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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Aktuelle Rezensionen

Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde

Mathias Beer / Reinhard Johler / Christian Marchetti (Hgg.)

Donauschwaben und andere. Tübinger Südosteuropaforschung

(Tübinger Korrespondenzblatt, Nr. 61), Tübingen 2015, Tübinger Vereinigung für Volkskunde, 192 Seiten m. Abb.
Rezensiert von Frank M. Schuster
Erschienen am 10.10.2017

Der schlichte Titel "Donauschwaben und andere" des Themenheftes des Tübinger Korrespondenzblattes von 2015 deutet auf einen weiteren Sammelband zur Kultur und Geschichte der deutschen Minderheiten in Südosteuropa hin. Der Untertitel "Tübinger Südosteuropaforschung" weist zwar über den engen thematischen Kontext hinaus. Wer die letzten Ausgaben dieser vor allem Europäischen Ethnologen und Kulturanthropologen bekannten Reihe aber nicht in der Hand hatte, wird kaum vermuten, dass darin wie schon in den vorangegangenen Bänden wichtige Aspekte der Fachgeschichte an einem repräsentativen Beispiel reflektiert werden. Da die von der Tübinger Vereinigung für Volkskunde e. V. (TVV) herausgegebene Publikationsreihe mit diesem Heft eingestellt wurde, kann es auch als Gesamtrückblick auf die Entwicklung und Internationalisierung der Europäischen Ethnologie am Tübinger Beispiel verstanden werden. Die Publikation richtet sich also vor allem an ein Fachpublikum, das an der Geschichte des Faches interessiert ist. Aber auch diejenigen, die sich für die Geschichte und Kultur der deutschen Minderheiten in Südosteuropa interessieren, dürften aufschlussreiche Hinweise finden, obwohl diese hier nur als Beispiel dienen.

Die für das Heft zentrale Frage lautet nämlich, wie interdisziplinär und international das Fach Europäische Ethnologie und seine Nachbardisziplinen, beispielsweise die Sprachwissenschaft oder die osteuropäische Geschichte, tatsächlich seien. Dass gerade diese Fächer als Teil der nationalistischen und dann nationalsozialistischen Volkstumsforschung historisch vorbelastet waren und sich daher erst langsam von nationalbezogenen Standpunkten lösten, ist zwar seit längerem bekannt. Ein Rückblick wie der vorliegende, aus dem fachliche Kontinuitäten, Brüche und Weiterentwicklungen deutlich werden, ist für Geisteswissenschaftler aber immer nützlich, selbst wenn er sich in diesem Fall nur auf Baden-Württemberg und Tübingen richtet. So wird in dem Heft nicht nur die Entwicklung von der Volkskunde über die Ethnologie hin zur Empirischen Kulturwissenschaft (EKW) nachgezeichnet, sondern insbesondere auch die "entgegen der oft tradierten Fremd- und Eigensicht […] lange, wiederholt abgebrochene und dann erneut aufgegriffene, deswegen aber kaum zusammen reflektierte Tradition der Beschäftigung mit Ost-, stärker mit Südosteuropa" (2) thematisiert. Die Auseinandersetzung mit den donauschwäbischen Minderheiten vor und nach der Ansiedlung in Baden-Württemberg sind dabei der Ausgangspunkt der vorgestellten Überlegungen, Reflexionen und Untersuchungen. Es gehe aber nicht darum, so der Direktor des Ludwig-Uhland-Instituts für Empirische Kulturwissenschaft (LUI) und Wissenschaftliche Leiter des Instituts für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde (idgl) Reinhard Johler einleitend, den Tübinger Beitrag zu einer "(ethnisch konzipierten) ‚donauschwäbischen Wissenschaft‘ darzustellen, vielmehr soll eine komplexe und zuweilen auch problematische, in der Gegenwart aber wissenschaftlich produktiv zu nutzende Beziehungs- und Transfergeschichte dargestellt werden" (2 f.).

In diesem Sinne passt zwar auch der spannende Beitrag von Käthe Hientz zur "Rückwanderung von Siebenbürger Sachsen nach Rumänien" in das Heft. Ihre "ethnographische Studie zu transnationalen Migrationspraktiken zwischen Rumänien und Deutschland" seit den 1980er Jahren fällt aber dennoch etwas aus dem Rahmen. Dadurch wird diese Untersuchung zu einem bisher weitgehend vernachlässigten Thema wohl leider nicht in einem Umfang rezipiert werden, wie sie es verdient hätte. Anders als die übrigen Beiträge des Heftes bezieht sich Hientz’ Artikel nämlich weder auf das Beispiel der Donauschwaben noch wird darin die Fach-, Institutionen-, Beziehungs- und Verflechtungsgeschichte thematisiert.

In den anderen Aufsätzen des Heftes stehen jeweils die Entstehung und Geschichte der beiden bereits genannten Institutionen (Reinhard Johler; Mathias Beer) sowie des Donauschwäbischen Zentralmuseums in Ulm (DZM) (Christian Glass) und des Zentrums zur Erforschung deutscher Geschichte und Kultur in Südosteuropa an der Universität Tübingen (Mathias Beer) im Mittelpunkt. Außerdem werden zum einen noch übergeordnete Themen behandelt wie einführend die langjährige Beziehungsgeschichte der Donauländer und der Donau-Schwaben (Hermann Bausinger), die Bedeutung der "Patenschaft des Landes Baden-Württemberg über die ‚Volksgruppe der Donauschwaben‘" (Mathias Beer) in ihrem historischen Wandel seit dem Kriegsende oder der Flucht sowie Vertreibung und Migration als übergeordnete Phänomene, für die die Donauschwaben als Modellfall gesehen werden (können) (Hermann Bausinger). Zum anderen kommen noch Berichte über einzelne, wegweisende Forschungsprojekte hinzu, beispielsweise zur Neuansiedlung der Aussiedler in Baden-Württemberg (Sandro Ratt) oder zu donauschwäbischen Sprachforschungen (Arno Ruoff †; Elke Schwedt), aus denen sich dann auch internationale Kontakte ergaben, die eine über die deutschen Minderheiten in Südosteuropa hinausgehende Forschung ermöglich(t)en.

Dies ist sozusagen der Fluchtpunkt der Reflexion über das eigene Fach und die Nachbarfächer. Zwar waren es ursprünglich weiterhin die Deutschen, mit denen man sich auseinandersetzte und in diesem Themenheft auch vorrangig auseinandersetzt, aber eben die Deutschen in Südosteuropa, deren Kultur und Geschichte nur im Zusammenhang mit den übrigen ethnischen Gruppen zu verstehen und zu untersuchen sind – eine Erkenntnis, die sich generell in den Kulturwissenschaften jeglicher Richtung in den letzten Jahren immer weiter durchsetzt. Es bleibt also zu hoffen, dass dieses Heft als Beitrag zu einer über die Europäische Ethnologie hinausreichenden Diskussion wahrgenommen wird und ähnliche Reflexionen anregt.