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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Aktuelle Rezensionen

Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde

René Brugger / Bettina Mayer / Monika Schierl (Hgg.)

Kirche – Kunst – Kultur. Geschichts- und kulturwissenschaftliche Studien im süddeutschen Raum und angrenzenden Regionen. Festschrift für Walter Pötzl zum 75. Geburtstag

Regensburg 2014, Schnell & Steiner, 504 Seiten m. Abb., z. T. farbig.
Rezensiert von Franz Josef Merkl
Erschienen am 10.10.2017

Am 23. März 2014 beging Prof. Dr. Walter Pötzl, von 1983 bis 2004 Inhaber der Professur für Volkskunde an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, seinen 75. Geburtstag. Vor seinem Ruf an die Katholische Universität war der Historiker, Theologe und Germanist im gymnasialen Schuldienst tätig gewesen. Im Jahr seines 75. Geburtstages blickte Walter Pötzl zudem auf ein 30‑jähriges Wirken als Kreisheimatpfleger des Landkreises Augsburg zurück. Die wissenschaftliche Forschung verband und verbindet der promovierte Kirchenhistoriker mit einer besonderen Leidenschaft der Vermittlung. Seine thematische Vielseitigkeit und diese Leidenschaft erfuhren zahllose interessierte Bürgerinnen und Bürger des Landkreises Augsburg bei einer Vielzahl gut angenommener Vorträge und Führungen im Rahmen der von ihm 1987 ins Leben gerufenen Kultur- und Heimattage im Landkreis Augsburg. Dass "sein" Landkreis zu den kulturgeschichtlich besterforschten Regionen zumindest in Deutschland gehört, liegt ebenfalls an seiner Arbeit und auch den mittlerweile 24 stattlichen Bänden der Beiträge zur Heimatkunde des Landkreises Augsburg.

Seine besondere und verschiedene Fächer verbindende Themenbreite wird auch in den 26 Aufsätzen dieser Festschrift deutlich, die eine besondere Nähe zu Walter Pötzls wichtigen Arbeits- und Interessenschwerpunkten aufweisen. Die von Kolleginnen und Kollegen, Weggefährtinnen und Weggefährten, Schülerinnen und Schülern verfassten Beiträge atmen den Geist ausgeprägter Freude am bearbeiteten Gegenstand sowie großer persönlicher und fachlicher Wertschätzung für den Geehrten. Sie sind in vier Themenbereiche eingeteilt.

Den ersten Themenbereich "Alltagskultur zwischen Immanenz, Transzendenz und Kontingenz" eröffnet Marianne Grund mit einem Einblick in die Küchengeschichte des Klosters Mariastein bei Eichstätt in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Dazu untersucht sie das Tagebuch der Priorin Clara Steiger u. a. im Hinblick auf den alltäglichen und festtäglichen Speiseplan der Nonnen.

Sodann geht Monika Schierl unnatürlichen Todesfällen in Ingolstadt zwischen 1695 und 1800 nach. An den Schicksalen von Hingerichteten, Suizidenten, Anatomieleichen, Geisteskranken und Andersgläubigen untersucht sie, welche Personengruppen auf dem Armesünderfriedhof ihre letzte Ruhe fanden.

Das konfessionsübergreifende Phänomen der Ökonomiepfarrer von den mittelalterlichen Wurzeln über die Säkularisation bis zu den Ausläufern im 20. Jahrhundert behandelt Alois Schmid. Es geht ihm dabei sowohl um ihre Lebenskultur wie um ihre Rolle als wichtige Innovationsträger.

Mit Aspekten des Alltagslebens bäuerlicher und städtischer Unter- und Mittelschichten im Bayern der "Goethezeit" befasst sich Walter Hartinger. Im Zentrum stehen gesellschaftliche Modernisierungsprozesse bei den Besitzverhältnissen, beim Wirtschaften und beim durch Aufklärung und Säkularisation beeinflussten religiösen Denken und Handeln.

Einen Einblick in den Alltag der Zisterzienserinnen der Abtei Oberschönenfeld im Zeitalter der Säkularisation ermöglicht Beate Spiegel. Sie untersucht die Klosterausstattung, die Ordenshierarchie und das Verhältnis der Ordensschwestern zu den Verantwortlichen für die Säkularisation.

Umwelt- und Naturereignisse und ihren Niederschlag in regionalen Quellen der Frühen Neuzeit stellt Wolfgang Wüst vor. Konkret untersucht er in dem neu zu erschließenden Forschungsfeld die Darstellung von Feuerstürmen, Kometen, Ungezieferplagen, Unwettern und Überschwemmungen.

Über die Agrarkrise und die Hungerjahre 1816/17 in Bayern und Sachsen schreibt Hubert Kiesewetter. Nach einem Vergleich der unterschiedlichen Verläufe und ökonomischen Folgen überlegt er, ob Agrarkrisen als Auslöser der Industrialisierung betrachtet werden können. Er schließt mit einer Reflexion, inwieweit aus solchen lange zurückliegenden Ereignissen Lehren für die gegenwärtige europäische Politik gezogen werden können.

Der erste Themenbereich schließt mit einer Untersuchung über die Lebenserwartung im katholischen Dinkelscherben im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts. Enthalten ist ein Vergleich mit dem benachbarten evangelischen Burtenbach im heutigen Landkreis Günzburg. Der Beitrag von Christoph Lang wird an dieser Stelle näher betrachtet (auch die anderen Aufsätze würden dies verdienen), weil sein Untersuchungsgegenstand kulturgeschichtlich im "Pötzl-Land" liegt: Dinkelscherben ist Teil des Landkreises Augsburg und Walter Pötzl hat bereits 1987 eine Arbeit zur Geschichte und Volkskunde des Ortes bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts vorgelegt. Christoph Lang schließt mit seiner historisch-demographischen Untersuchung daran an. Und der Verfasser stellt sie – ganz im Sinne Walter Pötzls – auf eine stabile Quellenbasis; hier sind es die ab 1876 geführten Geburts-, Heirats- und Sterbebücher der Standesämter. Der auf den allerersten Blick vielleicht eher deskriptiv erscheinende Beitrag beschränkt sich nicht auf die Lebenserwartung und erbringt überraschende Ergebnisse. So lag die Geburtenziffer in Dinkelscherben im Untersuchungszeitraum bei 34 bis 35 pro 1 000 Einwohner, entsprach damit der in der Frühen Neuzeit, betrug aber dreieinhalb mal mehr als heute. Auffällig ist, dass 9 Prozent der Dinkelscherbener Kinder im Untersuchungszeitraum "ledig" zur Welt kamen, in der Frühen Neuzeit waren es nur 3,9 Prozent gewesen. Auffällig ist auch, dass im evangelischen Burtenbach die Illegitimitätsrate bei über 20 Prozent lag. Der Verfasser liefert auch die Erklärung: Die unehelichen Mütter in Dinkelscherben waren als Dienstmägde, Kellnerinnen und Fabrikarbeiterinnen sozial vergleichsweise schlecht gestellt; ihre Väter waren häufig Tagelöhner oder Bahnarbeiter. In Burtenbach hingegen waren die meisten ledigen Mütter ebenfalls Dienstmägde, oft aber auch Töchter von Landwirten und Handwerksmeistern. Bei der Wahl ihrer Ehegatten blieben die Menschen in Dinkelscherben praktisch unter sich, während Burtenbach als evangelische Insel im katholischen Umfeld zwei erwartbare Resultate und ein unerwartetes Ergebnis aufweist: Man heiratete auch hier oft unter sich und die meisten auswärtigen Partnerinnen und Partner kam aus anderen evangelischen Gemeinden in Schwaben, doch waren mit 13 Prozent gemischt-konfessionelle Ehen so selten nicht. In Dinkelscherben gab es hingegen praktisch keine gemischt-konfessionellen Ehen. Doch nun zur Lebenserwartung. Es überrascht nicht, dass fast die Hälfte der registrierten Dinkelscherbener Sterbefälle im ersten Lebensjahr lag; die durchschnittliche Lebenserwartung lag deshalb bei 30,4 Jahren. Lässt man die Kinder im Alter von bis zu zwölf Jahren außer Betracht, ergab sich eine Lebenserwartung von 56,8 Jahren. Sie lag damit nur um zwei Jahre über den Werten, die Walter Pötzl für das ausgehende 18. Jahrhundert ermittelt hat. In Bayerisch-Schwaben erlebten bis in die 1860er Jahre 40 Prozent der Kinder ihren ersten Geburtstag nicht. Ursachen waren ein Anstieg der Natalität, eine wachsende Arbeitsbelastung der Frauen in der intensivierten Landwirtschaft und eine geringe Pflege der Kinder. Ein wesentlicher Grund war die Ernährung; statt zureichend gestillt zu werden, erhielten die Neugeborenen Mus, Milch, Zucker und Schnuller aus Brezen und Kandiszucker. Da Mus und Schnuller oft tagelang nicht frisch zubereitet wurden, häuften sich Koliken und Durchfall. Als zweiter wesentlicher Faktor wird oft die katholische Einstellung gegenüber Leben und Tod genannt: Waren die Kinder getauft, war für ihr Seelenheil gesorgt und man bekam beim Tod einen Engel im Himmel. Insoweit überraschen die Burtenbacher Ergebnisse: Dort waren im Untersuchungszeitraum 47 Prozent der Gesamtsterbefälle Kleinkinder; die Kindersterblichkeit war höher als in Dinkelscherben. Die Vorstellung katholischer Eltern, sie hätten mit einem gestorbenen Kind einen Fürsprecher im Himmel, führte also zu keiner Vernachlässigung der Säuglinge. Demnach waren regional typische Handlungsmuster für die Lebenschancen von Säuglingen wichtiger als konfessionelle Unterschiede. Allerdings stieg gegen Ende des Untersuchungszeitraums aufgrund stark abnehmender Säuglingssterblichkeit die durchschnittliche Lebenserwartung deutlich; der Grund lag in einer verbesserten Ernährung und Hygiene und diese Entwicklung sollte sich im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts fortsetzen.

Am Anfang des zweiten Themenbereiches "Theologie, Frömmigkeit, Liturgie und Brauch" steht eine von Manfred Weitlauff quellenkritisch verfasste und kommentierte Lebensbeschreibung des hl. Franz von Assisi. Ausgangspunkt ist die Frage nach den Anfängen und der zeitgeschichtlichen Einordnung des Heiligen; weiterhin werden die Entwicklung des von ihm gegründeten Ordens zu seinen Lebzeiten sowie sein Sterben geschildert.

Das Mirakelbuch des Augsburger Augustinerchorherrn Octavianus Lader aus dem Jahr 1625 hat Melanie Thierbach untersucht. Die mit Kupferstichen bebilderte Sammlung stellt die Wirkmächtigkeit des Wunderbarlichen Gutes von Heilig Kreuz in Augsburg dar. Der Beitrag analysiert Herkunft und Anliegen der Votanten, bietet einen Einblick in die Wallfahrt im ersten Viertel des 17. Jahrhunderts und ordnet das Mirakelbuch in die Augsburger Mirakelliteratur ein.

Im Spannungsfeld zwischen Tradition und Aufklärung untersucht Rolf Kießling die Denkstrukturen der evangelisch-lutherischen Ulrichsgemeinde in Augsburg am Ende des 18. Jahrhunderts. Dabei ging es um die Reform der gottesdienstlichen Praxis. Konkret zeigt ein anonymes Cirkular zur Verbesserung des Abendmahls sowohl die Offenheit der Gemeinde für aufklärerisches Gedankengut wie auch die Beteiligung der Gemeinde an der innerkirchlichen Diskussion.

Die Primiz eines Kriegskameraden von P. Rupert Mayer SJ 1921 im schwäbischen Burghagel behandelt René Brugger. Der Münchner Jesuit hielt dabei die Festpredigt. Ihr Text, ein bislang unbekanntes homiletisches Zeugnis Mayers kurz vor der Ernennung zum Präses der Münchner Bürgerkongregation, wird hier erstmals ediert.

Den "Repräsentativbrauch" des Nikolospiels von Bad Mitterndorf untersucht Irene Götz hinsichtlich Geschichte, Ausprägung und Deutungen und geht dabei auch auf die Probleme ein, auf die die volkskundliche Forschung bei der Beobachtung und Beschreibung von Bräuchen trifft.

St. Afra im Felde gilt als Ort des Martyriums der Augsburger Bistumspatronin. Thomas Groll befasst sich mit der Frage nach der Historizität dieser Überlieferung, zeichnet die Kultgeschichte einschließlich der Ausbreitung der Afra-Verehrung nach und bezieht dabei archäologische Erkenntnisse und legendarische Überlieferungen ein.

Allen Bräuchen im Lebenslauf, in denen Zitronen eine Rolle spielten, widmet Anneliese Till ihren Beitrag. Sie untersucht dabei deren Verwendung unter anderem bei Hochzeiten, Konfirmationen und Beerdigungen, stellt als ein Vorbild die Zitronatszitrone (Etrog) im Judentum fest und geht dem Verschwinden dieses Brauchs nach.

Aus Anlass des 50-jährigen Jubiläums des Zweiten Vatikanischen Konzils erläutert Klaus Guth die Konzilserklärung "Nostra Aetate" mit ihrem Perspektivwechsel und ihrer Bedeutung für den jüdisch-christlichen Dialog. Der Verfasser äußert darin die abschließende Hoffnung, dass die Rückbesinnung auf den einen Gott auch das Gespräch mit dem Islam erleichtern wird.

Den dritten Themenbereich "Kunst und Künstler, Orte und Räume" beginnt Emanuel Braun. Er stellt einen baugeschichtlichen Vergleich zwischen den Lettnern in den ehemaligen Franziskanerkirchen von Ingolstadt und Regenburg an.

Mit der Bedeutung von Architekturkopien um 1600 und der Santa Casa di Loreto im Mittelpunkt beschäftigt sich Markus Würmseher. Die Reichsstadt Augsburg als Nährboden für eine an Italien orientierte Rezeption nimmt er dabei genauso in den Blick wie die Bedeutung sakraler Architekturkopien im Kontext der Gegenreformation.

Wolfgang Brückner thematisiert das vor allem im 19. Jahrhundert populäre Bildmotiv des Engels als Seelengeleiter. Dabei geht es ihm besonders um die Wechselwirkung zwischen der Kunstauffassung der Oberschicht und populärer Massenware.

Welchen Einfluss der durch Klöster und Stifte als barocke Kulturlandschaft geprägte Pfaffenwinkel auf die Künstler des "Blauen Reiter" ausübte, arbeitet Peter B. Steiner heraus.

Der Entwicklung des Oberpfälzer Bildhauers Lothar Fischer in den drei Jahren vor Eintritt in die Akademie der Bildenden Künste in München geht Bettina Mayer nach. Dazu veröffentlicht sie erstmals die Briefe des Oberrealschülers Fischer an einen Schulfreund. Sie zeigen seine Gedanken zur Bildenden Kunst und seine Ambitionen für den Beruf des Bildhauers und sind damit ein wertvolles biografisches Zeugnis aus der Jugend des bedeutendsten deutschen Bildhauers nach dem Zweiten Weltkrieg.

Das Behelfsheim aus Gessertshausen, eine Notunterkunft für eine ausgebombte Familie aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges, steht seit 2012 im Schwäbischen Bauernhofmuseum in Illerbeuren. Otto Kettemann fügt es in den historischen Zusammenhang ein und rekonstruiert die Geschichte von Gebäude und Bewohnern.

Den dritten Themenbereich beschließt Bärbel Kerkhoff-Hader mit einem Aufsatz über Freilichtmuseen als Orte performativer Kultur. Sie stellt die Entwicklung der Idee von ihren Anfängen bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts am Beispiel des Fränkischen Freilandmuseums Bad Windsheim dar.

Den vierten Themenbereich "Geistliche und weltliche Herrschaft" leitet Wilhelm Liebhart mit einem quellenbasierten Beitrag über den Ort Häder (im heutigen Landkreis Augsburg) ein. Er lag in der Frühen Neuzeit in der österreichischen Markgrafschaft Burgau, während die Augsburger Abtei St. Ulrich und Afra in dem geschlossenen Besitz erweiterte Rechte innehatte.

Christof Paulus fasst Aufenthalte und Präsenz von Kaiser Friedrich Barbarossa (reg. 1155–1190) in Augsburg zusammen. Dabei geht er auf die Verbindungen zwischen dem Staufer und den Augsburger Bischöfen ein.

Zum Abschluss bearbeitet Reinhard Heydenreuter eine heraldische Fragestellung. Er behandelt Geschichte und Ausprägung des Wappens des Hochstifts Augsburg, zieht Vergleiche mit anderen europäischen Bischofswappen und erläutert die rechtshistorischen Hintergründe.

Es folgen das beeindruckende zwölfseitige Verzeichnis der Veröffentlichungen des Geehrten und ein hilfreiches Stichwortverzeichnis. Die inhaltlich gelungene und schön gestaltete Festschrift würdigt eine besonders verdiente Persönlichkeit und ihre großen Leistungen in Forschung und Vermittlung.