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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Eva Bendl

Inszenierte Geschichtsbilder. Museale Sinnbildung in Bayerisch-Schwaben vom 19. Jahrhundert bis in die Nachkriegszeit

(Bayerische Studien zur Museumsgeschichte, Bd. 2, hg. von der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern), Deutscher Kunstverlag, Berlin/München 2016, 324 Seiten, 54 Abbildungen
Rezensiert von Egon Johannes Greipl
Erschienen am 05.10.2017

Eva Bendl, Kulturhistorikerin, Schülerin von Marita Krauss in Augsburg und seit 2016 Mitarbeiterin am Schwäbischen Volkskundemuseum Oberschönenfeld, stellt, ausgehend von der Tatsache, dass Museen das Geschichtsbild der Menschen beeinflussen, am Beispiel der schwäbischen Museumslandschaft zwei Fragen: Wer waren die Museumsleiter, Museumsbetreuer und Museumsgestalter, die über die Deutungshoheit verfügten und die Geschichtsbilder beeinflussten? Wodurch sind diese Geschichtsbilder bestimmt und in welcher Weise wandeln sie sich im Lauf der Jahrzehnte in der Zeit zwischen der Mitte des 19. und der Mitte des 20. Jahrhunderts? Der hohe Reiz dieses Ansatzes liegt darin, dass sich innerhalb des Untersuchungszeitraums viermal tiefgreifende politische und gesellschaftliche Systemwechsel ereignen: 1871, 1918, 1933 und 1945. Wo liegen personell, museumsfachlich und ideologisch die Kontinuitäten und wo die Diskontinuitäten? Die Autorin setzt sich in gründlicher Analyse und systematischer Darstellung mit diesen Fragen auseinander. Sie kommt zu einem überzeugenden Ergebnis nicht zuletzt deshalb, weil ihre Untersuchung auf einer präzisen Kenntnis der jeweiligen Sammlungen und vor allem auf einer breiten Grundlage von ungedruckten Schriftquellen aus 18 kommunalen und staatlichen Archiven sowie einer Fülle von gedruckten Quellen ruht. In einem ersten Kapitel gibt Eva Bendl einen Überblick über die Begriffs- und Sachgeschichte des Museums, über die Rolle der Objekte als Bedeutungsträger und über die Geschichtsbilder erzeugende Funktion, die aus den Museen kultur- und geschichtspolitische Orte werden lässt. Die folgenden fünf Kapitel gehen der Frage nach der musealen Sinnstiftung in chronologischer Weise nach, um schließlich mit einer Bilanz und einem Ausblick auf die Entwicklung nach 1950 zu schließen. Die Ergebnisse bewegen sich auf der Bandbreite zwischen erwartet und überraschend: In Schwaben lassen sich drei Phasen der Museumsentwicklung unterscheiden. Die bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts entstandenen Museen Lauingen, Augsburg und Neuburg a. der Donau konzentrierten sich zunächst analog zum Spätklassizismus und Neuhumanismus auf die provinzialrömische Epoche. In einer zweiten Welle entstanden Museen in Augsburg und Nördlingen, die ihren Schwerpunkt auf das Mittelalter und auf die reichsstädtische Geschichte legten. Nach 1871 kam es im deutschsprachigen Raum zu einem Museumsboom, an welchem das bayerische Schwaben mit den Neugründungen Kaufbeuren, Memmingen, Obergünzburg, Dillingen und Lindau Anteil hatte. Seit der Jahrhundertwende entwickelte sich in diesen Museen unter dem Eindruck der Industrialisierung und der Landflucht und eines insgesamt einschneidenden gesellschaftlichen und sozialen Wandels die „Heimat“ zum zentralen Motiv, bestimmt durch Idealisierung der agrarischen Welt und des Handwerks und, im Gegenbild, durch eine skeptische bis ablehnende Haltung gegenüber Industrie und Großstadt. Nach dem Umbruch von 1918/19 änderte sich daran wenig. Allerdings machte sich der Wegfall der Monarchie als gesamtbayerischer Identifikationsfaktor bemerkbar: Die Aufsichts- und Beratungstätigkeit des Landesamts für Denkmalpflege wurde in Schwaben zunehmend unwillkommen. Im Jahre 1924 entstand der Schwäbische Museumsverband, dem sich beinahe alle Museen im bayerischen Schwaben und viele württembergische Museen anschlossen. Das Museumspersonal und damit die Museen standen der Weimarer Republik reserviert bis ablehnend gegenüber, die Mehrheit schloss sich später, angesichts ihres sozialen und politischen Umfelds kaum überraschend, der NSDAP an und setzte der Gleichschaltung der Museen und ihrer ideologischen Instrumentalisierung in den Präsentationen nur wenig Widerstand entgegen. Schon zu Beginn des Zweiten Weltkriegs war allgemein bekannt, dass das Reichsgebiet durch den Luftkrieg bedroht war. Konsequent konzentrierten sich die Museen ab 1940 auf die Sicherung der Objekte durch Auslagerung und mehr oder weniger geeignete Luftschutzmaßnahmen im Museum selbst. Am Ende des Krieges waren dann alle Museen im bayerischen Schwaben geschlossen. Die Bemühungen um die Wiedereröffnung setzten noch 1945 ein und fanden eine gewisse Sympathie und Unterstützung bei den Besatzungsmächten, die in Kunst und Kultur ein brauchbares Element für die Programme der Reeducation erblickten. Die Kontinuität der in den schwäbischen Museen vor und nach 1945 tätigen Personen, das Fehlen der „Stunde Null“, ist, wie in fast allen anderen Bereichen, eindrucksvoll. Dies trifft auch auf die Präsentationen zu: Natürlich verschwanden sämtliche NS-Bezüge, aber eine kritische Beleuchtung der vergangen zwölf Jahre unterblieb, und die Schrecken des der Krieges waren kein Thema. Hingegen erlebten das „Heimatmuseum“ bzw. das „Reichsstadtmuseum“ der Kaiserzeit und der Weimarer Republik nach 1945 ihre Wiederauferstehung. Erst in den 1970er Jahren kam wirklich Neues, neue Themen, neue Perspektiven, neue Präsentationsweisen und neue Museen. In ihrem Ausblick auf diese Wendezeit und auf das Museumswesen der Gegenwart identifiziert Eva Bendl einen ganzen Katalog von Entwicklungen und neuen Strategien im Bereich der klassischen Felder Inventarisation, Konservierung und Vermittlung. Dabei weist sie auf ein lohnendes Forschungsfeld hin: Die Frage nach dem von den Museen seit den 1970er Jahren vermittelten Geschichtsbildern. Den neutralen Hinweis auf die „Zeiten knapper finanzieller Mittel für kulturelle Belange“ seit den 1990er Jahren (S. 290) hätte die Autorin unbedingt ergänzen müssen: Es handelt sich hier nicht um eine strukturelle Knappheit, sondern um eine bewusste, sich in den öffentlichen Haushalten ausdrückende, politische Wertentscheidung gegen die kulturellen Belange. Vor beinahe hundert Jahren schon hat der Staatswissenschaftler Rudolf Goldscheid festgestellt, dass das Budget den tatsächlichen Geist der Institutionen offenbare; es sei gleichsam das aller verbrämenden Ideologie entkleidete Gerippe des Staates. Besonders dankbar ist der Leser für die vielen, kaum oder gar nicht bekannten historischen Fotografien: Die Ausstellung „Unserer Väter Werke“, gezeigt 1876  im Münchener Glaspalast (Abb. 7), der Benimmratgeber „Das Verhalten in Museen und Kunstausstellungen“ von 1908 (Abb. 2), die vollkommen frauenfreien Gruppenaufnahmen der Tagungen des Schwäbischen Museumsverbandes von 1928/29 (Abb. 27, 28), der skandalumwitterte Vitrinenbruch des Jahres 1930 im Maximiliansmuseum Augsburg (Abb. 38), die Luftschutzmaßnahmen von 1941 im Heimatmuseum Lindau (Abb. 51- 54) und natürlich die Ansichten vieler Innenräume mit den jeweils zeittypischen Präsentationsweisen. Kurzbiographien der maßgeblichen schwäbischen Museumsbetreuer im Untersuchungszeitraum und ein Personenregister erschließen den Band.