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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Aktuelle Rezensionen

Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde

Ute Elisabeth Flieger / Barbara Krug-Richter / Lars Winterberg (Hgg.)

Ordnung als Kategorie der volkskundlich-kulturwissenschaftlichen Forschung. Hochschultagung der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde an der Universität des Saarlandes im September 2014

(Saarbrücker Beiträge zur Historischen Anthropologie, Bd. 1), Münster/New York 2017, Waxmann, 244 Seiten m. Abb.
Rezensiert von Burkhart Lauterbach
Erschienen am 06.10.2017

Der Titel des Sammelbandes, der die Vorträge der Hochschultagung der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde 2014 in Saarbrücken enthält, könnte nahelegen, dass wir uns in unserer Disziplin primär mit Vorschriften befassen, mit Dienstordnungen und Arbeitsordnungen, mit Urlaubsregelungen und dergleichen mehr. Indes, es geht um etwas anderes: Unsere komplexe Welt funktioniert nämlich nicht nur mithilfe von deutlichen und nachdrücklichen Geboten und Verboten, sondern nicht minder auf der Basis von allzu leicht undurchschauten Ordnungssystemen, welche sich im Rahmen von „Kultur“ abspielen. Der Jenenser Volkskunde-Kongress verfolgte bereits im Jahr 2001 das Ziel, ein möglichst breites Spektrum von kulturellen Ordnungssystemen inhaltlich, methodologisch und theoretisch zu entfalten und zu diskutieren. Bei diesen Regelsystemen des Alltags dachte man damals an jeweilige Ausprägungen von individuellen Biographien ebenso wie an vorherrschende Zeitstrukturen in Arbeit und Freizeit, an ästhetische und räumliche Orientierungspraktiken ebenso wie an soziale Beziehungssysteme, an geschlechtliche und generationale Differenzierungen ebenso wie an intrakulturelle sowie interkulturelle Formen des Austauschs von Kommunikation. [1] Und die Funktion des hier anzuzeigenden Bandes, der möglicherweise nicht von ungefähr in demselben Verlag erschienen ist wie der Kongressband, ist es, eine Art Upgrade zu liefern, dies allerdings nur für eine begrenzte Anzahl von Forschungsfeldern.

Abgesehen davon, dass vier der 2014er Saarbrücker Tagungsvorträge nicht im Sammelband enthalten sind, was bedauert werden darf, fällt es auf, dass Leopold Schmidts Bestimmung unseres Faches als „Wissenschaft vom Leben in überlieferten Ordnungen“ (1947) ebenso wie Karl-Sigismund Kramers angeblich statisches Verständnis einer rechtlichen Volkskunde (1974) und ebenso wie Ina-Maria Greverus’ Konzept einer „kulturellen Ordnung“ (1978) nur noch in Randbemerkungen angesprochen werden, mithin keine zentrale Rolle mehr spielen. Dies mag man ebenso bedauern, denn es wird letztlich nicht mehr debattiert, woher die diskutierte Kategorie der Ordnung im Rahmen unserer Disziplin stammt und was sie einstmals und was sie heute bedeutet. Denn eines ist klar: Mit der Kategorie wird gearbeitet, gleich ob man sich mit Systematiken alltagskultureller Sammlungen, als Lebensordnungen, im Umfeld des Instituts für Landeskunde und Regionalgeschichte des Landschaftsverbands Rheinland befasst (Katrin Bauer) oder mit der operativen, inventarisierenden und visuellen, Ordnung eines so benannten Wissenschaftsamateurs (Gudrun M. König u. Michaela Haibl), mit dem Verhältnis von europäisch-ethnologischer Forschung zur museologisch-materiellen Dokumentation (Markus Walz) oder mit Bezügen zwischen Ordnungssystemen und Tabuvorstellungen (Daniel Habit), mit den Wandlungen der Bedeutung des Zuckers für Handel und Konsum (Kerstin Poehls) oder mit Ordnungspraktiken auf dem Feld der Politik (Jonathan Roth), mit religiösen Ordnungskonzepten am Beispiel der Herrnhuter Brüdergemeine (Stephanie Böß) oder mit dem Verhältnis von Architektur und symbolischer Ordnung im Kontext von Kirchenräumen (Jens Wietschorke), mit Ordnungsfunktionen im Fußballstadion (Susan Gamper) oder mit Vorstellungen von Stadt und Land einschließlich der Konsequenzen (Olaf Kühne u. Antje Schönwald), schließlich mit Herstellungs- und Wiederherstellungskonzepten, bezogen auf die Entwicklung Münchens (Simone Egger).

Die Tagung selbst verfolgte das Ziel, so schreibt das Herausgeberteam im Vorwort, die „weitergeführte konkrete Nutzbarkeit“ der Ordnungs-Kategorie vorzuführen, aus der eigenen Sicht offensichtlich mit erfolgreichem Ausgang, denn da ist auch die Rede davon, „wie gewinnbringend deren Anwendung ist“ (8). Nun, dem lässt sich nicht widersprechen, zumal eine alternative Kategorie derzeit (noch) nicht zur Verfügung steht.

[1] Silke Göttsch u. Christel Köhle-Hezinger (Hgg.): Komplexe Welt. Kulturelle Ordnungssysteme als Orientierung. Münster u. a. 2003.