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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Aktuelle Rezensionen

Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde

Heidrun Alzheimer / Sabine Doering-Manteuffel / Daniel Drascek / Angela Treiber (Hgg.)

Polen

(Jahrbuch für Europäische Ethnologie, 3. Folge 10/2015), Paderborn 2015, Schöningh, 220 Seiten
Rezensiert von Markus Krzoska
Erschienen am 10.10.2017

Die Sektion für Volkskunde der Görres-Gesellschaft hat es sich seit 2009 zum Ziel gesetzt, im Rahmen ihrer zentralen Publikation jährlich ein Land dem deutschen Fachpublikum näher vorzustellen. Als siebtes Land wurde dafür 2015 unter der Redaktion von Heidrun Alzheimer Polen ausgewählt. Die 14 Beiträge, die offenbar teilweise auf eine Tagung in Fribourg zurückgehen, sind in vier Bereiche gegliedert, die sich mit der "Archäologie ethnographischer Wissenskulturen", "Minderheiten und Kulturtransfer", "stereotypen Vorstellungen" sowie "Cultural Turns" befassen.

Der mit Abstand interessanteste und forschungspraktisch deutlich weiterführendste Teil ist gleich der erste, in dem polnische EthnologInnen und KulturanthropologInnen nicht nur die Entwicklung des Fachs auf einer breiten historiographischen Basis vorstellen, sondern dabei auch eindrucksvoll demonstrieren können, wie kritisch, selbstreflexiv und international vernetzt sie nicht erst seit 1989 arbeiten, sondern dies im Grunde bereits seit den 1920er Jahren tun. Vor dem Hintergrund der Arbeiten der Klassiker des Fachs wie Bronisław Malinowski, Jan Czekanowski oder Jan Stanisław Bystroń erscheinen aber auch andere wichtige WeichenstellerInnen, die in der Zwischenzeit eher dem Vergessen anheimgefallen sind. Die Abkehr von einer "nation-building ethnology", wie sie Waldemar Kuligowski in seinem Einführungsbeitrag benennt, half beim Eröffnen neuer Forschungsperspektiven. Gerade deshalb ist es auch schade, dass Klassiker der polnischen Kulturanthropologie wie etwa Józef Bursztas Buch über die Dorfschänke von 1950 nie in westliche Sprachen übersetzt wurden.

Der Beitrag eines Autorenteams über die Entwicklung der Ethnologie und der Kulturanthropologie an der Universität Warschau macht Bandbreite und Stufen der Forschungen sehr deutlich. Vor allem die Untersuchungen zum ländlichen Polen, zur Migrationsgeschichte, zur Religionsanthropologie und zum gender-Thema zeigen neben weiteren bis in die Gegenwart hinein eindrucksvoll, wie gut aufgestellt diese Wissenschaften sind. Sinnvoll ergänzt wird diese allgemeine Übersicht durch Agnieszka Halembas und Łukasz Smyrskis Blick auf die universitäre Praxis der Warschauer Ethnologie am Beispiel des sogenannten "ethnographischen Labors", von Professoren organisierter Feldforschung mit Studierenden als Teil von deren Studienprogramm seit den frühen 1970er Jahren. Hierbei wird auch sichtbar, welchen Veränderungen die Wissenschaftspraxis in der Zeit seither unterlegen ist. Insbesondere die individuelle Betreuung und die ausführlichen Gespräche scheinen bei den begabteren TeilnehmerInnen tiefen Eindruck hinterlassen zu haben. Violetta Krawczyk-Wasilewskas Einblicke in das relativ junge Feld der Digital Culture Studies belegen, dass auch in diesem Bereich die polnische Forschung in Kooperation mit Flaggschiffen wie der Budapester Central European University sehr gut aufgestellt ist.

Es wäre wünschenswert gewesen, dass sich an diesen ausgezeichneten Einstieg konkrete Fallstudien aus all diesen Segmenten angeschlossen hätten. Dem ist nicht so. Zwar wird den LeserInnen eine Reihe von Beispielen präsentiert, die im weitesten Sinn etwas mit Polen zu tun haben, wobei allerdings weder ein innerer Zusammenhang noch eine Orientierung an methodischen oder inhaltlichen Leitkategorien deutlich wird. Vielmehr präsentiert sich die Europäische Ethnologie doch meist als klassische Volkskunde, bei der unter leichter Auffrischung der Herangehensweise Kategorien bedient werden, die man noch aus der älteren, deutschtumsbezogenen Forschung kennt. Gerade bei den eher historisch ausgerichteten Beiträgen fällt das Fehlen neuerer theoretischer Ansätze und/oder des aktuellen Forschungsstandes schmerzlich auf. Bei anderen Texten werden im Detail durchaus spannende Themen präsentiert wie das etwa Anna Meisers Übersicht über die Geschichte der einzigen neounierten Kirchengemeinde Polens, Kostomłoty, belegt, die durchaus mit dem entsprechenden religionssoziologischen Instrumentarium gearbeitet zu haben scheint, dieses in der Kürze des Textes jedoch nicht so recht sichtbar machen kann. Auch Paweł Nadzieja (im Inhaltsverzeichnis mit verstümmeltem Namen) entdeckt in der Person des weithin vergessenen Schriftstellers Wolfgang Menzel eine Anbindung an politische Strömungen des 19. Jahrhunderts und ermuntert dadurch zu weiteren Studien in einem Feld, das von Germanistik wie Geschichtswissenschaft zuletzt eher ausgereizt zu sein schien. Dagegen beschränkt sich Heinke Kalinke bei ihrem im Grunde höchst interessanten Beispiel der Autobiographie eines Galiziendeutschen auf die Nacherzählung des Inhalts, ohne die sich doch aufdrängenden Fragen zur Erinnerungskultur oder dem Schreiben von Biographien in den Blick zu nehmen. Ähnliches gilt für Cornelia Eislers Projekt zum "Grenz- und Auslandsdeutschtum", das die breite Diskussion zu diesem Thema in den letzten 20 Jahren höchstens ganz am Rande zur Kenntnis nimmt und entgegen dem Titel zur polnischen Minderheitenpolitik der Zwischenkriegszeit überhaupt nichts beisteuert.

Alles in allem gelingt es dem Jahrbuch für Europäische Ethnologie mit Ausnahme des ersten Teils nicht, einen umfassenden Überblick über die polnische Forschungslandschaft zu präsentieren. Es begnügt sich mit einer Auswahl mehr oder weniger zufällig gewählter Beispiele, die überwiegend aus der deutschsprachigen Beschäftigung mit Polen stammen. Damit wurde letztlich eine große Chance verschenkt, die Vielfalt der ethnologisch-kulturanthropologischen Studien in unserem wichtigsten östlichen Nachbarland sichtbarer zu machen.