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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Aktuelle Rezensionen

Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Katharina Weigand / Jörg Zedler (Hgg.)

Ein Museum der Bayerischen Geschichte

München 2015, Herbert Utz Verlag, 637 Seiten, 75 Abb.
Rezensiert von Egon Johannes Greipl
Erschienen am 06.10.2017

Am 20. April 2010 war auf der Homepage der LMU zu lesen, dass am 28. des Monats  unter dem Titel „Ein Museum der bayerischen Geschichte“ im Audimax die neue Bavaristische Ringvorlesung mit einem Vortrag von Professor Karlheinz Dietz aus Würzburg beginnen werde. Titel: „Der Grabstein der Sarmannana zu Regensburg“.  Mancher Kenner glaubte, der Administrator der Homepage habe sich verschrieben, weil diese frühe bayerische Christin bislang stets den Namen Sarmannina trug. In der Vorlesung selbst erfuhr er interessierte Hörer dann, dass die Frau Sarmanna hieß. Diese und die vielen anderen Neuigkeiten der Ringvorlesung von 2010 sind nun in einem stattlichen Sammelband nachzulesen. Was für herrliche Exponate versammelt dieses virtuelle Museum! Wie viel Geschichte und wie viele spannende Geschichten stecken in diesen kostbaren, oft empfindlich-filigranen, manchmal erschütternden Objekten aus vierzehn Jahrhunderten, deren Überdauern Wunder und Geschenk zugleich ist: Der Domschatz zu Monza (Volker Bierbrauer), der Tassilokelch (Heinz Dopsch +), Die Ulrichskasel (Martin Kaufhold), der Bamberger Sternenmantel (Rudolf Schieffer), das Passauer Giselakreuz (Egon Boshof), der Braunschweiger Löwe (Knut Görich), Die Würzburger Kiliansfahne (Helmut Flachenecker), das Goldene Rössl (Claudia Märtl), Adam Krafts Relief an der Nürnberger Stadtwaage (Rainer Gömmel), der Schriftaltar in der Spitalkirche von Dinkelsbühl, das Sandtner-Modell der Stadt Landshut (Thomas Paringer), des Winterkönigs Hosenbandorden (Christoph Kampmann), die Münchener Mariensäule (Johannes Erichsen), die Zelte aus der Türkenbeute (Markus Junkelmann), der Kölner Prunkornat des Kurfürsten Clemens August (Reinhold Baumstark), die Huldigungstafel der Juden aus dem Rathaus von Ichenhausen (Rolf Kießling), die bayerische Königskrone (Hannelore Putz), das Glas, aus dem der spätere König Ludwig I. auf Napoleons Untergang trank (Katharina Weigand), Fraunhofers Prismen-Spektrograph (Wolfgang M. Heckel), Das Lokomotivenmodell aus dem Maximilianeum in München (Hermann Rumschöttel), die Herzurne des Märchenkönigs in Altötting (Hans-Michael Körner), der erste Dieselmotor (Bernhard Löffler) und die Flugblätter der Weißen Rose (Hans Günter Hockerts). Inwieweit können solche Objekte neben der Faszination und dem Staunen auch historische Information vermitteln und Sachquellen sein? Die diesbezüglichen Möglichkeiten und Grenzen zeigen sich in den Beiträgen dieses Bandes deutlich. Manche Autoren erzählen „entlang am Objekt“ die allgemeine Geschichte, andere referieren die Geschichte des Objekts selbst oder seine Bedeutung und Funktion im Zusammenhang mit einem Ereignis, wieder andere deuten das jeweilige Objekt als Ausdruck von Zeitgeist und Mentalität. Das Buch hat übrigens einen aktuellen politischen Aspekt und eine Stoßrichtung: Es ist die kritische Reaktion auf den in der Regierungserklärung (2008) von Ministerpräsident Seehofer verkündeten Plan, ein Museum der Bayerischen Geschichte zu errichten. Dieses Museum wächst derzeit in Regensburg aus dem Boden und kann es im Stadtbild mit dem Dom aufnehmen. Die Bedenken und Argumente gegen das Regensburger Museumsprojekt, welche die Herausgeber im Vorwort zum virtuellen Museum zwischen den zwei Buchdeckeln anführen, erinnern an längst geschlagene Schlachten, vor allem an die Diskussionen um Max Spindlers und Hubert Glasers Ideen zum Haus der Bayerischen Geschichte in den 1960er und 1970er Jahren. Wer das Konzept des Regensburger Hauses kennt, der weiß, dass dort kein klassisches Museum als Schatzhaus kostbarer Kunstobjekte zu erwarten ist, sondern ein Informationstempel ganz neuer Art. Das Missverständnis ließe sich leicht vermeiden, wenn man über das Regensburger Unternehmen nicht in goldenen Lettern „Museum der Bayerischen Geschichte“, sondern in Neon-Leuchtschrift „Haus der Bayerischen Geschichte“ schriebe. Wer die Geschichte Bayerns kennt und liebt, ist aber auch für das virtuelle Museum dankbar, das in diesem Buch errichtet ist – und er nimmt schmunzelnd bis nachdenklich zur Kenntnis, dass auch die Liste der 25 Autorinnen und Autoren dem musealen Anspruch Rechnung trägt: Mehr als die Hälfte sind Pensionäre oder bereits verstorben. Der Frauenanteil beträgt, ganz wie in alten Zeiten, zwölf Prozent, immerhin noch alle im aktiven Berufsleben!