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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Aktuelle Rezensionen

Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Milan Hlavacka/Robert Luft/Ulrike Lunow (Hg.)

Tschechien und Bayern. Gegenüberstellungen und Vergleiche vom Mittelalter bis zur Gegenwart

(Konferenzband des Collegium Carolinum, des Historicky ustav AV CR und des Hauses der Bayerischen Geschichte zur Bayerisch-Tschechischen Landesausstellung 2016/2017 in Prag und Nürnberg), München 2016, Selbstverlag, XXXIII+374 S., zahlr. Abb.
Rezensiert von Matthias Stickler
Erschienen am 14.11.2017

Mit dem Ende des Ost-West-Konflikts scheint die viel beschworene deutsch-tschechische „Konfliktgemeinschaft“ (Jan Křen), die vor allem das letzte Drittel des 19. und einen beträchtlichen Teil des 20. Jahrhunderts kennzeichnete, endgültig an ihr Ende gelangt zu sein. Seither ist sowohl in Deutschland als auch in Tschechien – allen noch vorhandenen politischen Meinungsverschiedenheiten zum Trotz – das Bestreben zu beobachten, das Gemeinsame mehr zu betonen als das Trennende. Dies gilt auch für die Beschäftigung mit der Vergangenheit. Den bayerisch-tschechischen Beziehungen kommt in diesem Kontext vor allem aus zwei Gründen eine besondere Rolle zu: Zum einen sind Bayern und die böhmischen Länder seit Jahrhunderten Nachbarn, zum andern nahm der Freistaat nach dem Zweiten Weltkrieg einen großen Teil der heimatvertriebenen Sudetendeutschen auf und übernahm für diese 1954 die Schirmherrschaft. Daraus erwuchsen besondere Beziehungen, die in der Vergangenheit das bayerisch-tschechische Verhältnis immer wieder belasteten, aber auch ein selbst auferlegtes besonderes Verantwortungsgefühl Bayerns für Fragen der deutsch-tschechischen Beziehungen, insbesondere in Wissenschaft und Bildung. Der vorzustellende Sammelband, Resultat mehrerer von tschechischer und bayerischer Seite geförderter wissenschaftlicher Initiativen im Zusammenhang mit der Bayerisch-Tschechischen Landesausstellung 2016/17, legt von diesen erfolgreichen Annäherungsprozessen Zeugnis ab. Er ist nicht zuletzt deshalb zu begrüßen, weil die Herausgeber im bayerisch-tschechischen Verhältnis immer noch „ein gewisses Maß von Ignoranz und Desinteresse an der Geschichte, Kultur und Gesellschaft des jeweiligen Nachbarn“ feststellen (S. XV). Der Band ist klassisch chronologisch aufgebaut, das Erkenntnisinteresse liegt nicht in erster Linie auf Transferprozessen zwischen Bayern und Tschechien, sondern das jeweils Gemeinsame ergibt sich aus „der Relevanz bestimmter historischer Phänomene für beide Länder“ (S. XXIII). Vor diesem Hintergrund unterscheiden Herausgeber und Autoren drei Verflechtungs-Typen: Erstens divergierende Prozesse mit schwachen Interaktionen: Die herzogliche Herrschaft im Mittelalter (Hubertus Seibert), der Fußballsport in Prag und München (Stefan Zwicker), die Glasfachschulen in Nordböhmen und Bayern (Verena Wasmuth), die Kunstakademien in Prag und München zwischen den Weltkriegen (Hana Spijkers/Silvia Wolf-Möhn). Zweitens gleichartige Phänomene oder konvergierende Prozesse mit starken Einflüsse von außen, jedoch ohne relevante Interaktionen: Die jeweiligen föderalen Bündnisprojekte im Dreißigjährigen Krieg (Fabian Schulze), die absolutistische Herrschaftspraxis im 17. und 18. Jahrhundert, die Judenpolitik des 18. und 19. Jahrhunderts (Jiři Hrbek bzw. Philipp Lenhard/Martina Niedhammer), die Armenfürsorge im 19. Jahrhundert (Milan Hlavačka), das Parteiensystem 1861-1914 (Pavel Cibulka), die Konzerne Ringhoffer-Tatra und BMW in der Zwischenkriegszeit (Halgard Stolte/Christopher Kopper), die kommunale und regionale Selbstverwaltung nach 1945 (Miroslava Kubatová Pitrová), regionaler Strukturwandel im ländlichen Raum nach 1990 (Anja Decker/Manuel Trummer). Drittens stark miteinander verflochtene Prozesse, wobei neben allgemeinen äußeren Einflüssen ein zentraler Impuls aus einer der beiden Regionen selbst erfolgte: Währungspolitik im Hochmittelalter (Roman Zaoral), Kriegswesen im späten 15. Jahrhundert (Robert Šimunek/Uwe Tresp), „Zigeuner“-Politik vom späten 19. Jahrhundert bis 1939 (Volker Zimmermann), Heiligenverehrung im Barock (Jiři Mikulec), Wandel des Katholizismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (Tomáš W. Pavlíček), die Katholische Kirche in der Zwischenkriegszeit (Jaroslaw Šebek). Auch wenn der Band keine vergleichende bayerisch-böhmische Gesamtschau bieten kann, so ist er doch mehr als eine Addition unverbundener Einzelbeispiele. Er belegt vielmehr, dass Komparatistik gerade dann fruchtbar sein kann, wenn ihr nicht ex post ein Korsett scheinbarer Verflechtungen zugrunde gelegt wird.