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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Aktuelle Rezensionen

Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Thomas Fischbacher (Hg.)

Die Ho­henzollern in Brandenburg. Gesichter einer Herrschaft

(Einzelveröffentlichung des Brandenburgischen Landeshauptarchivs 15), Regensburg 2015, Pustet, 275 Seiten, zahlr. Abbildungen
Rezensiert von Rainald Becker
Erschienen am 04.10.2017

Historische Herrscherpersönlichkeiten in ihrem Kontext vorzustellen, auf diese Kurzformel lässt sich das Anliegen des Sammelwerks über die Hohenzollern in Brandenburg bringen. Das von Thomas Fischbacher herausgegebene Buch knüpft an die "neo-dynastische" Welle der jüng­sten Forschung an. Im Fall der Hohen­zollern ist hier an den äußerst erfolgrei­chen Band von Frank-Lothar Kroll über "Preussens Herrscher" zu denken. Wie jener wendet sich das hier zu besprechende Buch auch an ein breites Publikum. Seine reichen Illustrationen tragen diesem Wir­kungsziel Rechnung, wobei sich mit der Bildauswahl programmatische Absichten konzeptioneller Art verbinden: Es geht tat­sächlich um "Herrschergesichter", wie sie uns im jeweils zeitgenössischen Fürstenbild auf gotischen Altarbildern, in Druckgra­phiken, im barocken Herrscherporträt, auf Medaillons und Münzen oder in der Photographie entgegentreten können. Deren historischen Zeugniswert möchten die Autoren für die einzelnen Epochen der Landesgeschichte in essayartigen Darstel­lungen erschließen. Auf den Gesichtern der Fürsten offenbaren sich charakteristi­sche Züge, die Brandenburgs Geschichte unter der Ägide der Hohenzollern von 1415 bis 1918 geprägt haben.

Der originelle Ansatz eröffnet ein ebenso facettenreiches wie überraschendes Panorama: Die Eindrücke reichen von den Territorialisierungs- und Residenz­bildungsprozessen des späten Mittelalters um Berlin-Cölln (Kurfürst Friedrich II., 1440–1470) über das der Reformation wi­derstreitende Fürstengewissen (Kurfürst Joachim I., 1499–1535) bis hin zum visuell aufbereiteten Herrscherlob um die "gro­ßen" Kurfürsten und Könige Friedrich Wilhelm (1640–1688), Friedrich III. (als König in Preußen Friedrich I., 1688–1713) und Friedrich II. (1740–1786). Aspekte der Kommunikations- und Mentalitätsge­schichte kommen zur Sprache, etwa am Beispiel des ausgeklügelten Botensystems, mit dem Albrecht Achilles (1470–1486) als Kurfürst und Markgraf seine weit aus­einanderliegenden Herrschaftsbereiche in Brandenburg und Franken zusammenhielt. Das Buch ist nicht blind für die Leistun­gen der Herrscherinnen. So ist auch die Geschichte der Kurfürstinnen berücksich­tigt. Als kinderreiche Mütter garantierten sie die beachtliche Überlebensdauer der Dynastie.

Mitunter wirkt das kulturalistische Interpretament deutlich überzogen – so einmal in pseudo-freudianischer Überspan­nung: Ist hinter jeder Kanonendarstellung im Herrscherporträt des 18. Jahrhunderts ein "Sexual- und Männlichkeitssymbol" (S. 168) zu vermuten, wie mit Blick auf den "männerliebenden" König Friedrich Wil­helm II. (1786–1797) nahegelegt wird? Zum anderen in gequälter Habitussoziologie: Ist der komplexe Kaiser Wilhelm II. (1888– 1918) wirklich adäquat erfasst, wenn man ihn gewissermaßen hipsterartig auf seine Vorliebe für exzentrische Kleidung und Barttracht reduziert? Kritisch zu bewerten ist die Verlegung des Anmerkungs- und Literaturapparats in den Rückteil des Bu­ches. Zwar kommt für den common reader der Fließtext auf erfrischendem, roman­haftem Niveau daher. Für den "professio­nellen" Leser ist aber das Nachschlagen im eng gesetzten Anmerkungsteil lästig.

Insgesamt gesehen, ist dem Potsdamer Landeshistoriker Thomas Fischbacher und seinem Autorenteam ein guter Wurf gelungen. Die vergleichsweise unbekann­ten Exponenten des brandenburgischen Hauses Hohenzollern sind zusammen mit ihren bedeutenden Kollegen in neues Licht getaucht. Als mutig ist das Bekenntnis zum biographischen Erkennen und Schreiben zu loben. Nicht zuletzt dokumentiert der Sammelband das innovative Potential des landesgeschichtlichen Forschens. Indes bleibt dies ein leerer Trost, nachdem sich die aktuell tonangebende Wissenschafts-und Kulturpolitik in Bund und Land (vor allem in Brandenburg und Berlin), aber auch an den "Landesuniversitäten" der Aufgabe regionalhistorischer Identitäts-und Traditionsbildung ideologisch entle­digt hat.