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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Evelien Timpener

Diplomatische Strategien der Reichsstadt Augsburg. Eine Studie zur Bewältigung regionaler Konflikte im 15. Jahrhundert

(Städteforschung. Veröffentlichungen des Instituts für vergleichende Städtegeschichte in Münster. Reihe A: Darstellungen, Bd. 95), Köln 2017, Böhlau, VIII, 237 Seiten
Rezensiert von Peer Frieß
Erschienen am 14.11.2017

In ihrer bei Ingrid Baumgärtner entstandenen Dissertation untersucht Timpener die Augsburger Diplomatie in politischen Krisenzeiten. Grundlage für die Studie bilden die für diesen Zeitraum weitgehend vollständig überlieferten Ratsprotokolle, die Missivenbücher für die ausgehenden sowie die Literaliensammlung für die eingehenden Schreiben und die in Augsburg „Baumeisterbücher“ genannten Stadtrechnungen. Eine stichprobenartig vorgenommene statistische Auswertung der Missivenbücher ergab, dass die Städte in der Region mit 45,9 % aller Schreiben die Hauptadressaten der Augsburger Korrespondenz waren, gefolgt von Grafen, Herren und Rittern mit 34,8%. Dennoch entschied sich die Verfasserin dafür, sechs Konfliktfälle der Reichsstadt mit dem Bischof von Augsburg bzw. den bayerischen Herzögen für die eingehendere Analyse auszuwählen.

Da sich die Ratsherren der neben Ulm größten Reichsstadt Schwabens im Umgang mit mindermächtigen Ständen, wie den Mitgliedern der schwäbischen Reichsritterschaft oder den kleineren Reichsstädten der Region, ein ganz anderes Auftreten erlauben konnten und auch tatsächlich erlaubt haben, als dies im Kontakt mit Reichsfürsten möglich war, kann die Studie auf Grund dieser konzeptionellen Entscheidung kein umfassendes Bild der Augsburger Diplomatie des 15. Jahrhunderts bieten. Der Vorteil des gewählten Ansatzes liegt allerdings darin, ausgesprochen komplexe Konfliktszenarien untersuchen zu können, anhand derer sich die gesamte Bandbreite diplomatischer Möglichkeiten der Zeit deutlich herausarbeiten lassen.

Dies gelingt der Verfasserin auch deswegen in überzeugender Weise, weil sie diplomatische, kommunikationsgeschichtliche und rechtliche Forschungsansätze geschickt verbindet. Anhand der auf breiter Quellengrundlage untersuchten sechs Konflikte der Reichsstadt Augsburg [Bischofsstreit (1413-1424), Handelssperre (1416-1419), Streit mit Peter von Schaumburg (1451-1456), Reichskrieg gegen Herzog Ludwig von Bayern-Landshut 1461-1463), Konflikt um die Lechverbauung (1467-1469), Streit um das Domkapitelstatut (1482/83 – 1491)] können grundlegende Strategien der reichsstädtischen Diplomatie herausgearbeitet werden, die vom Rat gezielt zur Bewältigung regionaler Konflikte eingesetzt wurde.

Ein charakteristisches Merkmal der Augsburger Diplomatie war die Professionalisierung der städtischen Außenbeziehungen, verbunden mit einer kontinuierlichen Verrechtlichung dieses Politikfeldes. Diese Entwicklung führte bekanntermaßen zur vermehrten Anstellung von Juristen in der städtischen Kanzlei, die damit zu zentralen Akteuren der reichsstädtischen Diplomatie wurden. In manchen Fällen, etwa dem Bischofsstreit, lag die gesamte Koordination in ihren Händen. Als zentrale Strategien der Reichsstadt ermittelt Timpener den kombinierten Einsatz von Beratern, Juristen und Türöffnern sowie die Mobilisierung von einflussreichen Fürsprechern bis hinauf zum Kaiser, die der Stadt durch eine gezielte Praxis des Schenkens gewogen gehalten wurden. Dabei kamen in Form eines Paralleldiskurses wiederholt schriftliche und mündliche Kommunikationsformen gleichzeitig zum Einsatz. Gerade im Hinblick auf die gewählten Beispielsfälle erwies sich die informelle Ebene als besonders geeignet, akute Konflikte zu lösen, da die symbolische Kommunikation mit den fürstlichen Antagonisten nicht auf Augenhöhe geführt werden konnte und daher in der Regel vermieden wurde.

Neben der intensiven Korrespondenz mit allen relevanten Entscheidungsträgern der Region, die vor allem dazu diente, sich ein konkretes Bild der jeweiligen Sachlage zu verschaffen, gehörten die gezielte Zeitverzögerung, der schriftliche Disput in Form des sog. „Briefkrieges“ (S. 154), der Abschluss von bilateralen Verträgen sowie von Schutzbündnissen und im Ausnahmefall auch militärische Aktionen zum Instrumentarium der reichsstädtischen Außenpolitik.

All dies ist im Einzelnen nicht neu. Die diplomatiegeschichtliche Forschung hat diese Strategien und die dabei zum Einsatz kommenden Instrumente und Verfahren wiederholt beschrieben. Das Interessante an der Studie von Timpener ist allerdings, dass sie zeigen kann, wie eine im Vergleich zu Bischöfen oder Herzögen mindermächtige Reichsstadt durch die gezielte Kombination einzelner Elemente und durch die Nutzung indirekter Verfahren ihre Interessen auch gegenüber mächtigeren Reichsständen zu wahren wusste.