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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Lisa Sanner

"Als wäre das Ende der Welt da". Die Explosionskatastrophen in der BASF 1921 und 1948

(Veröffentlichun­gen des Stadtarchivs Ludwigshafen am Rhein 42), Ludwigshafen am Rhein 2015, 486 Seiten
Rezensiert von Matthias Bischel
Erschienen am 10.10.2017

In ihrer 2014 vorgelegten und nunmehr im Druck erschienenen Dissertation un­tersucht Lisa Sanner die gesellschaftlichen und politischen Auswirkungen der zwei großen Explosionskatastrophen, die sich 1921 und 1948 beim Ludwigshafener Che­miegroßkonzern BASF ereigneten. Die Detonationen eines Düngemittelsilos bzw. eines Kesselwagens, die insgesamt 559 bzw. 207 Menschen das Leben kosteten und darüber hinaus schwerste Zerstörungen in der Umgebung verursachten, zählen zu den verheerendsten Industrieunglücken der deutschen Geschichte. Sie lösten im In- und Ausland großes Entsetzen und eine Welle der Hilfsbereitschaft aus, die in vielen Fällen auch die Schranken zwischen den vormaligen Kriegsgegnern überwand.

Beide Ereignisse beeinflussten somit das Leben einer kaum abzuschätzenden Anzahl von Menschen auf mittelbare oder sogar unmittelbare Weise. Selbst vor dem Hintergrund einer beinahe frappierenden Analogie der herrschenden Umstände – die Unglücke betrafen nicht nur den gleichen Konzern, sie ereigneten sich auch jeweils ca. drei Jahre nach Kriegsende und unter den Augen der französischen Besatzungs­macht in der Rheinpfalz – verwundert es jedoch kaum, dass die Katastrophen in der Forschung bislang kaum Beachtung fanden. Fehlt Historikern in der Regel nämlich schon das fachliche Rüstzeug, um Ursachen und Auswirkungen solcher Indu­strieunglücke eigenständig nachvollziehen und erläutern zu können, beherrschte die Disziplin lange Zeit auch deshalb eine spürbare Reserve bei der Auseinander­setzung mit derartigen Ausnahmesitua­tionen, da man nicht der Gefahr einer einseitigen, vom dramatischen Geschehen allzu stark eingenommenen Betrachtungs­weise erliegen wollte. Angesichts solcher, durchaus ernst zu nehmender Bedenken gerieten die Potenziale einer historischen Katastrophenforschung, die Sanner in der Einleitung anschaulich herausarbeitet, je­doch weitgehend aus dem Blickfeld: Wie die Autorin zurecht betont, eröffnen die quellenmäßig meist gut belegten Ereig­nisse nämlich vor allem die Möglichkeit, Reaktionen auf gesellschaftliche Bewäh­rungs-proben dieser Größenordnung unter sozial- und kulturgeschichtlichen Gesichtspunkten zu untersuchen, d.h. etwa die Organisation der Hilfsmaßnahmen, die mediale Vermittlung der Geschehnisse, das Auftreten anerkannter Autoritäten oder den Rückbezug auf vertraute Diskurse oder Symbole nachzuvollziehen. Eine unter solchen Vorzeichen betriebene Katastro­phenforschung zielt also letztlich darauf ab, das Binnenporträt einer Gesellschaft im regionalen und überregionalen Kontext zu erstellen und dabei auch soziale Struktu­ren offenzulegen, die in der Überlieferung ansonsten wenig Spuren hinterließen oder auch im Bewusstsein der Zeitgenossen kaum präsent waren.

In Übereinstimmung mit dieser Agen­da ruft Sanner die Explosionen bei der BASF dann auch weniger als dramatische Ereignisse in Erinnerung, sondern versteht beide Katastrophen vielmehr als Kristal­lisationspunkte, die in enger zeitlicher Verdichtung eine enorme Breitenwirkung entfalteten und deshalb jeweils eine groß­flächige gesellschaftliche Mobilisierung auslösten: Um diesem Reaktionsspektrum in darstellerischer und komparativer Hin­sicht gerecht zu werden, ordnet die Auto­rin die Folgewirkungen der nacheinander aufgearbeiteten Ausnahmesituationen dann den drei Kategorien materielle bzw. imma­terielle Krisenbewältigung sowie politische Instrumentalisierung zu und erhebt diese zu den tragenden Säulen eines jeweils deckungsgleichen Gliederungsmodells; die auf historischen Kontextanalysen basieren­den Hauptkapitel folgen in ihrem Aufbau also einer systematischen, nach einheitli­chen Prinzipien entworfenen Struktur: Ist ein solch übersichtliches Raster für einen Vergleich der thematisierten Aspekte natürlich sehr geeignet, bleibt als wohl unvermeidlicher Nachteil dieser Herange­hensweise allerdings zu verbuchen, dass die rückwirkenden Kausalbeziehungen zwi­schen den Darstellungseinheiten, also etwa der Einfluss der politischen Rezeption der Ereignisse auf die schon zuvor geschilderte organisatorische Gestaltung der materiel­len Schadensbehebung, nicht immer deut­lich werden; leider wird auch im Resümee nicht näher auf Wechselwirkungen dieser Art eingegangen.

Hinsichtlich der Umsetzung der skiz­zierten Konzeption fällt nicht zuletzt aus landesgeschichtlicher Perspektive sogleich positiv auf, dass die Autorin das institu­tionelle Setting der Jahre 1921 und 1948 als Mehrebenensystem erschließt: Die Hand­lungsspielräume und Kompetenzen von Reich, Land und Besatzungsmacht werden also sorgfältig unterschieden und in ihrer wechselseitigen Verflechtung gewürdigt; die Ludwigshafener Perspektive, die nur mit Blick auf das Unternehmen selbst näher beleuchtet wird, kommt im Zuge dessen allerdings etwas zu kurz.

Die Kapitel zur materiellen Bewälti­gung unterscheiden nach dieser Kontextua­lisierung sodann die Phasen der spontanen und der in beiden Fällen vergleichsweise rasch institutionalisierten Hilfe, die sich in der Gründung staatlicher Hilfswerke auf Landesebene und der Durchführung deutschlandweiter Spendenaktionen mate­rialisierte: Aus mittlerer Sicht fiel dem bay­erischen Hilfswerk Oppau und dem rhein­land-pfälzischen Landeshilfsausschuss dann auch die schwierige Aufgabe zu, die Finanzierung des Wiederaufbaus zu klären und eine angemessene Entschädigung der Opfer sicherzustellen, was sich nach 1921 angesichts einer wenig kooperativen Hal­tung des Konzerns schließlich über Jahre hinziehen sollte; die Kontroversen um die juristische und moralische Verantwortung für das entstandene Leid lassen sich in die­sem Zusammenhang erstmals greifen.

Die beiden umfangreichen Abschnitte zur immateriellen Bewältigung gehen an­schließend näher auf die Erklärung, Ver­mittlung und Deutung der Katastrophen ein, wobei zunächst die Prozesse der fachli­chen Ursachenforschung rekonstruiert wer­den, deren Fortschritte und Ergebnisse in aller Regel den zentralen Bezugspunkt für die Entwicklung der Debatte in der brei­ten Öffentlichkeit darstellen. 1921 konnte von einer solchen Grundlage allerdings kaum die Rede sein, da sich hochrangige Sachverständige und parlamentarische Untersuchungsausschüsse des Land- und Reichstages zwei Jahre lang vergeblich bemühten, die auslösenden Faktoren der Explosion in schlüssiger Beweisführung zu identifizieren. Auch seriöse Zeitungen sahen sich deshalb bald veranlasst, das In­formationsbedürfnis ihrer Leser durch das Abwägen verschiedener Theorien zu befrie­digen, währenddessen vor allem die auslän­dische Presse weitergehende Spekulationen befeuerte und der BASF z. T. eine illegale Fortführung der Rüstungsproduktion un­terstellte. Die zunehmende Verengung der ohnehin nach gesinnungsjournalistischen Maßstäben geführten Debatte auf weitge­hend von ideologischen Prämissen geleitete Ursachendiskurse bedeutete unter diesen Umständen keine Überraschung. Die Au­torin vermeidet es deshalb aus guten Grün­den, sich mit den Einzelheiten des wenig überraschenden Debattenverlaufs zu lange aufzuhalten und legt stattdessen den analy­tischen Schwerpunkt auf die Versuche zur sprachlichen und assoziativen Aneignung des "Unfassbaren" und die visuelle Ver­mittlung des Unglücks; vor allem der letzt­genannte Abschnitt bildet aufgrund einer differenzierten Auseinandersetzung mit dem suggestiven und leicht instrumentali­sierbaren Medium Bild ein besonders ge­lungenes Element der Studie. Die Kapitel schließen sodann mit einer Rekonstruktion der wichtigsten Versuche, die letzten Endes sinnlosen Ereignisse in einen umfassen­deren Sinnzusammenhang einzubetten, wobei religiösen Erklärungsmustern und dem Verweis auf unberechenbare Natur­kräfte jeweils besondere Bedeutung zukam; eine markante Parallele konnte Sanner außerdem in Bezug auf die Prägekraft des Fortschrittsdiskurses feststellen, der sich offenbar schon so etabliert hatte, dass viele Stimmen Unglücke dieser Art als unver­meidliche Begleiterscheinungen der industriellen Entwicklung und 1948 z. T. sogar als "Schicksal" der Stadt einordneten.

Ansonsten löste die zweite Katastrophe jedoch ein weitgehend abweichendes Echo aus: Denn gelang es dieses Mal, die Hin­tergründe der Havarie relativ zügig aufzu­klären, trug das unter Kontrolle der Alli­ierten aufgebaute System der Lizenzpresse außerdem zu einer eher sachorientierteren Bewertung der Geschehnisse in den Print- Medien bei, was eine allzu aufgeregte Echtzeitberichterstattung im inzwischen weit verbreiteten Rundfunk allerdings teilweise wieder konterkarierte; die in der sowjetischen Besatzungszone präsentierten vermeintlichen Beweise für eine von den imperialistischen Westmächten provozierte »V-Katastrophe« wurden dagegen im üb­rigen Deutschland kaum ernst genommen. Bezüglich der Versuche, die Geschehnisse in ihrer Dimension begrifflich und in ge­danklicher Verknüpfung einzuhegen, sind 1948 – neben der abermaligen sprachlichen Überforderung der Beteiligten – vor allem die Aktualisierung der Erinnerungen an das Oppauer Unglück sowie an die noch sehr präsenten Bombennächte hervorzuhe­ben, wohingegen Analogien zum ›helden­haften‹ Sterben an der Front nun erwar­tungsgemäß keine Rolle mehr spielten.

Die in den vierten Kapiteln besproche­nen Formen der politischen Instrumenta­lisierung lenken den Blick schließlich auf verschiedene Ansätze, das einschneidende Geschehen mit den politischen Diskursen der Zeit zu verbinden und diese so – be­wusst oder unbewusst – zu stabilisieren; hierbei stehen Deutungen im Zentrum, die in Stellungnahmen führender Reprä­sentanten des öffentlichen Lebens sowie bei den Trauerfeiern in verbaler und non-verbaler Form zum Ausdruck kamen. In diesem Zusammenhang erweist sich die komparative Perspektive als besonders fruchtbar, da die Protagonisten in beiden Situationen einer z.T. sehr ähnlichen poli­tischen Konstellation gegenüber standen, sie jedoch jeweils sehr unterschiedlich deuteten: Denn konnte und sollte die gemeinsame Trauer 1921 das ansonsten äußerst distanzierte Verhältnis zwischen Deutschen und Franzosen unverkennbar nicht überbrücken, lobten die Kommentare 1948 beinahe unisono die von Franzosen und Amerikanern unter Beweis gestellte Hilfsbereitschaft als ermutigendes Zei­chen für eine friedliche Zukunft. Wie in Krisensituationen häufig zu beobachten, bemühten sich zahlreiche Politiker und Journalisten außerdem, die gemeinschafts­stiftende Dimension der Unglücke heraus­zustellen, was freilich sowohl 1921, aber vor allem 1948 unvermeidlich die Frage nach dem trauernden Kollektiv – Pfälzer, Bay­ern, Rheinland-Pfälzer, Deutsche? – nach sich zog; die kontroversen Debatten um die Identität der betroffenen Gemeinschaften hinterließen also auch im nationalen und regionalen Solidaritätsdiskurs ihre Spuren. Die beiden Unglücke gaben nicht zuletzt freilich auch Anlass zu einer erneuten Pro­blematisierung der Beziehungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer: Flammte dabei 1921 die Diskussion um die in der Revolution nicht erfüllten Forderungen nach einer Sozialisierung der Betriebe und der Abschaffung des Akkordsystems von Neuem auf, einte 1948 hingegen die Befürchtung anstehender Demontagen durch die Siegermächte Werksleitung, Ar­beiterschaft und Politik im gemeinsamen Widerstand.

Lässt man das erfasste, hier natürlich nur knapp rekapitulierte Reaktionspanora­ma schließlich in seiner Gesamtheit Revue passieren, ist der Autorin zu bescheinigen, dass sie den bei der Vorstellung des inno­vativen Untersuchungsdesigns entworfenen Rahmen gut ausgefüllt hat. Die Studie ist deshalb insgesamt als gelungener Beitrag zur bayerischen Landes- und pfälzischen Regionalgeschichte sowie zur Nachkriegs­forschung einzustufen, die ausgehend von zwei vergleichbaren, weite Kreise ziehen­den Ereignissen auch die Beziehungen zwischen Deutschland und den Sieger­mächten der beiden Weltkriege näher in den Blick nimmt. Unbeschadet dessen bleibt freilich noch kritisch anzumerken, dass wohl die Möglichkeit bestanden hät­te, insbesondere auf die Reaktionen der Betroffenen selbst stärker einzugehen: So deuten etwa Aussagen im Kontext der Entschädigungsverhandlungen darauf hin, dass die zur Legitimation der eigenen An­sprüche verfassten Dokumente durchaus Anknüpfungspunkte geboten hätten, um die Wahrnehmungsmuster der betreffenden Gruppen schärfer zu profilieren; bezüglich der Ludwigshafener Explosionskatastro­phe hätte wohl außerdem die Möglichkeit bestanden, durch Zeitzeugengespräche den zugegebenermaßen meist recht schmalen Fundus aussagekräftiger Ego-Dokumente etwas zu erweitern. Gerade in Hinblick auf die zahlreichen, von der Autorin er­mittelten Erkenntnisse ist außerdem zu bedauern, dass darauf verzichtet wurde, den Inhalt der Studie durch Personen- oder Sachregister zu erschließen und auf diese Weise für weitere Forschungen leichter zu­gänglich zu machen.