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Aktuelle Rezensionen

Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde

Evelyn Hammes/Christiane Cantauw

Mehr als Gärtnern. Gemeinschaftsgärten in Westfalen

(Beiträge zur Volkskultur in Nordwestdeutschland 126), Münster/New York 2016, Waxmann, 228 Seiten m. 64 Farbabb.
Rezensiert von Andreas Exner
Erschienen am 14.11.2017

Das Buch „Mehr als Gärtnern“ über „Gemeinschaftsgärten in Westfalen“ von Evelyn Hammes und Christiane Cantauw, erschienen in der Reihe „Beiträge zur Volkskultur in Nordwestdeutschland“, widmet sich einem Thema, das „viele schon für überforscht halten“, wie die Autorinnen eingangs feststellen. Tatsächlich gibt es wohl nur wenige neue soziale Praktiken, die ein so andauerndes öffentliches Interesse auf sich gezogen haben – nicht nur seitens Medien und Politik, sondern ebenso der Wissenschaft. Überforscht sind möglicherweise einige der exponierteren Gemeinschaftsgärten in den Großstädten – und zwar aus der Perspektive so mancher Gärtnernder. Vor allem für Diplom-, Bachelor- und Seminararbeiten scheinen Gemeinschaftsgärten immer noch sehr attraktiv zu sein. Ein Phänomen, das in der medialen Berichterstattung sein Pendant hat und dazu führt, dass es sehr viel mehr Texte über Gemeinschaftsgärten gibt als solche Gärten. Mitunter tritt die Textproduktion sogar an die Stelle der prospektiven Mitglieder. Hammes und Cantauw berichten von einem Gartenprojekt, das zwar medial bekannt geworden war, dem es jedoch an Beteiligung mangelte und das deshalb eingestellt wurde.

Dass die Thematik selbst an Überforschung leide, ist aber überzogen. Diese Einschätzung teilen auch Hammes und Cantauw, deren Buch aus mehreren Gründen lesenswert ist und die Debatte um das gemeinschaftliche Gärtnern anzureichern versteht. Erstens gibt es kaum Forschung zu Gemeinschaftsgärten in kleinen Städten, während die Autorinnen auch Gärten in diesen Räumen untersuchen. Zweitens ist mir noch keine andere Regionalstudie zu Gemeinschaftsgärten bekannt, wie Hammes und Cantauw sie vorgelegt haben. Drittens sind ausführliche Beschreibungen von einzelnen Gartenorten selten. In den Zeitschriften des akademischen Betriebs ist dafür in aller Regel nicht der Platz. Die meisten Buchpublikationen zum Thema sprechen dagegen vor allem ein breiteres Publikum an.

Detaillierte und umfangreiche Darstellungen von Daten aus der vergleichenden Feldforschung fehlen daher weitenteils. Diese Lücke füllt „Mehr als Gärtnern“ und darin besteht eine der Stärken dieses Buches. Die in erzählerischem Stil gehaltenen Beschreibungen sind mit extensiven Zitaten aus zahlreichen Interviews durchsetzt, die ein oft lebhaftes Bild von den Akteuren entstehen lassen. Themenstränge, die im Zuge der Auswertung herauskristallisiert worden sind und im Schlussteil des Buches eine gewisse theoretische Einbettung erfahren, verweben die Kapitel zu den einzelnen Fallstudien, die zugleich die große Vielfalt dieser Orte und der sie konstituierenden Praktiken anschaulich machen. Entsprechend stehen die Autorinnen in einer Tradition der Ethnographie, die den Beforschten eine Stimme verleihen will, wie es heißt, und auf die Selbstdeutung der Akteure fokussiert. Im Unterschied zu anderen methodischen Zugängen war den Autorinnen wichtig, eine allzu große Störung des Forschungsfelds zu vermeiden. Sie sind zugleich von einem Subjektbegriff motiviert, der die Gärtnernden vor allem als Individuen betrachtet, „deren Verschiedenheit und Eigenart nicht durch die Datenanalyse eingeebnet werden darf“. Dies limitiert freilich auch die Reichweite analytischer Schlüsse, die aus dem Material gezogen werden können. Beispielsweise wäre die Frage interessant, ob sich allgemeine Muster der Entwicklung von Gemeinschaftsgärten und deren Bedingungen theoretisieren lassen. Zwar geben die Autorinnen viele Beispiele für solche Bedingungen und die Dynamik der Fallstudiengärten wird eindrücklich geschildert. Doch werden die Ergebnisse kaum auf einer abstrakteren Ebene ausgewertet, auf der die Eigenart der Individuen zwar eingeebnet, verallgemeinerbare Strukturen aber eher sichtbar würden.

Die Nähe zur Selbstdeutung der Akteure sowie zum öffentlichen und intellektuellen Gartendiskurs verstellt mitunter den Blick auf interessante neue Fragestellungen, die nicht zuletzt politisch von Bedeutung sind. So wird beispielsweise festgehalten: „Angesichts der teilweise minimalen Flächen der Gemeinschaftsgärten und der oftmals geringen Teilnehmerzahl ist es mitunter frappierend, wie weit manche ideellen Ansprüche reichen, die von Seiten der Gartenaktiven artikuliert werden.“ Einige Absätze nach dieser Irritation reproduzieren die Autorinnen jedoch die Selbstdeutung von bestimmten Akteuren, anstatt dieser Irritation nachzugehen: „In den Gemeinschaftsgärten wird der Glaube, die Begrenztheit der fossilen Ressourcen durch technische Innovationen wettmachen zu können, in Frage gestellt. Damit stehen auch das Wachstumsparadigma und das gesamte derzeitige Wirtschaftsmodell in der Kritik.“ Die Kluft zwischen Möglichkeiten und Ansprüchen eines Gemeinschaftsgartens, die sich zwischen diesen beiden Bemerkungen auftut, wird nicht ausgeleuchtet. Freilich, dass Gemeinschaftsgärten diesen Anspruch haben, gilt vielleicht für Westfalen, obgleich angesichts der Fallstudien dahingehend Zweifel angemeldet werden dürfen. In dieser Verallgemeinerung jedoch ist das sicher falsch.

Ähnlich kann hinterfragt werden, dass Recycling, Upcycling und die Bricolage, die in den Gärten häufig praktiziert wird, „unter anderem auch zur Abgrenzung von einer Konsumgesellschaft“ diene und diesen Praktiken ein „verwirrender, subversiver Effekt“ innewohne, der „die ‚normale‘ Ordnung“ infrage stelle. Denn zugleich gilt: „Das, was auf den ersten Blick provisorisch erscheint und an Wiederverwertung erinnert, wurde mit Bedacht inszeniert.“ Dass diese Praktiken, gerade weil sie häufig im öffentlichen Raum geschehen, weniger subversiv sind als vielmehr der sozialen Distinktion im Rahmen der hegemonialen ästhetischen und ästhetisierenden Subjektivität zuarbeiten, wird nicht diskutiert. Die Grenze zwischen bloßem Gerümpel und hipper Bricolage ist fein. Dabei auf der richtigen Seite zu bleiben und als geschmackvoll etwas für ein Publikum zu inszenieren, das diese Inszenierung auch richtig dechiffrieren kann, hängt von einer entsprechenden kulturellen Kapitalausstattung ab. Die Verwendung von alten Paletten und dergleichen hat jedenfalls längst in die Bars und Lokale eines auf solche Distinktion bedachten Milieus Einzug gehalten. Sicherlich kommen der Bricolage auch andere Bedeutungen zu. Entscheidend ist hier allerdings nicht zuletzt eine an sozialen Strukturen und latenten Sinngehalten interessierte theoretische Perspektive, die Schlussfolgerungen für sozial-ökologische Transformation, die von den Autorinnen dabei angesprochen werden, komplizieren würde.

Trotz dieser kritischen Anmerkungen ist das Buch alles andere als undifferenziert. So sind etwa die Passagen zu so genannten interkulturellen Gärten ausgesprochen einsichtsreich in Hinblick auf die mitunter widersprüchlichen Prozesse der Teilhabe und von relativen Ausschlüssen, etwa aufgrund von Sprachbarrieren.

Dass der Gemeinschaftsgarten den Charakter eines „Projektionsraums“ hat, wie die Autorinnen in einer der Fallstudien schreiben, gilt wohl für viele solcher Orte. Es gilt zum Teil aber wohl auch für den wissenschaftlichen Diskurs dazu. Gerade diese Funktion mag ein Grund für das große Interesse an Gemeinschaftsgärten sein. Denn der Projektionsraum Gemeinschaftsgarten regt nicht nur wie in den Kleingartenanlagen die Sehnsucht nach einem kleinen Stück vom Glück an, die allein schon aufgrund der veränderten Subjektivitäten und Arbeitsverhältnisse heute in bestimmten Milieus zu neuen Formen drängt. Er stimuliert auch Wünsche nach einer sozial und ökologisch verträglicheren Gesellschaft, die im Gartendiskurs ihren Ausdruck finden und in den dazu gehörigen Praktiken symbolisiert und teils auch realisiert werden. „Mehr als Gärtnern“ hat daher eine Doppeldeutigkeit, die für Ansätze einer sozial-ökologischen Transformation fruchtbar gemacht werden kann. Eine der Voraussetzungen dafür ist, die Vielfalt von Gemeinschaftsgärten und ihrer Projektionen präzise darzustellen. Dies baut der Tendenz vor, das Phänomen allgemeinen Zuschreibungen zu subsumieren. Auch wenn „Mehr als Gärtnern“ diesbezüglich durchaus Stoff für Kontroversen liefern kann, so macht das Buch doch einen guten Schritt in diese Richtung. Dass die Autorinnen die vielgestaltige Empirie der Gemeinschaftsgärten auf diese Art vor Augen führen, ist deshalb nicht nur inspirierend, sondern auch ein Beitrag für eine Welt, in der viele Welten Platz finden.