, dass offenbar für jeden Besitzkomplex individuell eine möglichst effektive Bewirtschaftungsform gesucht und gefunden wurde, dass also die Fronwirtschaft nicht per se als Fortschritt gegenüber anderen Wirtschaftsformen betrachtet werden muss (besonders ein­drucksvoll ein Beispiel vom Jahr 802 aus der südlichen Pfalz, S. 179–183).

Wird schon dadurch unser Wissen über die frühmittelalterliche Grundherrschaft auf eine ganz neue Basis gestellt, so kann die Arbeit darüber hinaus auch noch mit einer ganzen Reihe von beiläufigen, aber nicht weniger bemerkenswerten Beob­achtungen aufwarten, etwa dass gelegent­lich ein Einfluss der Tradenten auf die Formulierung der Urkunden erkennbar wird (S. 116 f. und 239 f.), dass auf einem Hofbetrieb normalerweise etwa fünf Per­sonen (d.h. Eltern und Kinder) lebten, die Hufe somit als »geradezu angelegt als Versorgungsbasis einer bäuerlichen Ehe­gattenfamilie« erscheint (S. 133–148, das Zitat S. 147), dass sich die oft postulierte Streulage des Adelsbesitzes in den Quellen kaum nachweisen lässt (S. 149–153), und schließlich, dass in den Jahren nach 825 die Schenkungen an die beiden Klöster stark zurückgehen, was kaum mit aktuellen politischen Entwicklungen, andererseits aber auch nicht allein mit einer veränder­ten Quellenlage zu erklären sein dürfte (S. 261–264).

So beeindruckend und überzeugend man diese Ergebnisse im Großen wie im Kleinen finden mag, darf man doch nicht vergessen (und der Autor selbst vergisst es nie), dass sie nicht einen unmittelbaren Quellenbefund widerspiegeln, sondern durch die eingehende Interpretation ver­streuter und keineswegs immer eindeutiger Urkundenaussagen gewonnen wurden. Un­ter den 71 herangezogenen Besitzbeschrei­bungen gibt es letztlich nur eine Handvoll, die einigermaßen präzise Angaben zu Besitzgrößen und Organisationsformen macht, während diese in allen anderen Fäl­len nur im Analogieverfahren erschlossen werden können. Beispielsweise präsentiert der Autor einen Besitzkomplex an der Lahn mit vier Hufen als »ein ortskompak­ter Betrieb von 170 Joch, auf dem entspre­chend der Zahl der Hofbetriebe etwa 12 bis 16 Menschen gelebt haben dürften, welche das Salland, dessen Quote 29% beträgt, wohl in Fronwirtschaft bestellt haben« (S. 168 f.). Diese scheinbar präzisen Daten beruhen allein auf der wesentlich weniger klaren Angabe in der entsprechenden Tra­ditionsurkunde, die Schenkung habe IIII hubas vestitas et terram indominicatam ad II carrugas umfasst, und sind deshalb bloß als ungefähre Richtwerte aufzufassen, gemäß dem, was für die einzelnen Besitzelemente als durchschnittlicher Regelfall zu erwarten ist.

Doch lässt sich ein solches Vorgehen angesichts der Quellenlage letztlich gar nicht vermeiden, und es ist ja gerade das große Verdienst des Autors, sich dieser mühevollen Interpretationsarbeit an zahl­reichen Einzelfällen unterzogen zu haben. Wenngleich seine Ergebnisse folglich nicht einfach als gesicherte Fakten gelten kön­nen, so sind sie doch durch eine intensive, methodisch reflektierte Quellenauswertung von bisher nicht dagewesener Quantität und Qualität gewonnen worden. Somit steht künftig jeder in der Bringschuld, der ein anderes Bild von der frühmittel­alterlichen privaten Grundherrschaft im östlichen Frankenreich zeichnen möchte als der Autor dieser in mancherlei Hinsicht vorbildlichen Studie.