Kommission für bayerische Landesgeschichte

Die Alpen als historischer Raum

Ziele und erste Ergebnisse der Historikertreffen der Arge Alp 1981-2000

Im Auftrag des bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst betreut die Kommission fachlich die von der Arbeitsgemeinschaft Alpenländer (ARGE ALP) getragenen, auf eine überregionale historische Forschung im Alpenraum gerichteten Projekte und Unternehmen. Im Juni 1996 hat der damalige Wissenschaftliche Sekretär der Kommission, Dr. Erwin Riedenauer, über "Die Historikertreffen der Arbeitsgemeinschaft Alpenländer / Kommission III (Kultur) - eine teil-institutionalisierte Arbeitsplattform" berichtet; dieser Beitrag ist im Jahrbuch für Regionalgeschichte und Landeskunde 21 (1997/98) im Druck erschienen und wird im folgenden leicht gekürzt bzw. aktualisiert zur Kenntnis gebracht.

Die "Arge Alp" ist ein auf politischer Ebene zwischen nunmehr 11 Ländern, Regionen und Provinzen derjenigen Staaten, welche Anteil am zentralen Alpenraum haben, vereinbartes Organ der Zusammenarbeit, das in solchen Belangen, welche nicht der jeweiligen Zentralregierung (in Rom, Wien, Bern oder Berlin) vorbehalten sind, eine konkrete gemeinsame Bewältigung von Aufgaben und Problemen zum Zweck hat. Dem ursprünglichen Schwerpunkt von Wirtschaft und Verkehr entsprechend widmet sich die erste von fünf ständigen Kommissionen den Verkehrsproblemen; die weiteren Kommissionen fördern die Anliegen der alpinen Wirtschaft (II Umweltschutz, Raumordnung und Landwirtschaft; zunächst "Berglandwirtschaft"), der Kultur (III), von Gesundheitswesen, Sozial- und Familienpolitik (IV) sowie der Wirtschaft generell. Einmal jährlich treffen sich die Regierungschefs, um die von den insgesamt vier Kommissionen der Arge Alp vorgeschlagenen und vorbereiteten Maßnahmen zu beraten und ggf. zu beschließen. Ein Teil der Kosten wird nach einem bestimmten Schlüssel aufgeteilt, ein Teil der Kosten wird von demjenigen Mitgliedsland getragen, das eine Veranstaltung ausrichtet. Dies gilt auch für die Historikertreffen der Arge Alp, die seit 1981 zunächst in jährlicher Folge, dann mit zwei oder drei Jahren Abstand stattfanden; für September dieses Jahres liegt eine Einladung des Kantons Tessin vor.

Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft - in der strengen alphabetischen Folge, welche politischen Kontakten angemessen ist - sind das Bundesland Baden-Württemberg, der Freistaat Bayern, die Autonome Provinz Bozen-Südtirol, der Kanton Graubünden, die Region Lombardei, das Land Salzburg, der Kanton St. Gallen, der Kanton Tessin, das Land Tirol, die Autonome Provinz Trient und das Land Vorarlberg. Die Kommissionen bestehen aus jeweils einem hochrangigen Ministerialbeamten als Mitglied und bestellen zusätzlich ein Regierungsmitglied zu ihrem Vorsitzenden, wobei man einen gewissen Turnus zu beobachten bedacht ist. Die Kommission III (Kultur) hat zur Zeit den baden-württembergischen Kultusminister zum Vorsitzenden gewählt und den Staatsarchivar Dr. Walter Lendi in St. Gallen mit der Betreuung der Aktivitäten der Historiker betreut.

Teilnehmer der Historikertagungen sind zunächst aus jedem Mitgliedsland drei "Delegierte", deren Spesen das entsendende Land trägt; einer von ihnen wird als Referent bestellt. Darüber hinaus ergeht Einladung an fachlich kompetente Historiker in den Mitgliedsländern und darüber hinaus sowie an die interessierte Öffentlichkeit des Tagungsortes und der Umgebung. Als Vortragende und delegierte Teilnehmer findet sich in der Regel ein engerer Kreis von Landeshistorikern ein, die von Anfang an besonders engagiert an der Aufgabe mitgearbeitet haben, über Staatsgrenzen und nationale Forschungsbereiche hinweg die Alpen als einen historischen Raum zu sehen und historische Gemeinsamkeiten zu erarbeiten. In offiziellen Dokumenten führen diese die Bezeichnung "Experten". Ein besonderes Gewicht besitzen in diesem Kreis die Archivare, da es außer in Bayern und in dem jüngst hinzugekommenen Baden-Württemberg historische Kommissionen, denen solche Aufgaben in erster Linie zu übertragen gewesen wären, nicht gibt. Was die Vortragenden betrifft, ist es öfters vorgekommen - ich halte dies für sinnvoll - , daß für zentrale, schwierige Themen fachlich speziell ausgewiesene Referenten von "außerhalb" gebeten und gewonnen wurden.

Dies meine ich also mit dem Begriff "teil-institutionalisiert": eine Folge von Arbeitstreffen, die einem gemeinsamen wissenschaftlichen Projekt dienen und ein Publikationsforum gefunden, auch eine gewisse Tradition entwickelt haben, aber in Terminsetzung und Finanzierung ganz, in Themenwahl und Beschickung mindestens formal von ad hoc getroffenen Beschlüssen der politischen Ebene abhängig sind. So ergab es sich etwa, daß das Thema von 1984 "Die Alpenländer zur Zeit Napoleons", in Tirol abgehandelt, sich in den Rahmen des Andreas-Hofer-Gedenkens (175 Jahre Berg Isel) einfügen hatte und 1986 in Salzburg "Die Römer im Alpenraum" gewissermaßen zum Begleitprogramm für eine dort angesetzte archäologische Fachtagung zu dienen hatte; aber noch die für 1990 in Graubünden geplante Tagung mußte um ein Jahr verschoben werden, um besser in das Festprogramm "700 Jahre Schweizerische Eidgenossenschaft" zu passen. Daneben gab es mehrere Versuche, die Arge Alp als Schutzherrn in Anspruch zu nehmen, so 1987 für ein Salzburger Symposion "Archäologische Probleme der Eisenzeit", das den Untertitel "Eine Veranstaltung der Arbeitsgemeinschaft Alpenländer" erhielt, und 1992 für eine Tiroler Tagung "Bergbau und Handel im Alpenraum in der Ur- und Frühgeschichte".

Ich blende zurück auf die Anfänge 1980/81, indem ich aus dem Vorwort zur Publikation der Referate von Feldkirch zitiere. Landeshauptmann Dr. Herbert Keßler, der damalige Vorsitzende der Kulturkommission, schreibt: "Im Zuge der Ausweitung der Zusammenarbeit im Bereich der Kultur haben die Regierungschefs der [damals] acht in der Arbeitsgemeinschaft Alpenländer zusammenwirkenden Regionen und Länder in ihrer Konferenz in München am 15. Juni 1979 beschlossen, daß künftig Diskussionen von Geschichtsexperten der einzelnen Länder über die historischen Zusammenhänge in den Ländern der Alpenregion stattfinden sollen. Am 23. Jänner 1980 fand in Feldkirch eine vorbereitende Tagung von Geschichtsexperten statt, um über die Möglichkeiten zu beraten, wie sich dieser Beschluß der Regierungschefs in die Tat umsetzen ließe. Dabei wurde grundsätzlich festgelegt, daß dazu die jährliche Veranstaltung eines Historikertages der zielführendste Weg sei, dessen Ergebnisse in italienischer und deutscher Sprache zu veröffentlichen wären."

Nach dem an gleicher Stelle angesprochenen Grundsatz, für die Historikertreffen solche Themen zu wählen, welche mindestens die Mehrheit der Mitgliedsländer betreffen, wurde im März 1981 in Feldkirch in insgesamt elf Vorträgen das Thema "Zentralismus und Autonomie im Alpenraum in der napoleonischen Zeit" behandelt. Es ist sicher kein Zufall, daß damals ein historisches Thema gewählt wurde, dessen Bezüge zur aktuellen Diskussion über Föderalismus und Subsidiarität sowohl in den Staaten, welche heute föderalistisch strukturiert sind, als auch in dem im Aufbau begriffenen "gemeinsamen Haus Europa" auf der Hand liegen. Vereinbarungsgemäß wurden die in Deutsch und Italienisch gehaltenen, jeweils simultan übersetzten Referate - ebenso wie Vorwort, Einführung und Zusammenfassung der Tagungsergebnisse - für den Druck sämtlich in die andere Tagungssprache übersetzt; die Veröffentlichung geschah als Amtsdrucksache in der Reihe "Bollettino di informazione - Informationsblatt" der Arbeitsgemeinschaft Alpenländer.

Die 1982 in Trient folgende Tagung ging ins Grundsätzliche, und zwar, wie Umberto Corsini in seiner Eröffnung ausführte, in Fortführung mehrerer Publikationen und Tagungen, die sich mit der Rolle und dem Stand der Landesgeschichte kurz zuvor auseinandergesetzt hatten. "Entstehung und Aufgabe landesgeschichtlicher Forschungseinrichtungen im Bereiche der Arge Alp" lautete das Tagungsthema, das mit der Vorstellung vor allem auch des historischen Vereinswesens einen sehr detaillierten Einblick in die Schwerpunkte und wichtigsten Ergebnisse der landesgeschichtlichen Arbeit vermittelte, nicht zuletzt auch in Form wertvoller Literaturhinweise. Für die in der Arge Alp zusammengeschlossenen Regionen "stellt die Landesgeschichte ihr echtes historisches Wesen dar", sagte Corsini ("Per i Paesi, le Regioni dei quali, o Provincie o Länder o Cantoni, compongono il territorio dell'Arbeitsgemeinschaft der Alpenländer, la storia regionale costituisce il loro vero essere storico.").

Mit Rücksicht auf den grundlegenden Charakter dieser Beiträge seien sie einzeln zitiert: Andreas Kraus, Landesgeschichtliche Forschungseinrichtungen in Bayern; Georg Thürer, Geschichtswissenschaft in der deutschsprachigen Schweiz - Träger und Grundfragen der Forschung; Franz Huter, Die landesgeschichtliche Forschung in den historischen Ländern Salzburg, Tirol und Vorarlberg; Fulvio Salimbeni, I centri italiani di ricerche di storia regionale; Maria Garbari, Storia e storiografia nel Trentino nei secoli XVIII-XX. Accademia e Società; Josef Nössing, Vereine und Institutionen landesgeschichtlicher Forschung in Südtirol; Erich Egg, Die Geschichtsvereine in Tirol; Fritz Koller, Landesgeschichtsforschung in Tirol; Karl Heinz Burmeister, Historische Vereine und Einrichtungen in Vorarlberg; Ernst Ziegler, Entstehung und Aufgaben landesgeschichtlicher Forschungseinrichtungen im Kanton St. Gallen; Silvio Margadant, Entstehung und Aufgaben landesgeschichtlicher Forschungseinrichtungen im Kanton Graubünden.

Ergänzend zu diesen Referaten über die landesgeschichtliche Forschung in den einzelnen Ländern hatte ich damals Gelegenheit, programmatische Gedanken über "Die Geschichte des Alpenraums als Feld überregionaler Forschung" vorzutragen (eine erweiterte Fassung in ZBLG 46, 1983, 593-606), die mich schon längere Zeit beschäftigt hatten, und zwar ausgelöst von dem gravierenden Mangel einer tauglichen kartographischen Darstellung der geschichtlichen Verhältnisse und Entwicklungen im Alpenraum. Kurz zuvor hatte sich in einer kleinen Broschüre die 1979 beschlossene und der Vorarlberger Landesbibliothek angeschlossene "Dokumentationsstelle der Arge Alp" vorgestellt und über die Erschließung zum Beispiel der Feldkircher Tagung hinaus als "weitere Aufgaben" formuliert: Erstellung einer fortlaufenden, jährlich erscheinenden Bibliographie, die thematisch auf die Arbeitsbereiche der vier Kommissionen der Arge Alp ausgerichtet ist - Herausgabe eines Archiv- und Bibliotheksführers - Erstellung und Veröffentlichung einer Bibliographie aller im Bereich der Arge Alp erschienenen Heimatbücher - Einrichtung eines Fernleihesystems auf der Grundlage regional-spezifischer Kataloge der jeweils wichtigsten Literatur. Über die Arbeit der Dokumentationsstelle der Arge Alp ist wenig bekannt; ihre Aufgaben dürften ganz auf die Bedürfnisse von Politik und Verwaltung ausgerichtet sein. Einem Protokoll von 1989 ist zu entnehmen, daß sie in sehr schmaler Besetzung arbeitet, ein Archiv für Protokolle, Arbeitsunterlagen, Bild- und Tonträger unterhält, mehrere Tageszeitungen und Zeitschriften auswertet sowie einen Pressespiegel und einen Jahresbericht erstellt. Dieser Dokumentationsstelle wurde eine von Eduard Hanslik mit Unterstützung der Hanns-Seidel-Stiftung in München angelegtes Dossier über landesgeschichtliche Forschungsstätten (einschließlich Museen) übergeben. Ein Archivführer ist 1995 erschienen: Die Staats- und Landesarchive in der Arbeitsgemeinschaft Alpenländer (Arge Alp). ... . Im Auftrag der Archivdirektorenkonferenz der Arge Alp hrsg. von der Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns ..., München 1995.

Meinen Beitrag in Trient stellte ich unter die Prämisse, "daß es der Alpenraum in ganz besonderer Weise verdiene, als eine nicht nur geographische, sondern auch historische Landschaft erkannt und in gemeinsamem Bemühen erforscht zu werden". Als Idealvorstellung bezeichnete ich "die Beauftragung einer weitgehend unabhängigen, wissenschaftlich angesehenen Institution, um eine vorurteilsfreie und am Bedürfnis der Wissenschaft orientierte internationale Zusammenarbeit ... ins Leben zu rufen, zu koordinieren und Schwerpunkte und Initiativen dafür zu setzen. Aber auch ein Vorgehen in kleinen Schritten und ohne aufwendige Institutionalisierung wäre denkbar und förderlich." In diesem Sinn sprach ich davon, den Anfang, der mit Vorträgen, Tagungen und Symposien schon gemacht sei, zu ergänzen durch Publikationen, Forschungsaufträge, Preisaufgaben und eine gezielte Vergabe von Dissertationen. Zweitens sei an die Einrichtung einer bibliographischen Arbeitsstelle mit (u.a.) dem Auftrag, für eine Sofortinformation über einschlägige Neuerscheinungen zu sorgen, zu denken - ein Vorschlag, der seitdem vielfältig sekundiert wurde. Aus der Erkenntnis heraus, daß es sehr schwierig ist, "aus den vorliegenden nationalen und regionalen Kartenwerken zur Geschichte ein anschauliches historisches Verständnis des Alpenraums und seiner zentralen Bedeutung in der Geschichte Europas zu gewinnen", trug ich dann vor allem vor, "daß eine gemeinsame Arbeit an einem Historischen Atlas der Alpenländer nicht nur eines der dringendsten und erstrebenswertesten Fernziele historisch-landeskundlicher Forschung darstellen, sondern schon während der Planung und in den ersten Arbeitsphasen die Historiker im Alpenraum zu fruchtbarer konkreter Zusammenarbeit zusammenführen würde." Ich erörterte dann kurz zwei technische Varianten und präsentierte, in 18 Punkte gegliedert, den Entwurf einer Disposition für ein solches Kartenwerk.

So stand dann dieses Projekt im Raum, und ebenso die Frage, in welcher Weise die Historikertreffen, die man sich ja damals in jährlicher Folge dachte, planmäßig weitergeführt werden könnten. Bereits im Rahmen der Tagung wurden konkrete Vorschläge vorgetragen; aber noch war nicht klar, in welchem Maße und in welcher Weise die Politik einen Teil ihrer Planungshoheit der Geschichtswissenschaft abtreten würde. Die Tagungen 1983 in München "Vermittlung der Geschichte" und 1984 in Hall in Tirol "Die Alpen im Zeitalter Napoleons" brachten interessante Vorträge; doch zeigte sich mit immer größerer Deutlichkeit, daß aus administrativen oder landespolitischen Motiven gewählte Tagungsthemen nicht der Weisheit letzter Schluß sein konnten. Einen großen Fortschritt bildete daher das erstmals 1984 praktizierte Verfahren, die für das Folgejahr in Bad Ragaz vorgesehene Tagung über "Die ländliche Gemeinde" durch einen Kreis von Landeshistorikern - in der Praxis meist Archivare - vorberaten zu lassen. Am 19.4.1985 beschloß die Kommission III, daß ein Expertengremium unter Federführung des Kantons St. Gallen ein langfristiges Konzept für die Historikertagungen ausarbeiten solle. Am 7. November 1985 trat daraufhin in Mailand unter dem Vorsitz des Leiters des Amtes für Kulturpflege des Kantons St. Gallen, Dr. Walter Lendi, eine "Studienkommission ad hoc" zusammen, die sich folgende Beratungspunkte gestellt hatte und auch schriftlich dazu vorgelegte Äußerungen in ihrem Bericht vom 20.2.1986 auswertete: zeitliche Folge der Historikertreffen, Publikation der Ergebnisse, Erweiterung des Teilnehmerkreises, weitere Themen. Es ergab sich, daß eine große Zahl wichtig erscheinender Themen vorgeschlagen wurde; im übrigen sollten der Kommission III folgende Empfehlungen unterbreitet werden:

"Die verhältnismäßig große Zahl von beachtenswerten Themenvorschlägen läßt es als ratsam erscheinen, die Historikertagungen in einem jährlichen Rhythmus fortzuführen. Durch die längerfristige Planung und durch eine frühzeitige Zuteilung von Themen an einzelne Länder (drei Jahre zuvor) kann eine sorgfältige Vorbereitung sichergestellt und eine Überforderung der Organisation vermieden werden. Es werden im einzelnen folgende Themen (Arbeitstitel) vorgeschlagen:

- 1987 Frühe Wandmalereien im Alpenraum

- 1988 Die Rolle der Frau im Wandel der Zeit

- 1989 Verkehrswege und Verkehrsmittel im Alpenraum

- 1990 Geschichte des Theaters im Alpenraum

- 1991 Landwirtschaft im Alpenraum in der frühen Neuzeit (16501800)

- 1992 Mittelalterliche Baukunst aus der Lombardei im Alpenraum

- 1993 Die Alpen - bildungspolitische Ghettos? (19. Jahrhundert)

- 1994 Wirtschaftliche Migration in den Alpen in der frühen Neuzeit (1600-1800)

- 1995 Wallfahrtsorte im Alpenraum

- 1996 Veränderungen der Handelsbeziehungen in den Alpenländern unter dem Einfluß der Industrialisierung (19./20. Jahrhundert)

- 1997 Die Gewässer: Regulierung und Nutzung (Bewässerung, Transportwege, Energiequelle)

- 1998 Geldgeschichte des Alpenraumes"

Diese Vorschläge wurden nur zum kleineren Teil umgesetzt; sie konnten auch gar nicht realisiert werden, weil entgegen diesen Empfehlungen die Treffen nur mehr jedes zweite, zum Schluß nur mehr jedes dritte Jahr durchgeführt wurden. Die Finanzierung (vor allem der Simultanübersetzung) wurde schwieriger, und Fragen der Zuständigkeit dürften da und dort auch eine Rolle spielen. Immerhin wurde seitdem die Schlußempfehlung beachtet - "der Grundsatz einer frühzeitigen Planung und der Beizug von Fachleuten".

Als auf der Archivdirektorenkonferenz im Februar 1986 in Chur diese Planung fortgeschrieben werden sollte, ergab sich zunächst das grundsätzliche Problem, ob die Archivdirektoren über Planungen entscheiden sollten, welche nicht das Archivwesen, sondern die historische Forschung betreffen. Man legte daher der Kulturkommission den Antrag vor, zu der für Februar 1987 in Bozen geplanten Archivdirektorenkonferenz auch Landeshistoriker der Regionen und Länder der Arge Alp beizuziehen, um gemeinsam über die Thematik und Periodizität der künftigen Historikertagungen zu beraten. Inzwischen hatte jedoch der Sozialhistoriker Prof. Pierangelo Schiera in Trient ein eigenes ausführliches Tagungsprogramm vorgelegt, und wohl mit Rücksicht darauf wurde schon zum 30.5.1986 eine Studienkommission ad hoc "Zukunft der Historikertagungen" nach Trient einberufen, an der neben Archivdirektoren und Kulturbeamten fünf Universitätsprofessoren teilnahmen. Schiera zielte auf eine "Gebirgsgeschichte", eine "Geschichte der Lebensverhältnisse der Bergbevölkerung"; die dagegen geäußerten Bedenken machten geltend, daß das flache Voralpenland nicht gut aus der Betrachtung ausgeklammert werden könne, daß ein so umfassenden Programms die Möglichkeit einer Steuerung der universitären Forschungsprojekte voraussetze und daß der Entwurf eine Erweiterung besonders durch politische und verfassungsgeschichtliche Themen erfordere. Als "Grundlage für die zukünftigen Historikertagungen", nämlich im Sinn eines "Korbs", aus dem von Fall zu Fall wichtige Themen auszuwählen wären, wurde der von Schiera inzwischen revidierte Entwurf angenommen. Außerdem stimmte das Gremium einer Durchführung im zweijährigen Turnus zu.

Auf der folgenden Sitzung der Studienkommission, wiederum in Trient abgehalten am 24.10.1986, wurden diese Beschlüsse nochmals in solcher Form zur Diskussion gestellt, daß man einerseits wünschte, für besonders dringlich erscheinende Themen auch zwischen den regulären Treffen eine Tagung anberaumen zu können, andererseits dem Programm Schieras "Per una storia della montagna in area alpina" Varianten und Alternativen gegenüberstellte. Im wesentlichen ging es darum, eine gewisse epochenmäßige Schichtung einzubringen und die staatlich-politische Komponente stärker zu betonen sowie das Übermaß sinnvoll zu reduzieren.

Damals wie heute stehe ich zu meiner Überzeugung, daß - im Sinne des in seiner Art faszinierenden Entwurfs von Schiera - "der Mensch im Alpenraum" sehr wohl gedanklicher Leitfaden sein solle, aber nicht gewissermaßen zerlegt werden dürfe, um aus seinen Lebensbedürfnissen und Lebensäußerungen eine Gliederungssystematik zu gewinnen. Es erscheint mir zweckmäßiger, die äußere Gliederung eines erstrebten Gesamtprogramms nach Lebensbedingungen und Lebensformen auszurichten, weil solche Themenbereiche 1. leichter zu definieren und gegeneinander abzugrenzen sind und 2. leichter von einem Kreis von Historikern mit dem Schwerpunkt Landesgeschichte bestritten werden können, ohne in ungebührlichem Maße Archäologen, Geographen, Volkskundler und Soziologen heranziehen zu müssen. Bei den letztgenannten Disziplinen bestünde wohl auch ein gewisses Risiko, daß sie zu sehr von gegenwärtigen Phänomenen und Problemen ausgehen.

Am 11.12.1986 trat in Innsbruck der in Trient bestellte Redaktionsausschuß zusammen, um als Beschlußgrundlage für die Kommission III ein Statut für die Historikertagungen mit entsprechender Präambel und einem Themenkatalog zu formulieren. Mit Zustimmung des Autors wurde der Entwurf Schieras teils gerafft, teils ergänzt, um in dieser Form als Themenkatalog der Kulturkommission zugeleitet zu werden. Für die unmittelbar folgenden Tagungen lagen vier ausgearbeitete Projekte vor und wurden in die unmittelbare Planung einbezogen. Unterm 3.2.1987 legte Dr. Lendi den Bericht der Studienkommission ad hoc mit Beilagen der Kommission III vor mit dem Antrag, Statut und Themenkatalog zum Beschluß zu erheben.

Für mich persönlich war ein wichtiges Anliegen und Motiv für die Mitarbeit die Absicht, auch in diesem Rahmen die Notwendigkeit einer sicher längerfristigen, aber eben doch dringlich erscheinenden Bearbeitung historischer Karten für den gesamten Alpenraum bewußt zu machen und - als Fernziel - die Arbeit an einem Historischen Atlas des Alpenraums in die Wege leiten zu können. Es bestand nie ein Zweifel, daß Organisation und Finanzierung ganz erhebliche Hindernisse darstellen würden, zumal sich die im Alpenraum aktiven Landeshistoriker auf keine Institution im eigentlichen Sinn stützen können, sondern in ihrer Zusammenarbeit weitgehend auf die "teil-institutionalisierte" Form der Historikertreffen angewiesen sind. Von privater Seite und amtlichen Einrichtungen ermutigt und unterstützt konnte ich immerhin dem Tagungsband Meran eine Karte "Heilbäder im Alpenraum" mit einem Erläuterungsheft beigeben. Diese Karte ist zugleich als Blatt 1 der Serie "Karten zur Geschichte des Alpenraums, hsg. von der Arbeitsgemeinschaft Alpenländer, Kommission III (Kultur)" gekennzeichnet.

Vorangegangen war bereits in Trient 1982 ein erster Gedankenaustausch über die Notwendigkeit verstärkter Bemühungen auf dem Gebiet der historischen Kartographie im und für den Alpenraum. Als Ergebnis der Beratungen in Trient vom 24.10.1986, bestätigt durch den im Dezember 1986 in Innsbruck zusammengetretenen Redaktionsausschuß, enthält der Bericht der Studienkommission vom 3.2.1987 den Vermerk "Dem Antrag Bayerns (Dr. Riedenauer), die Ergebnisse der Historikertagungen für einen historischen Alpenatlas nutzbar zu machen, wurde zugestimmt. Einzelheiten werden jedoch Gegenstand späterer Beratungen sein." Der Arbeitskreis für Historische Kartographie in der Arbeitsgemeinschaft landesgeschichtlicher Kommissionen und Institute in der Bundesrepublik Deutschland veröffentlichte eine Empfehlung. Die Regierungschefs der Arge Alp übernahmen diese Anregung und beauftragten im Juni 1988 die Kulturkommission, "in Fortführung der bisherigen Bemühungen um kartographische Arbeitsgrundlagen mit Unterstützung der Kommission Raumordnung, Umweltschutz und Landwirtschaft ein Kartenwerk in Angriff zu nehmen, in dem die geschichtliche Entwicklung in wichtigen kulturell und räumlich bedeutsamen Bereichen wiedergegeben wird" (Beschluß 6.2.13). Das Historikertreffen in Meran gab dann Gelegenheit, im Expertenkreis die Probleme der Grundkarte, die Gestaltung der unmittelbar ins Auge gefaßten Bäderkarte und das künftige Kartenprogramm im einzelnen zu erörtern, ein von Min.-Dirigent Franz Kerschensteiner im Februar 1989 einberufenes Rundgespräch vermittelte die notwendigen Absprachen mit dem Bayerischen Staatsministerium für Landesentwicklung und Umweltfragen, das für die Arge Alp die Durchführung kartographischer Projekte übernommen hatte.

Als weitere Kartenprojekte wurden "Die historische Staatlichkeit und Verwaltung im Alpenraum" (Territorien 1500 / 1790) und "Die kirchliche Organisation im Alpenraum" (Diözesen 811-1751/1818) ins Auge gefaßt; für ersteres liegt ein "im Hinblick auf eine schrittweise Erstellung eines thematischen Kartenwerkes" gefaßter förmlicher Beschluß der Kommission III vor (Trient/S. Michele 7./8.3.1991). Vielleicht gelingt es auch, in Auswertung der Tagungen von Davos und Irsee Karten zur Migration und zu den historischen Verkehrswegen im Alpenraum zu erstellen und zu publizieren.

Insgesamt erwies es sich, daß eine gute Grundlage gefunden war für die Durchführung der Historikertagungen der Jahre 1988, 1991 und 1993. Die vereinbarte Vorberatung und eine weiter verbesserte Abstimmung und Koordination der Beiträge der Mitgliedsländer sicherten den Erfolg, die einheitlich in neuem Gewand als Verlagsprodukt der "Athesia" in Bozen hergestellten Tagungsberichte können eine größere wissenschaftliche Öffentlichkeit erreichen. Daß in den Bänden "Die Räter" und "Die Erschließung des Alpenraums für den Verkehr" die bisher übliche Zweisprachigkeit aus finanziellen Zwängen auf die Beigabe einer zweitsprachigen Zusammenfassung reduziert werden mußte, wird im Zuge einer merklich intensivierten Zusammenarbeit über die Ländergrenzen hinweg der Rezeption der Tagungsergebnisse hoffentlich nicht im Wege stehen. Von der für September 1996 nach Bellinzona einberufenen 10. Historikertagung darf man sich weitere wichtige Erkenntnisse und Impulse - in diesem Fall zu den natürlichen, rechtlichen und wirtschaftlichen Aspekten der Almwirtschaft - versprechen. Schließlich hat im Mai 2000 ein Historikertreffen in Sigmaringen zur Thematik "Kirche, religiöse Bewegungen, Volksfrömmigkeit im mittleren Alpenraum" stattgefunden.

Abschließend glaube ich sagen zu dürfen, daß die Historikertreffen der Arbeitsgemeinschaft Alpenländer einen erfolgreichen Weg von einem kulturpolitischen Programm zu einem ertragsreichen wissenschaftlichen Projekt gegangen sind, nämlich zu einer gemeinschaftlichen zielstrebigen Erforschung der historischen Dimension des Alpenraums. Dies wurde möglich durch Verständnis und Förderung seitens der Kulturpolitik, die den "Experten" Initiative und Planungsfreiraum eingeräumt hat, mehr noch durch das bewährte kollegiale Einvernehmen der Landeshistoriker im Alpenraum untereinander und ihre Bereitschaft, zu einem vorberatenen Tagungskonzept eigene Beiträge zu leisten und Referenten zu verpflichten anstatt das eigene fachliche Gärtchen zu bestellen. In Ausführung der Beschlüsse der Regierungschefs der Arge Alp vom Juni 1996 wurden inzwischen die früheren Kommissionen III (Kultur) und IV (Gesundheit und Sport) zu einer neuen Kommission I (Kultur und Gesellschaft) vereinigt und die bisherigen Expertengruppen aufgelöst. Inoffiziell war Ende 2000 zu erfahren, daß die Historikertreffen nicht fortgesetzt werden sollen. Der Schlußsatz meines Referats mag daher als Aufruf verstanden werden: "Die weitere Zukunft wird dann nach dem Maßstab des Interesses der jüngeren Generation von Landeshistorikern und Kulturpolitikern gestaltet werden."



A n h a n g 1 : Tagungsberichte

Bisher erschienen in der Reihe

Informationsblatt der Arge Alp, Kommission III (Kultur) / Bollettino di informazione dell'Arge Alp, Commissione III (Cultura):

7. Origini e funzioni delle istituzioni di studi storici regionali nell'ambito dell'Arge Alp. Convegno storico di Trento, 10-11 dicembre 1982. Trento 1984 / Entstehung und Aufgaben landesgeschichtlicher Forschungseinrichtungen im Bereich der Arge Alp ... 8. [Zentralismus und Autonomie im Alpenraum in der napoleonischen Zeit. Historikertagung in Feldkirch, 26-27. März 1981. Bregenz 1983 / Centralismo e Autonomia nell'arco alpino durante il periodo napoleonico ...] (Karl-Heinz Burmeister) 11. Die Alpenländer zur Zeit Napoleons. Historikertagung in Hall in Tirol, 3.-5. Oktober 1984. Innsbruck 1985 / Le regioni alpine all'epoca napoleonica ... (Tiroler Landesarchiv)

Schriftenreihe der Arbeitsgemeinschaft Alpenländer. Herausgegeben von der Kommission III (Kultur). Neue Folge im Athesia-Verlag / Collana della Comunità di lavoro regioni alpine. A cura della Commissione III (Cultura). Nuova Serie (Casa Editrice Athesia, Bolzano):

1. Die ländliche Gemeinde. Historikertagung in Bad Ragaz, 16.-18. Oktober 1985. Bozen 1988 / Il comune rurale ... (Alois Stadler) 2. Die Römer in den Alpen. Historikertagung in Salzburg, 13.-15. November 1986. Bozen 1989 / I Romani nelle Alpi ... (Elisabeth Zacherl) 3. Vermittlung der Geschichte. Historikertagung in München, 8.-9. Dezember 1983. Bozen 1989 / Diffusione della Storia ... (Erwin Riedenauer) 4. Die Räter. Aus Anlaß der vom Rätischen Museum Chur erarbeiteten gleichnamigen Wanderausstellung. Bozen 1992 / I Reti ... (Ingrid R. Metzger, Paul Gleirscher) 5. Gewerbliche Migration im Alpenraum. Historikertagung in Davos, 25.-27. September 1991. Bozen 1994 / La migrazione artigianale nelle Alpi ... (Ursus Brunold) 6. Die Alpen als Heilungs- und Erholungsraum. Historikertagung in Meran, 19.-21. Oktober 1988. Bozen 1994. Mit Karte und Beiheft "Heilbäder im Bereich der Arge Alp / Le Alpi. Luogo di cura e riposo ... (Josef Nössing) 7. Die Erschließung der Alpen für den Verkehr im Mittelalter und in der frühen Neuzeit. Historikertagung in Irsee 13.-15. September 1993. Bozen 1996 / L'apertura delle alpi per il traffico nel Medioevo e nella prima era moderna ... (Erwin Riedenauer)

In Klammern sind die verantwortlichen Herausgeber bzw. Redaktoren genannt. Die Zählung der Bände erscheint in der Regel nicht auf dem Titelblatt, sondern nur in den Übersichten, z.T. abweichend. Als Beispiele für weitere Veröffentlichungen der Reihe, die nicht auf Historikertreffen beruhen, können genannt werden:

I monumenti funebri nelle regioni alpine. Storia, cultura, conservazione e ristauro. Convegno di esperti a Trento, 3.-4.XII. 1987. Bolzano 1989 / Die Grabdenkmäler in den Alpengegenden. Geschichte, Kultur, Erhaltung und Restaurierung ... (Roberto Codroico, Giuseppe Prosser); Musikerziehung in den Ländern der Arge Alp / Educazione musicale nei paesi dell'Arge Alp, Bozen 1984



A n h a n g 2 : Statut für die Historikertagungen

Es wird festgestellt, daß die Länder der Arge Alp eine vergleichbare Geschichte haben, die vor allem durch den alpinen Raum geprägt ist. Eine Zusammenarbeit auf dem Gebiete der Erforschung der Geschichte und der Vermittlung historischer Erkenntnisse ist somit ein herausragendes Instrument zur Pflege kultureller Gemeinsamkeiten. Als besonders geeignete Organisationsform werden die Historikertagungen betrachtet.

Ziel der Historikertagungen der Arge Alp sind:

Kontakte zwischen den Historikern der Alpenländer herzustellen und zu vertiefen;

Kenntnisse über die Geschichte der anderen Alpenländer zu vermitteln und dadurch das gegenseitige Verständnis zu verbessern;

Forschungen über die geschichtliche Eigenart der Alpenländer und ihrer Bevölkerung, insbesondere über ihre Gemeinsamkeiten anzubahnen und zu fördern. Diese Forschungen sollen auch dazu dienen, die wissenschaftlichen Voraussetzungen für einen historischen Atlas der Alpenländer zu schaffen.

Geschichtlich interessierten Kreisen der Bevölkerung soll die Möglichkeit zur Teilnahme an den Veranstaltungen geboten werden.

Dem alpinen Aspekt ist besondere Beachtung zu schenken. Thema und Art der Durchführung sind indes so zu gestalten, daß die Regionen und Länder mit erheblichem Flachlandanteil in ihrer Mitwirkungsmöglichkeit nicht beeinträchtigt werden. Zur Verwirklichung der genannten Ziele erscheint anstelle stark wechselnder, mehr oder minder zufälliger Tagungsthemen ein Programmrahmen zweckdienlich. Als solcher wurde der im Anhang enthaltene Themenkatalog festgelegt.

Die fachliche Zuständigkeit wird einer Expertengruppe für die Durchführung von Historikertagungen übertragen. Diese wird von einem Mitglied der Kommission III präsidiert. Die Mitglieder werden von den einzelnen Ländern entsandt. Diesen wird empfohlen, die Universitäten, die landesgeschichtlichen Forschungsstellen und die Archivare zu berücksichtigen.

Die Expertengruppe für die Durchführung von Historikertagungen unterbreitet der Kommission III aufgrund des Themenkataloges Vorschläge für einzelne Tagungen. Die Kommission III faßt Beschluß über Thema und Veranstalter und holt bei den Regierungschefs die erforderliche Zustimmung ein.

Die Verantwortung für die Durchführung einer Tagung obliegt dem veranstaltenden Land. Dieses beachtet dabei insbesondere folgende Punkte:

a. Zusammenarbeit mit der Expertengruppe für die Durchführung von Historikertagungen,

b. Klare Auftragserteilung an die Referenten,

c. Rechtzeitige Bereitstellung und Übersetzung der Referate im Hinblick auf die Tagung und auf die spätere Veröffentlichung,

d. Rechtzeitige Bereitstellung des Informationsmaterials (z.B. Einladungen, Plakate, Programme).

Die Referenten können erforderlichenfalls zu einer Vorkonferenz zusammengerufen werden. Grundsätzlich wird ein Rhythmus von zwei Jahren empfohlen.

(Der folgende Abschnitt über den Ablauf einer Tagung, die Teilnehmer und die Drucklegung sind zur Zeit nicht aktuell, da eine Fortsetzung dieses Arbeitsprogramms als Arge Alp-Projekt nicht vorgesehen ist. Dagegen erscheint der vereinbarte Themenkatalog geeignet, Anregungen für Bemühungen um die historisch-landeskundliche Erforschung des Alpenraums auch außerhalb der Arge Alp zu geben.)



A n h a n g 3 : Themenkatalog für künftige Historikertagungen

Vorbemerkung

Die Alpen stellen einen durch weitgehend einheitliche geophysikalische Voraussetzungen in wirtschaftlicher, kultur- und sozialgeschichtlicher Hinsicht stark vorgeprägten geographischen und historischen Raum dar, dessen sehr abwechslungsreiche und dennoch von gleichen Bedingungen her auch wesentliche gemeinsame Grundzüge aufweisende politische Entwicklung durch die Staatenbildungen und Grenzziehungen der letzten zwei Jahrhunderte der unmittelbaren Veranschaulichung und dem persönlichen Erleben weitgehend entzogen ist (Bollettino 7, S. 319). Die daher auch der Geschichtswissenschaft vielfach nur im nationalen Ausschnitt bekannten historischen Phänomene und Prozesse müssen deshalb in gemeinsamer Bemühung zu einem historischen Gesamtbild zusammengefügt werden.

Als ein "historischer Raum" präsentieren sich die Alpen bezüglich gleicher oder in wesentlichen Punkten vergleichbarer Lebensbedingungen und Lebensweisen der Bevölkerung, während die staatlich-politischen Verhältnisse überwiegend von außerhalb des Alpenraumes liegenden Zentren bestimmt wurden und erst im Laufe der Neuzeit eine gewisse Stabilität gewannen.

Forschungen zur historischen Dimension des Alpenraumes werden daher den siedelnden und wirtschaftenden Menschen in seiner natürlichen und sozialen Umwelt zum Ausgangspunkt ihrer Fragestellung machen, die jeweiligen herrschaftlichen Strukturen und politischen Entwicklungen dagegen, in die er als einzelner und als Glied engerer und weiterer Gemeinschaften eingebunden ist, als Rahmenbedingungen seines Daseins bei der Ausarbeitung als ein methodisches Prinzip sorgfältig berücksichtigen.

Die im folgenden zusammengestellten Themenkreise werden nicht vollständig durch Historikertagungen der Arge Alp aufgearbeitet werden können. Es erscheint jedoch notwendig, die vielfältigen, wichtigen und meist in nahem Bezug zu den Problemen unserer Zeit stehenden Themen und Aspekte, die sich zur Wahl anbieten, in den Entwurf eines Gesamtrahmens einzubinden, um den Überblick zu bewahren und heuristische Querverbindungen zu fördern, nach Möglichkeit und Gelegenheit auch einzelne landesgeschichtliche Institutionen und andere Vereinigungen zur Mitarbeit anzuregen.

Es besteht kein Zweifel, daß die Erarbeitung eines auf ein solches Gesamtkonzept gegründeten Historischen Atlasses des Alpenraumes (wie erstmals im Bollettino 7, S. 323 ff. vorgeschlagen) eine besonders hilfreiche Verdichtung und Veranschaulichung der durch die Tagungen gewonnenen oder noch erstrebten historischen Erkenntnisse bewirken würde. Sie wird daher als ein Fernziel, über dessen konkrete Realisierung noch keine gemeinsame Vorstellung erarbeitet wurde, schon an dieser Stelle vorgeschlagen.

Themenkatalog

1. Methoden und Quellen der historischen Forschung im Alpenraum

1.1 Methode, Organisation und wichtigste Ergebnisse der Bodendenkmalpflege im Alpenraum

1.2 Sammlung inschriftlicher und urkundlicher Quellen

1.3 Ländliche und städtische Rechtsquellen für den Alpenraum

1.4 Chroniken, Landesbeschreibungen, Reiseberichte

1.5 Altkarten, Routenhandbücher und verwandte Quellen zur Verkehrs- und Siedlungsgeschichte

1.6 Historische Museen im Alpenraum: Aufgaben, Bestände, Erschließung

2. Voraussetzungen und Entwicklungen der herrschaftlichen Strukturen im Alpenraum

3. Strukturelle Merkmale des Zusammenlebens im Alpenraum

3.1 Bevölkerungsgeschichte und Historische Demographie: Stand und Bewegung

3.2 Migration und Mobilität

3.3 Aspekte des Rechtslebens

4. Materielle Kulturformen im Alpenraum

4.1 Die äußeren Formen des menschlichen Zusammenlebens: Wohnsitz, Nachbarschaft, Gemeinde, andere Gemeinschaftsformen

4.2 Die Wohnformen

4.2.1 Anlage des Bauernhofes

4.2.2 Die Baumaterialien

4.2.4 Die ländliche Bauweise

4.2.5 Die herrschaftliche Bauweise auf dem Lande

4.3 Die Lebensformen: Geburt, Ehe, Tod; Brauchtum und Feste

5. Wirtschaft und Gesellschaft im Alpenraum

5.1 Grundlagen und Formen des Wirtschaftslebens

5.1.1 Strukturen des Grundbesitzes

5.1.2 Land- und Forstwirtschaft

5.1.3 Metallverarbeitung

5.1.4 Gewerbe und Industrie in Stadt und Land

5.1.5 Handel und Märkte

5.1.6 Dienstleistungen

5.2 Verkehrsverbindungen

5.2.1 Straßen, Wege, Pässe

5.2.2 Wasserwege

5.2.3 Transportmittel, Post- und Nachrichtenwesen

5.3 Bildung und Wissen

5.4 Formen der Solidarität: Verbände, Körperschaften, Bruderschaften, Zünfte

6. Phyiopathologische Aspekte und therapeutische Funktionen im Alpenraum

6.1 Alltag - Mensch und Umwelt

6.2 Ernäherung, Gesundheit, Hygiene

6.3 Existenzstörende Einflüsse

6.4 Die Alpen als Erholungsraum: Sanatorien, Bäder, Tourismus

7. Kultstätten und religiöse Ausdrucksformen im Alpenraum

7.1 Stätten der Frömmigkeit

7.2 Liturgische Formen der Frömmigkeit

7.3 Zeugnisse der Volksfrömmigkeit

7.4 Kirchliches Spitals- und Herbergswesen

Den Mitgliedsländern ist es anheimgestellt, aus eigener Initiative und auf Landeskosten zu weiteren Historikertagungen einzuladen.



A n h a n g 4 : Weiterführende Literatur


o.V., Arbeitsgemeinschaft Alpenländer 1972-1987, (Innsbruck) o.J. (Kurzberichte: Schwerpunkte der Kommissionsarbeit) - Alfons Goppel, Analyse und Zukunftsaufgaben der Orts- und Regionalbehörden in den Alpen (Le Alpi e l'Europa I) Bari 1974, 165-200, hier 196 ff. - Alois Glück, Erfahrungen und Perspektiven in der grenzüberschreitenden Planung in den Alpen (Chr. Röder - P. A. Engstfeld hsg., Probleme der Alpenregion. Beiträge aus Wissenschaft, Politik und Verwaltung = Hanns Seidel Stiftung Bildungswerk, Schriften und Informationen 3) o.O. (1977), 51-62, hier 55 ff. - Rainer Roth, Bayern und Europa (R. A. Roth hsg., Freistaat Bayern = Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit A 45) München 21978, 103-122, speziell 108 f. - Nachbarn im Herzen Europas: 20 Jahre Arbeitsgemeinschaft Alpenländer, München 1992 (20 Beiträge zu den Arbeitsgebieten der Arge Alp, Statut der Arbeitsgemeinschaft Alpenländer, Gemeinsames Leitbild für die Entwicklung und Sicherung des Alpengebiets). Aus der letztgenannten Sammelschrift sind hervorzuheben: Georg Thürer, Rückgrat des Abendlands - Politische Geschichte des Alpenraums (71-86), und Leonhard Paulmichl, Eine Brücke über Berge, Seen und Grenzen - 20 Jahre Kulturarbeit in der Arge Alp (197-208).

Cinzio Violante [a cura di], La storia locale. Temi, fonti e metodi della ricerca, Bologna 1982 (Kongreß Pisa 1980) (weitere Beiträge Violantes im Bollettino Storico Pisano 1964/66 und im Bollettino della Società Pavese di Storia Patria 1979) - Marino Berengo, Storia regionale. Tradizioni e istituzioni nella cultura italiana (Vortrag Trient 1980). Die folgenden Beiträge in Jg. VII (1982) der Annali dell'Istituto Storico italo-germanico di Trento / Jahrbuch des deutsch-italienischen Kulturinstituts in Trient erscheinen wichtig: Ernesto Sestan, Origine delle Società di Storia patria e la loro posizione nel campo della cultura e degli studi storici - Egon Boshof, Die landesgeschichtliche Forschung in Deutschland; Karl Bosl, Die Bedeutung der deutschen und italienischen Landesgeschichte für die moderne Gesellschaftsgeschichte Europas und des Westens - Ilaria Porciani, Sensibilità culturale ed erudizione storica in Toscana; Karlheinz Blaschke, Die landesgeschichtliche Arbeit in Sachsen - Helmut Feigl, Landesgeschichte und historische Landeskunde in Niederösterreich.

Eduard Hanslik - Pankraz Fried - Erwin Riedenauer, Kleines Verzeichnis der landesgeschichtlichen Forschungsstätten in den Ländern der Arbeitsgemeinschaft Alpenländer (Materialien zur Geschichte des Bayerischen Schwaben 6) Augsburg 1982.

Erwin Riedenauer, Compiti e metodi della cartografia storica in relazione alla storia territoriale nell'area centrale delle Alpi (G. Coppola - P. Schiera, a cura di, Lo spazio alpino: area di civiltà, regione cerniera = Europa mediterranea. Quaderni 5) Napoli 1991, 23-48 - ders., Die historische Territorienwelt des Alpenraums im Bild moderner Atlanten und zeitgenössischer Kartographie. Ein Überblick mit besonderer Berücksichtigung von Spätmittelalter und Frühneuzeit (Tiroler Heimat 63) 1999, 305-333.

Erwin Riedenauer (hsg.), Landeshoheit ... (Studien zur bayerischen Verfassungs- und Sozialgeschichte XVI) München 1994 (mit je einer Kartenbeilage "Tirol 1500-1533" von Fridolin Dörrer und "Die Grenzen des Erzstifts Salzburg" von Friederike Zaisberger).



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