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Aktuelle Rezensionen

Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde

Stefan Groth / Regina F. Bendix / Achim Spiller (Hgg.)

Kultur als Eigentum: Instrumente, Querschnitte und Fallstudien

(Göttinger Studien zu Cultural Property, Bd. 9), Göttingen 2015, Universitätsverlag, V, 444 Seiten m. Abb., Tab.
Rezensiert von Kurt Luger
Erschienen am 05.10.2017

Es ist ein höchst ambitioniertes Ziel, als Rezensent einem thematisch so vielfältigen Band gerecht zu werden, der mit insgesamt 21 Beiträgen, die auf die Interdisziplinarität des Zugangs verweisen, einen veritablen Pflock einschlägt und einen hohen Anspruch in seiner umfassenden Betrachtungsweise stellt. Das Team der Herausgeber und wohl auch etliche der Autoren kooperieren miteinander oder kennen einander seit Jahren. Ihr gemeinsames Interesse an der „Vereigentümlichung von Kultur“ – so heißt es in der Einleitung – scheint mir einherzugehen mit einem neuen politischen Bewusstsein des Faches der Kulturanthropologie, die mit ihrem Fokus auf das Alltagsleben ja auch die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse im Auge hat.

Jedenfalls wird Kultur in diesem Band nicht nur als symbolisches Ordnungssystem oder als Lebensart oder als Gesamtsystem immaterieller Praktiken interpretiert, das eine Generation an die nächste weiterreicht und damit auch Transformation erfährt. All das trifft natürlich zu, aber darüber hinaus existiert auch ein Set von materiellen Hervorbringungen, von tangiblen Artefakten, die entweder als kulturelle Eigenart, als wertschöpfungsrelevante Besonderheit oder als kulturelles Erbe in den ökonomischen Verwertungskreislauf ihrer Gesellschaft beziehungsweise der Weltgesellschaft integriert werden. Durch Kultur findet eine Gesellschaft zu ihrer Form, nannte das der Kultursoziologe Georg Simmel schon vor einhundert Jahren, somit ist die Anerkennung ihrer Aufeinanderbezogenheit auch entscheidend für die Positionierung im wissenschaftlichen Diskurs.

Ist das gesellschaftliche System ein kapitalistisches, so ist logischerweise auch die kulturelle Ordnung danach geformt, schreibt Immanuel Wallerstein in seiner Weltsystemtheorie. Kein Wunder also, dass im Zeitalter des globalen Netzwerkkapitalismus die Frage nach dem Besitz des Erbes und der Verfügungsmacht von Eigentum von zentraler Bedeutung ist. Höhepunkte architektonischen Erbes etwa werden zur Ressource und Attraktion für den Tourismus, indigenes Wissen über Pflanzen oder natürliche Heilmittel dienen der Pharmaindustrie und der Warenwert beziehungsweise die Marktgängigkeit dieses Erbes dominieren über die Notwendigkeit seiner Bewahrung oder Tradierung des Authentischen, zumal in der Postmoderne ein Ursprungszertifikat kaum mitgeliefert und ein urheberrechtlicher Anspruch zumeist ignoriert wird.

Der Band gliedert sich in drei Sektoren. Im ersten findet eine vorwiegend beschreibende Erfassung von Bereichen statt, in denen Cultural Property konstituiert wird – in Form von Konventionen, Gremien und Instrumenten. Im zweiten werden zentrale Handlungsmotive und Legitimationsweisen der Inwertsetzung von Kultur erörtert, etwa Mechanismen der Umwandlung historischer commons in Eigentumsrechte, und im dritten Sektor werden Fallstudien präsentiert, die die Problematik des speziellen Beispiels analysieren und reflektorisch in einen größeren Zusammenhang stellen.

Im ersten Teil werden somit die grundlegenden Konventionen dargestellt und einer kritischen Würdigung unterzogen, auf die sich die Kapitel im hinteren Teil des Buches beziehen. So diskutieren Brigitta Hauser-Schäublin und Regina F. Bendix die völkerrechtlich bindende Welterbe-Konvention, mit der Kulturgüter als Erbe der Menschheit zugleich subsidiär geschützt werden sollen. Diese Schwachstelle wird oft genug ausgenutzt, um die normative Kraft des Gesetzes zu umgehen und den Schutzgedanken zu perforieren. Die Bemühungen des Welterbezentrums der UNESCO, den Selektionsprozess transparent zu machen und im Management den sites zur Seite zu stehen, werden als wichtige Schritte zu größerer Effektivität gewürdigt. Welterbe heißt aber auch zugänglich machen, die hohen Kulturleistungen vermitteln, und daher hat die UNESCO kürzlich eine Richtlinie im Sinne eines nachhaltigen Tourismuskonzeptes verabschiedet, die im Welterbe-Management zu verfolgen ist.

Eine ähnlich grundlegende Betrachtung liefern Aditya Eggert und Sven Mißling zum UNESCO-Übereinkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes. Die Frage der Inwertsetzung stellt sich beim immateriellen Kulturerbe im Sinne von lebendigen Traditionen vielleicht in noch größerem Ausmaß. Mündlich überlieferte Traditionen, darstellende Künste wie Musik und Tanz, gesellschaftliche Bräuche und Rituale, Wissen in Bezug auf die Natur und das Universum oder traditionelle Handwerkstechniken sind Bestandteile der Alltagskultur beziehungsweise kultureller Identität. Damit sind sie noch unmittelbarer dem rapiden technischen Wandel ausgesetzt.

In weiteren Beiträgen werden die verschiedenen Instrumente zum Schutz beweglicher materieller Kulturgüter auf nationaler wie internationaler Ebene beleuchtet. Geographische Herkunftsangaben als Schutzinstrumente der Europäischen Union für regionale Spezialitäten – siehe den Beitrag von Katia L. Sidali, Sarah May, Achim Spiller und Bernhard Tschofen – sind ein Beispiel für die Anerkennung kulturellen Eigentums, dem Geschmack und kulturelles Gedächtnis zugesprochen wird. Im Begriff des terroir kommen Bodenbeschaffenheit und Mikroklima als Bestandteil der Qualität eines regionalen Produktes zum Ausdruck. Anne Splettstößer und Alper Tasdelen stellen in ihrem Beitrag dar, dass Kulturgüter in massivem Umfang durch Raubgrabungen, Diebstahl und illegalen Handel bedroht werden und dagegen auch eine Reihe von Maßnahmen getroffen worden sind. Am Beispiel der großräumigen Zerstörung von Kulturgütern in Syrien wird aber gerade vorgeführt, dass die internationalen Konventionen und Gesetze, ausgehend von der Haager Schutzkonvention, im Falle von bewaffneten Konflikten oder Kriegen nicht ausreichen.

Das Konzept des kulturellen Erbes ist ein der europäischen Moderne inhärentes Phänomen. In den empirischen Kulturwissenschaften geht man davon aus, dass Kulturerbe nicht einfach ist, sondern gemacht wird – kulturellen Artefakten, Formen, Praktiken, Objektivierungen ein Stempel aufgedrückt wird, der zu einer Steigerung von symbolischem Kapital führt. In diesen Prozess der „Heritageifizierung“ sind sämtliche Formen von Kommunikation eingebunden. Materielle wie immaterielle Kultur werden mit einem Prädikat heritage ausgezeichnet, damit in ein neues höherwertiges Referenzsystem gestellt und mit neuen Deutungen versehen. Diesem Thema widmet sich auch Regina F. Bendix in ihrem Beitrag „Eigentum, (Kultur)Erbe und Wert“, wobei sie die alte Debatte von höherwertiger Kultur und alltäglichen Praktiken auf kritische Weise belebt, den Abstieg von Hochkultur in eine profane Medienkultur diskutiert und gleichzeitig von einer Veredelung durch „Heritageifizierung“ spricht. Karlheinz Wöhler nennt es eine „Quasi-Sakralisierung“, wenn es ein Bauwerk, eine Altstadt, ein Naturraum oder eine Kulturlandschaft auf die Welterbe-Liste der UNESCO schafft (in: Kurt Luger u. Karlheinz Wöhler [Hgg.]: Welterbe und Tourismus. Schützen und Nützen aus einer Perspektive der Nachhaltigkeit. Innsbruck/Wien/Bozen 2008, S. 43–58).

Die Fallstudien fußen zum größten Teil auf Feldforschungen und beleuchten spezifische Probleme oder Praktiken der Inwertsetzung von Landschaften, Kulturgütern oder Produkten. Am Beispiel des Parmigiano Reggiano (PR) wird von Achim Spiller, Bernhard Tschofen, Sarah May und Katia Laura Sidali etwa die räumliche Identität einer Marke – in diesem Fall eines italienischen Hartkäses, der seit dem 14. Jahrhundert in klösterlichen Gruppen hergestellt wird – beschrieben. Heute produzieren 390 Käsereien diesen PR, wobei das Konsortium in den 1930er Jahren schon im Sinne einer Genossenschaft gegründet wurde. Das Label und die geschützte Ursprungsbezeichnung wurden 1996 eingeführt und der Beitrag verweist auf die Bedeutung des Marketings, zeichnet aber auch die Probleme nach, die sich innerhalb des Konsortiums zwischen den größeren Käsereien in den Gunstlagen und den kleinen in entlegenen Berggebieten entfalteten. Dies führte letztlich zur Gründung eines Subkonsortiums PR Terre de Montagna und zur Etablierung eines neuen Labels, das den symbolischen Wert eines Bergproduktes mit dem Nachhaltigkeitskonzept fusioniert.

Kulturelles Erbe als Wert verweist auf Vergangenheit und Zukunft, spiegelt die spätmoderne Besessenheit von Geschichte, ist typisch für die gegenwärtige Kulturproduktion, für die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen und seine wirtschaftliche Inwertsetzung. Die Entdeckung von Differenzen zu früheren Kulturformen und Traditionen bilden den Motor für die Konzeptualisierung des kulturellen Erbes in der Moderne. In der Abgrenzung vom vermeintlich Anderen, sowohl räumlich, zeitlich als auch sozial, werden Besitzansprüche am Erbe zur geeigneten Projektionsfläche bei der Erfindung der eigenen Kultur und relevant für die Herausbildung kultureller wie nationaler Identität.

Die Gedächtnisfunktion der Kultur – ein Ensemble von materiellen wie immateriellen Symbolen einer Gesellschaft – wird in der Interaktion zwischen Individuum und Gruppe stärker akzentuiert. Diese Stützen der Erinnerung materialisieren sich etwa in Texten oder Riten. Sie formen sich im kulturellen Gedächtnis beziehungsweise im kommunikativen Gedächtnis, werden weitergegeben, geteilt, sozial wie wirtschaftlich bedeutsam in Wert gesetzt.

Kommunikatives Gedächtnis wird durch den Einsatz der Medien zu öffentlicher Erinnerungskultur, es entstehen Erinnerungsmilieus, Gedächtnisgemeinschaften, Erinnerungsfiguren in Form von Gedenktagen oder Denkmälern als Fixpunkte einer manifesten kulturellen Identität, die über Zugehörigkeits- und Ausschließungsrituale funktioniert. Auf der politischen Ebene werden mediale Inszenierungen zu staatstragenden Ereignissen, der Gründungsmythos eines Staates und die „Erfindung von Tradition“ zu Sinnbildern einer vorgestellten Gemeinschaft. Von besonderer Bedeutung in diesem Zusammenhang sind die Lesarten der Populärkultur, denn die populären Medien, analog wie digital, sind gewichtige Einflussfaktoren bei der Entwicklung eines alltagsweltlichen kommunikativen Gedächtnisses und der Kommodifizierung desselben. Sie sind als Marketinginstanzen die Transporteure jeglicher Botschaften, die eine große Öffentlichkeit erreichen beziehungsweise beeinflussen sollen und sie bringen Trends, Moden sowie ganze Lebensstile in die Umlaufbahn, wie am Beispiel der Tracht oder der neuen Heimatwelle gut nachvollziehbar ist.

Die meisten Beiträge dieses Buches bringen neue Facetten und interessante Problematiken in den Diskurs ein, reflektieren bekannte Wissensbestände und entlocken auf diese Weise neue Sichtweisen, kreative Ideen oder regen zum Überdenken von bestehenden Standpunkten an. Jedenfalls wird mit diesem Werk die pivotale Bedeutung des Erbes, seiner Erhaltung und Pflege, insbesondere aber auch seiner Nutzbarmachung und Lebendigkeit im ökonomischen Sinne zur Aufrechterhaltung des lebenssichernden Haushaltes, als wesentliche Frage in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung unterstrichen.