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Aktuelle Rezensionen

Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde

Christine Bischoff / Karoline Oehme-Jüngling / Walter Leimgruber (Hgg.)

Methoden der Kulturanthropologie

(UTB 3948), Bern 2014, Haupt, 571 Seiten m. Abb.
Rezensiert von Andreas E. Schmidt
Erschienen am 09.10.2017

Dieses Buch war längst überfällig. Insofern sei den Herausgebern des Bandes gedankt, dass sie hiermit Studierenden des Faches ein Einführungswerk zur Verfügung stellen, das diese von der Notwendigkeit entbindet, sich hinsichtlich der korrekten Anwendung empirischer Methoden zuerst und meist auch ausschließlich in den sozialwissenschaftlichen Einführungen umzuschauen. In acht Kapitel gegliedert, folgt das Buch dem Vorgang wissenschaftlicher Durchdringung. Am Beginn steht das Entwickeln eines Forschungsinteresses und das Konzipieren des Forschungsunternehmens (Kap. I). Von welchen Fragen ein kulturwissenschaftliches Durchdringen von Alltagsprozessen und Strukturen begleitet sein soll, bereitet gerade StudienanfängerInnen große Probleme. Deshalb ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass theoretische Konzepte und Einblicke in die zu erforschenden Zusammenhänge es erst ermöglichen, sinntragende Fragen zu formulieren. Dass Christine Bischoff daraus ableitet, die empirische Forschung solle eine Bedingung für das Studium der Kulturanthropologie sein (30), diskreditiert dagegen zahlreiche hoch ambitionierte anthropologische und kulturanthropologische Unternehmungen der letzten 100 Jahre, wohl aus dem Missverständnis heraus, die Kulturanthropologie sei eine Wissenschaft, die sich nur der Theorien aus anderen wissenschaftlichen Disziplinen bediene, allerhöchstens Theorien mittlerer Reichweite formuliere.

 In Kapitel II bis V werden empirische Zugänge vorgestellt: Zunächst wird auf die originär empirischen Methoden Beobachtung und Interviewführung eingegangen, im Folgenden werden die Methoden historisch und biographisch (Kap. III), visuell und semiotisch (Kap. IV) sowie (im)materiell (Kap. V) dimensioniert. Den Abschluss des Bandes bilden drei Kapitel, die sich der Auswertung der gewonnenen Daten, der Retheoretisierung und der Organisation der Forschungsergebnisse widmen.

Alle Beiträge folgen einem ähnlichen Muster, das mittlerweile in zahlreichen Einführungswerken zu finden ist und dadurch gekennzeichnet ist, Wissen zu segmentieren, zu hierarchisieren und zu strukturieren. So werden in Textboxen zentrale Begriffe und Definitionen, Kernaussagen und Thesen, Übungen und weiterführende Literaturhinweise geboten. Diese erwecken den Anschein von (Be-)Deutungsmacht, und erzeugen dadurch einen Wahrhaftigkeitskredit, der gerade bei StudienanfängerInnen die Illusion nährt, kulturwissenschaftliche Erkenntnisse ließen sich objektivieren und auf Gesetzmäßigkeiten reduzieren. So wird nicht immer offensichtlich, warum zum Beispiel bestimmte Literatur ausgewählt wurde und andere nicht: Dass der Beitrag von Sebastian Mohr und Andrea Vetter über „Körpererfahrung in der Feldforschung“ mit ganzen drei Literaturhinweisen schließt, einem Aufsatz von Marcel Mauss, der „Phänomenologie der Wahrnehmung“ von Maurice Merleau-Ponty und einer sehr speziellen Studie von Annemarie Mol, die – das muss ich zugeben – mir vollkommen unbekannt war, schließt für StudienanfängerInnen leider immer die Vorstellung mit ein, damit sei die wichtigste Literatur benannt. Gerade in Hinblick auf die Literaturhinweise wäre es meines Erachtens notwendig gewesen, verschiedene Richtungen und Denktraditionen zu benennen, um den Studierenden hilfreicher zur Seite zu stehen. Die Verwandlung wissenschaftlichen Denkens in hergerichtete Häppchen folgt dagegen einer Schulbuchprosa, die es geradezu darauf anlegt, Selbstdenken und Selbstfinden zu blockieren. Glücklicherweise machen die AutorInnen jedoch in unterschiedlichem Umfang davon Gebrauch.

Diese kritischen Anmerkungen treffen auf zahlreiche Einführungswerke zu und sind auch den wissenschaftspolitischen Entwicklungen geschuldet, die eher die Ausbildung von WissensagentInnen als von WissenschaftlerInnen zum Ziel haben. Die HerausgeberInnen der hier vorliegenden Einführung in die Methoden der Kulturanthropologie scheinen sich dieser Gefahren bewusst zu sein, denn jenseits dieser Textboxen, der durchgängig umgesetzten Gliederung, zunächst die Methode in ihrer Anwendung vorzustellen – häufig auch durch ein Beispiel –, ihre Möglichkeiten und Grenzen auszuloten und ihre kulturanthropologische Relevanz in einem Fazit zu benennen, sowie der engen Vernetzung der Beiträge durch Querverweise, lassen sie den AutorInnen größtmögliche Freiheit in der Akzentuierung und Konzeptionalisierung der Beiträge. Das hat wiederum zur Folge, dass die Qualität der Beiträge sehr stark schwankt. Neben sehr konstruktiven, weil am Exempel dargebotenen Methodenreflexionen (z. B. die Beiträge von Francesca Falk oder Werner Bellwald) und streng an dem methodischen Aufwand orientierten Beiträgen (z. B. die Beiträge von Klaus Schriewer und Simone Egger) finden sich auch Beiträge, die verkürzen (etwa Oliver Kiefl, der nicht wie angekündigt über die Diskursanalyse, sondern über die wissenssoziologische Zurichtung der Diskursanalyse durch Reiner Keller schreibt) oder verengen (etwa Marketa Spiritova, die narrative Interviews auf ihre biographische Variante reduziert).

Trotz dieser kritischen Bemerkungen und mit Blick auf das ganze Projekt liegt hier ein Buch vor, das für StudienanfängerInnen sehr hilfreich sein kann, da es ein weites Feld kulturanthropologischer Methoden benennt und vorstellt und zugleich für den (selbst-)kritischen Umgang mit den Besonderheiten der Methoden sensibilisiert.