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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Aktuelle Rezensionen

Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Florian Hartmann (Hg.)

Brief und Kommunikation im Wandel. Medien, Autoren und Kontexte in den Debatten des Investiturstreits

(Papsttum im mittelal­terlichen Europa 5), Köln 2016, Böhlau, 401 Seiten
Rezensiert von Christof Paulus
Erschienen am 10.10.2017

Es waren vor allem Carl Mirbt (1860– 1929) und Carl Erdmann (1898–1945), die das Bild der sogenannten Streitschriften des Investiturstreits geprägt haben, zum Teil aber auch eine Einheitlichkeit der mit dem problematischen Begriff der "Publizi­stik" belegten Werke suggerierten, der bei genauerer Betrachtung nicht zu halten ist. Der hier nun anzuzeigende Sammelband, erwachsen aus einer Bonner Tagung des Jahres 2014, widmet sich gewinnbringend unter kommunikationsgeschichtlicher Pro­blemstellung den bekannten Medien und stellt dabei die Leitfrage nach der räumli­chen Dimension und den Kontexten der meinungsbildenden Streitkultur um 1100. Der sogenannte Investiturstreit wird hier­bei als zum Teil neue Eliten einbindendes "Kommunikationsereignis" begriffen, das sich vor allem auch der Polyfunktionalität des Mediums Brief bediente. Dabei pro­filierten die Autoren ihr argumentatives Instrumentarium je nach zu überzeugen­dem Adressatenkreis. Gerade von dieser neuerlichen Verortung der alten Texte geht ein wesentlicher Impuls der 16 Beiträge aus, denen der Herausgeber einen prägnan­ten forschungsgeschichtlichen Überblick voraus- und eine Zusammenfassung hint­angestellt hat.

Eingeleitet wird der Band durch einen souveränen Forschungsüberblick Rudolf Schieffers, der die wesentlichen Forschungs­thesen vom 19. Jahrhundert bis zur 2007 erschienenen Dissertation des Norwegers Leidulf Melve umreißt. Ebenfalls grund­sätzlicheren Charakter haben die Studien von Thomas Wetzstein, der "eine kommu­nikationsgeschichtliche Übergangsphase" (S. 67) oral-schriftlicher Prägung profiliert, von Oliver Münsch (zum Einsatz der fama) und Christian Heinrich, der eine Neudefini­tion des Begriffs "Streitschrift" anstrengt. Mit der Kurie und der päpstlichen Kanz­lei beschäftigt sich Jochen Johrendt ("Die papstgeschichtliche Wende scheint auch in Hinblick auf die Sprache der Urkunden, ihre Rhetorik, eine Entwicklung von der Passivität hin zur Aktivität befördert zu haben", S. 118), und Gerhard Lubich ver­gleicht die "Praxis der Herstellung von Öf­fentlichkeiten" zwischen Heinrich IV. und Heinrich V., wobei er gewisse Unterschiede – so die Tendenz zur Verallgemeinerung in einigen Zeugnissen des Sohnes –, vor allem aber auch die Gemeinsamkeiten betont.

Während Matthias Schrör die lavieren­de Politik Hezilos von Hildesheim auch in seinen Briefen erkennen will, widmet sich Roland Zingg vornehmlich der Brief­sammlung Anselms von Canterbury, bei der er weniger legitimatorische als vielmehr stilistische und "pastorische" Intentio­nen konturiert. Durch Vergleich mit den Streitschriften Sigeberts von Gembloux kommt Wilfried Hartmann zum Ergebnis, dass der "Tractatus de investitura episco­porum" diesem abzusprechen sei. Jeweils mit Rangerius von Lucca beschäftigen sich die Beiträge von Eugenio Riversi und Georg Strack, wobei die "Vita metrica Anselmi" als dialogisch angelegtes Werk zur Durch­setzung gregorianischer Prinzipien bei unentschlossenen Angehörigen der Ober­schicht interpretiert wird; andererseits wird der höchstwahrscheinliche Einfluss der "Sieben Bücher" Benzos von Alba auf die "Vita metrica" verdeutlicht. Eine auf die jeweiligen Adressaten bezogene Flexibilität in den Briefen Damianis arbeitet Nicolan­gelo D’Acunto heraus.

Mit "rezeptionsgeschichtlichen" Fra­gestellungen beschäftigen sich die Beiträge von Anja-Lisa Schroll und Lotte Kéry, wo­bei gezeigt wird, wie unterschiedlich das Cadalus-Schisma argumentativ instrumen­talisiert wurde, ein grundsätzlicher Befund, der sich auch in den kirchenrechtlichen Sammlungen des 11. Jahrhunderts spiegelt. "Kirchenrecht im Dienst der Reform" und "Kirchenrecht im Dienst des Papstes" sind nicht einfach gleichzusetzen (vgl. S. 380). Der Rezeption der Papstbriefe Nikolaus I. durch Autoren der Zeit der Kirchenreform widmet sich Klaus Herbers. Zuletzt be­leuchtet Matthias Becher die Vorgeschichte des Konfliktes zwischen Gregor VII. und Heinrich IV., betont dabei die quantitativ schleppende Kommunikation und die prin­zipielle Schicksalshaftigkeit der Eskalation.

Eine gewisse Heterogenität der Beiträ­ge zeigt sich im Bemühen, diese mit den doch recht offenen, kaum trennscharfen Begrifflichkeiten "Kommunikation und Dialog", "Tradition und Innovation", "Argument, Adressat und Adressaten" zu gliedern. Allerdings weisen die durch ein Personen- wie Ortsregister zu erschließen­den Beiträge einen methodisch geglückten Ansatz, die Quellenzeugnisse einer dif­ferenzierten Beurteilung zu unterziehen, andererseits auch konkret nach deren je­weiligen Sitz im Leben zu fragen. Immer deutlicher zeichnet sich dabei eine Vielzahl der Wege ab, welche durch den sogenann­ten Investiturstreit führten, der immer wieder zu neuen Deutungen herausfordert. So ist im Bezug auf den Sammelband ins­gesamt dem Urteil Rudolf Schieffers bei­zupflichten: "Ihn [den Investiturstreit] als Kommunikationsereignis zu begreifen ist mindestens ebenso gut begründet wie sein Verständnis als politisches Kräftemessen, als päpstliche Kirchenreform, als Ringen um die christliche Weltordnung oder als die erste europäische Revolution" (S. 41).