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Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde

Christian Schönholz

Rudolf Virchow und die Wissenschaften vom Menschen. Wissensgenerierung und Anthropologie im 19. Jahrhundert

Würzburg 2013, Königshausen & Neumann, 368 Seiten m. 2 Abb.
Rezensiert von Nicholas Eschenbruch
Erschienen am 04.10.2017

In seiner Studie setzt sich Christian Schönholz das Ziel einer „fach- und wisssenschaftshistorisch angelegten Werkanalyse“ (21) der Arbeit des Arztes und Gelehrten Rudolf Virchow (1821–1902). Diese Analyse wird geleitet von der Frage nach dem Interesse Virchows am Menschen und seinen kulturellen Erzeugnissen. Im Hintergrund steht dabei explizit ein Bild Virchows als eines möglichen Vorläufers der europäischen Ethnologie (15 f.), den für das Fach zu erschließen lohnenswert sei. Durch diesen Blickwinkel wird das zu analysierende Werk Virchows eingegrenzt auf seine gedruckt vorliegenden sozialmedizinischen und anthropologischen Arbeiten (20), die denn auch für die weitere Untersuchung sehr gründlich erschlossen und rezipiert wurden.

Schönholz durchmisst dieses Korpus in mehreren systematischen Schritten, beschäftigt sich nach einem biographischen Abriss (Kap. 2) zuerst mit Virchows Beiträgen zu Bevölkerungswissenschaft und Sozialmedizin (Kap. 3), dann mit den anthropologischen und ethnologischen Arbeiten (Kap. 4), um schließlich auf den Themenkreis „Zellen und Bakterien“ (Kap. 5) einzugehen. Unteraspekte der ersten beiden Themenkreise werden in thematischen Abschnitten systematisch referiert. Hier ist das Buch sehr gut gegliedert und die Darstellung anschaulich; man bekommt einen sehr lebendigen Eindruck der Breite des Werkes Virchows, des intellektuellen Klimas und der wissenschaftlichen Aufbruchsstimmung seiner Zeit. Der dritte Themenkreis unterscheidet sich in Aufbau und Anliegen etwas; die Virchow-Rezeption des Nationalsozialismus bildet hier den Fluchtpunkt sowohl einer Zusammenschau von Virchows Zellularpathologie und der Bakteriologie Robert Kochs als auch einer Diskussion von Virchows Haltung zum Judentum und seiner Diffamierung als Jude. Diese Themen wirken etwas eingeschoben, zumal ein reicher und gründlicher eigener Quellenbezug in den ersten beiden großen Themenfeldern nun immer mehr durch ausführlichen Rekurs auf die bekannte einschlägige Forschung – Philipp Sarasin, Christoph Gradmann, Marianne Hänseler u. a. – ergänzt wird.

Erst gegen Ende des Buches werden zentrale Bezugspunkte der angekündigten Analyse – die frühe Volkskunde, die Anthropologie – dann systematischer eingeführt. Abschließend kommt Schönholz zu dem Schluss, dass diese beiden Wissensgebiete zur Zeit Virchows noch im Entstehen waren, und Virchow nicht sinnvoll innerhalb der frühen Volkskunde verortet werden könne (313): „Virchow war genauso wenig Volkskundler wie Riehl Anthropologe war.“ (324) Das ist wenig überraschend, zumal sogar der Autor seinen eigenen Vergleich mit Riehl offenbar für nicht unbedingt naheliegend hält (314).

Am Ende wird im Fazit noch einmal ein großer Anspruch aufgebaut: Schönholz möchte einen Beitrag zur Identitätsdiskussion seines Faches leisten (325), und zwar unter drei Überschriften: „Kulturgeschichte ist Medizingeschichte“ (326), „Kontextualistische Modelle von Krankheit“ (327) und „Körperlichkeit als ethnologisch-anthropologische Konstante“ (329). Erstaunlicherweise sind dies drei Perspektiven, die schon viele Jahre, an vielen Universitäten und in einigen Fächern – der Geschichtswissenschaft, der Medizingeschichte, der Ethnologie, aber eben auch der Europäischen Ethnologie – fester Bestandteil einführender Seminare zu medizinisch-historischen Themen sind, und denen schon seit vielen Jahren ein eigenes Netzwerk der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde gewidmet ist. Ihr identitätsstiftender Neuigkeitswert erschließt sich hier leider nicht. Überraschenderweise endet das Buch dann auf den letzten Seiten mit noch einer neuen Perspektive, einer Referenz an die „Science and Technology Studies“, die bislang – ebenso wie die Kulturgeschichte – im Text eigentlich keine Rolle spielten, und definitiv nicht die Perspektive von Schönholz’ Untersuchung prägen: Gerade ihren Anspruch einer „Rekonstruktion anthropologischer Wissensgenerierung“ (Klappentext) löst diese – wenn überhaupt – sicher nicht im Sinne der „Science and Technology Studies“ ein.

Abschließend bleibt der Eindruck, dass der Autor sich auf schwierigem Terrain sehr viel vorgenommen hat und es im Verlauf der Untersuchung mit steigendem Anspruch immer weniger gelingt, deren Erkenntnisinteressen, methodisch-theoretische Perspektiven, zusätzliche Narrationsstränge und fachpolitische Referenzen im Griff zu halten. Das ist schade, denn das Buch beweist durchaus Quellenkenntnis, erzählerisches Talent, Gründlichkeit und Übersicht über das Fach. Weniger wäre hier vielleicht mehr gewesen.